Stuhrer gründet Pantheismus-Verein

„Man wird eine Art Weltbürger“

Es gibt mehr als Religion und Atheismus. Den Pantheismus zum Beispiel, sagt Torge Meyer. Der Groß Mackenstedter hat den ersten deutschlandweiten Verein um die Denkhaltung gegründet.
10.01.2020, 17:30
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„Man wird eine Art Weltbürger“
Von Alexandra Penth
„Man wird eine Art Weltbürger“

Existenzielle Fragen beschäftigen Torge Meyer schon lange. 2018 hat er den ersten Pantheismus-Verein Deutschlands gegründet.

Vasil Dinev

Sich mit den Fragen des Lebens zu beschäftigen, ist für Torge Meyer eine Lebensaufgabe. Schriften, Regeln, Dogmen – die gibt es im Glaubenskosmos des 27-Jährigen, dem Pantheismus, nicht. „Es ist keine Religion, sondern eine Philosophie“, sagt der Groß Mackenstedter. Das Wort Pantheismus stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den Wörtern „alles“ und „Gott“ zusammen. Es steht für die Vorstellung, dass das Göttliche in allen Dingen der Welt zu finden ist. Oft werden Verbindungen zur Weltseele im Hinduismus oder der Ideenlehre Platons gezogen.

Weil es Meyers Aussage nach kein Netzwerk in Deutschland gibt, in dem sich Gleichgesinnte austauschen können, hat er das selbst in die Hand genommen. „Es fing mit einer Facebook-Gruppe an“, beschreibt Torge Meyer. Die Mitgliederzahl ist seither stetig gewachsen, bewegt sich derzeit zwischen 350 und 400. Eine Größe, die dem Gründer gefällt. „Über 1000 Mitglieder bedeuten oft den Tod einer Facebook-Gruppe“, sagt er. Nicht nur im Netz ist die Denkrichtung inzwischen organisiert. Im Frühjahr 2018 gründete sich der Verein Liga der Pantheisten in der niedersächsischen Gemeinde Schnega. Aus ganz Deutschland kamen Pantheisten zusammen, sagt Torge Meyer. Die erste Jahreshauptversammlung fand in Köln statt, 15 Vereinsmitglieder reisten an. 20 sind es insgesamt. Bei der ersten Tagung vergangenen November in Hannover haben die Aktiven ihre Ziele festgelegt, denn es sollen mehr Menschen vom Pantheismus erfahren, meinen sie. „Es soll Stammtische geben, wir wollen Informationsstände machen“, zählt Torge Meyer auf. Über den Nachrichtendienst Whatsapp halten die Vereinsmitglieder Kontakt. „Das ist wie so eine kleine Familie“, sagt Torge Meyer.

Eine Sekte sei man nicht, betont der Vorsitzende. Wenn Kritiker ihm das unterstellen, antwortet er bloß: „Dann sind wir wohl die freundlichste Sekte der Welt.“ Jeder könne den Verein sofort verlassen, das sei in der Satzung so festgeschrieben. Den Begriff Missionierung lehnt er ebenfalls strikt ab. „Wir wollen niemandem auf die Nerven gehen, die damit nichts anfangen können“, betont er. Der Grundgedanke des Pantheismus sei ja auch ein demokratischer. Es gehe darum, den anderen zu lassen, wie er ist. „Deshalb ist er inkompatibel mit Engstirnigkeit, Homophobie und Rechtsextremismus“, sagt Meyer, der sich bei den Stuhrer Jusos engagierte, der Jungorganisation der SPD.

Theologische Konstrukte und Glaubensrichtungen lehne er nicht ab, er sei für einen offenen Diskurs und gegenseitige Wertschätzung. „Es gibt so viele Götter und Mythologien auf der Welt. Wie kann man da von einer Alleinwahrheit sprechen?“, fragt er. Religion solle den Horizont erweitern, nicht einschränken, das selbstständige Denken nicht ersetzen. Die meisten Mitglieder der Liga der Pantheisten seien religiös aufgewachsen, oft sind es streng gläubige Christen, die sich aus Unzufriedenheit abgekehrt haben von der institutionell organisierten Religion, sagt Torge Meyer. Der Begründer des Pantheismus-Vereins selbst ist nicht religiös sozialisiert worden, beschreibt sich eher als spirituellen Menschen.

Im Alter von 24 Jahren begab er sich auf die Suche. Nach etwas, das ihm Antworten auf seine Fragen bringen würde. Neale Donald Walsch, US-amerikanischer Autor und spiritueller Ratgeber, inspirierte ihn mit seinem Buch „Gespräche mit Gott“. Pantheismus, sagt Torge Meyer, habe schon große Denker wie Albert Einstein, Johann Wolfgang von Goethe und den Philosophen Baruch de Spinoza beschäftigt. Was sie eint: die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Existenz. Torge Meyer findet sich in ihren Ideen stark wieder. „Man wird eine Art Weltbürger“, interpretiert er den konsequent gedachten Pantheismus.

Sein Leben jedenfalls hat dieser grundlegend verändert. Er habe große Träume gehabt, wollte Musik machen. Lieder hat er aufgenommen, sie ins Internet gestellt. Auch bei einer bekannten Castingshow hat er vorgesungen. Jetzt jagt er nicht mehr dem Traum vom Ruhm nach. Innerer Frieden ist sein Antrieb.

Die Stuhrer Jusos, bei denen er aktiv war, hat Meyer verlassen. „Ich bin einfach kein Politiker. Ich war da ein bisschen unglücklich“, schildert er. Torge Meyer denkt vielmehr, dass Erkenntnis Wandel hervorbringt. „Wir sind mehr als Konsument und Steuerzahler. Der Mensch ist in sich allein schon wertvoll“, sagt er. Pantheismus könne sehr wohl politisch interpretiert werden. So schließe der Gedanke, dass allem etwas Göttliches innewohnt, auch Umwelt- und Tierschutz ein.

Die Liga der Pantheisten will die Philosophie als wissenschaftliche Denk-Disziplin näher in die Gesellschaft rücken – ohne akademisch klingen zu wollen. „Man soll nicht mit klugen Worten um sich schmeißen“, sagt Meyer, der Freundschaft, Vergebung und Liebe als praktischen Ausdruck des Pantheismus sieht. Der Denkrichtung will er sich mit ganzer Kraft widmen, schreibt derzeit an einem Buch. Meyer und seine Mitstreiter wollen besonders eines zeigen: „Es gibt eine Alternative zwischen Religion und Atheismus.“

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