Sophie Rosentreter im Interview

„Müssen wieder zum Wir zurückfinden“

Sophie Rosentreter ist Schauspielerin und Moderatorin. Seit einigen Jahren hat sie sich aber der Aufklärung über Demenz verschrieben. Jetzt kommt sie zu einem Vortrag nach Stuhr.
11.09.2019, 17:27
Lesedauer: 7 Min
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„Müssen wieder zum Wir zurückfinden“
Von Eike Wienbarg
„Müssen wieder zum Wir zurückfinden“

Sophie Rosentreter hat sich voll und ganz der Aufklärung über Demenz verschrieben.

Karlheinz Schindler/DPA
Frau Rosentreter, ihre Großmutter erkrankte 2000 an Demenz. Wie hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht?

Sophie Rosentreter: Also bei der Diagnose Alzheimer – oder bei der Form einer Demenz vom Typ Alzheimer – ist es ein sehr schleichender Prozess. Es gibt andere Formen, die wesentlich schneller und aggressiver auftreten. Bei uns war es über anderthalb Jahre immer mal wieder hingucken und nicht verstehen, was da gerade passiert. Dann haben wir oft ermahnt als Familie, weil wir es einfach nicht besser wussten, und haben so dumme Sätze gesagt wie: „Omi, denk doch mal nach.“ Oder: „Was hast du denn jetzt schon wieder gemacht?“ An Beispielen festgemacht: Sie hat ihren Schlüssel verlegt. Gut, passiert jedem von uns, aber mehrmals am Tag war dann schon sehr auffällig. Sie wusste die Kaffeemaschine nicht mehr zu bedienen. Sie ging im Supermarkt verloren, sie ging in ihrer eigenen Straße verloren. Sie zog sich falsch und unpassend zum Wetter an. Nach anderthalb Jahren sind wir dann endlich zum Arzt gegangen und haben relativ schnell dann auch die Diagnose Alzheimer bekommen. Und ganz viele bunte Pillen. Dann ging es los und wir dachten, wir kriegen das hin, wir haben einen Namen. Das war tatsächlich auch eine Erleichterung, dass wir einen Namen für das komische Verhalten hatten. Aber wir hatten damit keine Gebrauchs- oder Bedienungsleitung an die Hand bekommen, sondern einfach nur die Diagnose und bunte Pillen. Und wir haben alles darauf gesetzt, dass diese Medizin Omi irgendwie wieder heilen wird. Wir wollten es einfach nicht wahrhaben.

Die Diagnose war also eine Erleichterung?

Ja, in dem Moment. Wir wussten jetzt endlich, ihr komisches Verhalten hatte eine Ursache: Alzheimer. Aber was danach kam, wurde nicht einfacher. Es wurde mit jedem Tag ein bisschen schwerer. Da fehlte uns einfach die Aufklärung. Das ist damals natürlich zu einer Zeit gewesen, da war das Thema noch nicht so präsent wie es jetzt ist. Aber auch heute ist es noch immer so, dass von 1,7 Millionen diagnostizierten Menschen mit Demenz in Deutschland über 70 Prozent noch zu Hause gepflegt werden. Und von diesen 70 Prozent gerade einmal ein Drittel Hilfe annehmen. Damals war diese Zahl noch wesentlich höher. Wir gehörten genau zu der Hälfte, die eben keine Hilfe angenommen hat. Weil wir dachten, wir sind die Familie und wir haben das zu leisten. Und wir kennen Omi außerdem am besten. Aber natürlich hat das auch etwas mit Scham und Angst zu tun.

Sie haben Ihre Oma gepflegt und später Ihre Mutter. Warum haben Sie sich keine Hilfe geholt?

Zum einen wussten wir gar nicht, was es da draußen alles für Möglichkeiten gibt. Heute – auch durch die Medien – ist es präsenter geworden. Ich hätte mir gerne einen Arzt an der Seite gewünscht, der uns einen kleinen Koffer mit an die Seite gegeben hätte mit Informationsmaterialien über Pflegestützpunkte, Alzheimergesellschaften, Tagespflege, welche Hilfsmittel es auch von der Pflegekasse gibt. Aber auch die ganzen emotionalen weichen Faktoren: Wie kommuniziere ich mit einem Menschen mit Demenz. Da gibt es ganz viele unterschiedliche Kommunikationsformen. So individuell die Menschen sind, so individuell ist im Endeffekt auch die Krankheit und die Herangehensweise. Jeder braucht einen imaginären bunten Koffer an seiner Seite und aus dem kann er sich dann täglich und immer wieder neu in jeder Situation bedienen. Das war uns nicht klar. Und dann tatsächlich das Pflichtbewusstsein. Es ist unsere Pflicht, als Familie zusammenzuhalten. Das macht man so, und wenn jemand krank ist, dann ist man für den anderen da. Bei uns war das genau so. Das war gar keine Frage, schwach zu sein. Aber heute ist mein Credo auch: Hilfe annehmen ist ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche. Die Generation unserer Eltern und unserer Großeltern hat unser Land aufgebaut. Die haben nicht nach Hilfe gefragt, die haben alles selber gemacht. Deshalb ist es natürlich schwerer in so einem Pflegefall oder einer neuen Lebenssituation, sich dann sichtbar zu machen. So ehrlich zu sein und zu sagen: Mir geht’s nicht so gut, der Familie geht’s nicht gut, ich habe keine Ahnung, was da passiert – wer traut sich das schon?! Das ist absolut schambesetzt und zeugt auch von Schwäche. Aber Schwäche zu zeigen, ist in dem Fall ein Zeichen von Stärke.

Sie haben mal gesagt: „Als Omi ins Heim musste, war es fast schlimmer als ihr Tod zwei Jahre später. Wir hatten das Gefühl, versagt zu haben, schlechte Menschen zu sein.“ Woher kam dieses Gefühl?

Weil wir eigentlich bereit waren, Omi auch bis zu ihrem Lebensende, bis zum letzten Atemzug, zu Hause zu pflegen. Natürlich wollte sie nicht ins Heim, und wir wollten sie auch nicht abschieben. Und das ist ein Gefühl von: Wir haben versagt, wir sind schlechte Menschen, wir haben es nicht geschafft. Diese Last, wenn man jemanden ins Heim gibt, nimmt ja nicht ab, sondern das schlechte Gewissen begleitet einen jeden Tag 24 Stunden und macht einfach auch krank. Auch da wieder: Wir hätten viel früher Hilfe annehmen müssen. Man muss ja nicht gleich den Sprung von der Häuslichkeit ins Heim machen. Es gibt ja noch ganz ganz viele Zwischenformen. Zum Beispiel Tagespflege, Betreuungsgruppen oder den ehrenamtlichen Hundebesuchsdienst. Es gibt ganz schöne generationsübergreifende Projekte und Demenzcafés, die es Betroffenen und Angehörigen ermöglichen Lebensfreude zu spüren, gemeinsame gute Momente zu teilen. Soziale Kontakte und gemeinsame schöne Momente sind auch mit einer Demenz ganz wichtig und auch möglich. Und auch für die Angehörigen gibt es gute Unterstützung: Selbsthilfegruppen oder auch Yoga, das wird auch von der Krankenkasse als Präventionskurs bezuschusst. Pflegende Angehörige brauchen dringend ihre Auszeit, denn sonst brennen sie aus und werden selbst zum Pflegefall.

Haben Sie es geschafft, das Versagens-Gefühl zu überwinden?

Der Schmerz steckt noch immer in mir, aber ich habe keine Schuldgefühle mehr. Diese Last habe ich mir mittlerweile von den Schultern genommen. Es ist noch schwer und tut noch weh, weil ich weiß, hätte ich die ganzen Informationen von heute gehabt, wäre vielleicht Mami auch noch am Leben. Auf jeden Fall hätten wir vielmehr schöne Momente miteinander verleben können. Heute gehe ich darin auf, anderen beizubringen, wie es möglicherweise geht und darin finde ich natürlich auch Erleichterung.

Ist ihre Aufklärungsarbeit ein wenig die Aufarbeitung?

Ja, klar. Es gibt aber nichts Schöneres, als helfen zu können und ein Danke zu bekommen. In diesem Bereich Krankheit, Alter und Tod gibt es so unglaublich viel Tiefe, aber dafür muss man bereit sein, nach innen zu schauen. Natürlich gibt es da auch Schmerz, Wut und Trauer aber es gibt eben auch alle anderen Emotionen – und die können auch nebeneinander existieren. Ich fühle mich reichlich beschenkt, das alles erlebt zu haben. Diese Stolpersteine. über die ich tief gefallen bin, haben mich stärker aufstehen lassen. Und die Tränen, die ich geweint habe, haben mich zu dem gemacht, wer ich heute bin und ich bin glücklicher als je zu vor. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie groß ist ihre Angst, selbst an Demenz zu erkranken?

Die ist nicht groß. Die schwindet auch immer mehr. Je mehr ich über Alter, Krankheit und den Tod rede, um so weniger Angst habe ich. Ich habe verstanden, dass das das Leben ist, und je mehr man mitgeht, annimmt, desto mehr scheint alles im Fluss. Ich weiß, dass Lebensfreude bis zum letzten Atemzug möglich ist. Wovor ich allerdings Angst habe, oder was mir Sorgen macht, ist das Image des Alters in unserer Gesellschaft und auch das Image der Pflege. Pflege ist etwas unfassbar Wertvolles und Schönes – egal ob nun professionelle Pflege oder in der Häuslichkeit. Wir sind eine sehr ego-getriebene Gesellschaft, in der die Leistung im Vordergrund steht. Aber die Alten können auch etwas leisten, nämlich Weisheit schenken, Erfahrungen weitergeben – wir haben vergessen hinzuhören, weil wir uns selbst am wichtigsten sind. Wir müssen wieder zum Wir zurückfinden und das geht nur, in dem wir alle Generationen miteinander verbinden und die Hände reichen, uns gemeinsam in die Augen gucken und eine Welt gestalten, in der alles Platz hat. In der auch ein bisschen Verrücktheit Platz hat. Von Menschen mit Demenz kann man unglaublich viel lernen. Man kann mit ihnen nicht über den Verstand kommunizieren, sondern nur über das Gefühl. Das sehe ich als Chance.

Ihr Vortrag in Stuhr ist mit „Demenz mit Leichtigkeit begegnen“ überschrieben. Was genau heißt das für Sie?

Ich möchte nicht die Diagnose auf die leichte Schulter nehmen. Das gar nicht. Aber hätte ich das Wissen von heute damals gehabt, wäre es um ein Vielfaches leichter gewesen, das Leben zu genießen – auch mit einem Pflegefall und mit einer Demenz in der Familie. Und genau darum geht es. Ich möchte so viele Möglichkeiten an die Hand geben, wie es nur geht, und dass die Menschen da bereichert rausgehen und mit mehr Leichtigkeit in den nächsten Tag starten können – und mehr Leichtigkeit in Begegnung mit demenziell Veränderten und sich selbst auch spüren können.

Sie sprachen von einem imaginären bunten Koffer. Was kann denn da drin sein? Wie lassen sich solche Dinge in den Alltag einbauen?

Wissen. Von Kommunikationsformen, über den möglichen Verlauf der Demenz, therapeutische Ansätze, bis zu Hilfsmitteln für die Gestaltung des Alltags. Ganz wichtig ist, zu akzeptieren, dass die Menschen in ihrer eigenen Welt aus Erinnerungen und Gefühlen leben und nur wir können in ihre Welt eintauchen und das Vertrauen von ihnen gewinnen, wenn wir sie spiegeln und wir sie ernst nehmen. Wir versuchen es oft durch Sätze wie: „Omi, denk doch mal nach oder streng dich doch mal an.“ Da helfen wir der betroffenen Person nicht und uns selber auch nicht. Das führt zu nichts Gutem. Ich lasse sehr viele Experten, Betroffene und Angehörige zu Wort kommen in Form von kleinen Filmchen und Geschichten. Erich Schützendorf (Diplom- Pädagoge und Autor, Anm. d. Red.) bedient sich immer der Worte aus „Der kleine Prinz“: „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.“ Der ist so wunderbar einsetzbar auf Menschen mit Demenz. Das fällt uns sehr schwer, weil wir eine sehr verkopfte Gesellschaft sind. Hier gebe ich Möglichkeiten für den Alltag mit.

Welche Botschaft würden Sie denn den Zuhörern ihres Vortrags mit auf den Weg geben?

Ich spreche am Ende über den Tod und wie es ist, jemanden in den Tod zu begleiten. Da ist mir eine Sache aufgegangen am Sterbebett meiner Großmutter: Es kommt nicht darauf an, was man im Leben erreicht, sondern wen man erreicht. Ich möchte Brücken bauen unter den einzelnen Akteuren. Mein Ziel ist, das die Menschen stehen bleiben, sich in die Augen gucken und sich die Hände reichen.

Das Gespräch führte Eike Wienbarg.

Info

Zur Person

Sophie Rosentreter (43)

ist Schauspielerin und Moderatorin. Im Jahr 2000 erkrankte ihre Großmutter an Demenz und starb neun Jahre danach. Zwei Jahre später verstarb ihre Mutter an Krebs. Seitdem engagiert sie sich für Betroffene, Angehörige und Pflegende. 2018 erhielt sie den Deutschen Pflegepreis in der Kategorie Freund der Pflege.

Info

Zur Sache

Vortrag in Stuhr

Auf Einladung des Vereins Pro Dem kommt Sophie Rosentreter am Dienstag, 17. September, zu einem Vortrag unter dem Titel „Demenz mit Leichtigkeit begegnen“ ins Stuhrer Rathaus, Blockener Straße 6. Dort spricht sie von 18 bis 19.30 Uhr. Pro Dem bittet um eine Anmeldung unter 04 21 / 8 98 33 44. Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine Spende wird gebeten.

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