Nabu Stuhr im Einsatz

Lebensraum mit der Kettensäge schaffen

Etwas beseitigen, um etwas zu schaffen: Das ist das Prinzip beim Beschneiden von Kopfweiden, das vier Mitglieder des Stuhrer Naturschutzbundes am Sonnabend erledigt haben. Dadurch entsteht Lebensraum für Tiere.
07.02.2021, 17:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Ulbricht
Lebensraum mit der Kettensäge schaffen

Alle zwei bis drei Jahre müssten die Kopfweiden beschnitten werden, damit der Stamm sich nicht spaltet und die Bäume auseinanderbrechen.

Michael Galian

Stuhr-Heiligenrode. Mehr als 600 Mitglieder hat der Naturschutzbund (Nabu) in Stuhr, 20 von ihnen im aktiven Bereich. Vier waren am Wochenende am Kuhteichweg in Heiligenrode mit der Kettensäge im Einsatz, um die Kopfweiden, die hier am Wegesrand stehen, zu beschneiden. „Die Bäume wurden vor über 20 Jahren als Uferbefestigung für den Klosterbach gepflanzt“, erklärte der Biotop-Verantwortliche des Nabu Stuhr, Bernhard Helmerichs, der gemeinsam mit Wladimir Tykac, Udo Hullmann und Bettina Mengedoth den eisigen Temperaturen trotzte.

Alle zwei bis drei Jahre müssten die Kopfweiden beschnitten werden, damit der Stamm sich nicht spalte und die Bäume auseinanderbrächen, so Helmerichs weiter. Doch die Beschneidung hat noch weitere Vorteile, vor allem für die Tier- und Pflanzenwelt, die diese Bäume umgibt. „Aufsitzende Pflanzen gehen in die Nischen dieser Bäume“, erklärte der Nabu-Fachmann. Vor allem Gräser und Farne siedeln sich in den kleinen Lücken der Stämme an.

Die Kettensägen kamen dieses Mal ausnahmsweise etwas früher zum Einsatz, weil die Nabu-Mitglieder vorhaben, die Äste zu Flechtzäunen weiter zu verarbeiten.

Die Kettensägen kamen dieses Mal ausnahmsweise etwas früher zum Einsatz, weil die Nabu-Mitglieder vorhaben, die Äste zu Flechtzäunen weiter zu verarbeiten.

Foto: XYZ

„Dadurch dass wir die Kopfweiden beschneiden, bekommen die Bäume so etwas wie offene Wunden“, sagte Helmerichs. Diese dienten dann als Eintrittswunden für Pilze. So entstehe wiederum Totholz. „Durch eine sogenannte Kallusbildung versucht der Baum diese offenen Stellen zu verschließen“, ergänzte der Biotop-Verantwortliche. Dies gelinge jedoch nicht völlig. Also bleiben die offenen Stellen, die im Laufe der Jahre immer größer werden. „Wenn sie alt genug sind, dienen diese Höhlen als Lebensraum für Käfer, Vögel oder auch Fledermäuse“, so Helmerichs weiter. „Die Bäume bieten ein angenehmes Klima, Nahrung und Schutz.“ Zudem helfen auch die Tiere, die Löcher und damit die Lebensräume in den Bäumen weiter zu vergrößern. Die Käfer zersetzen das Holz und Spechte tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie versuchen, an ebendiese Insekten zu gelangen. Am Ende sind die Hohlräume groß genug, dass Höhlenbrüter ihre Nester hineinbauen können. „Da ist unheimlich viel Leben drin“, freute sich Bernhard Helmerichs. Deswegen seien die Bäume so interessant für den Natur- und Artenschutz.

Schließlich werde die Natur vom Menschen immer weiter zurückgedrängt, gab Helmerichs zu bedenken. Darum sei es umso wichtiger, nicht nur Biotope als Ausgleich zu schaffen, sondern diese auch miteinander zu vernetzen, damit etwa Vögel genügend Anlaufpunkte haben. „Gegenüber von diesem Biotop sind weitere Nabu-Flächen und ein Weg mit alten Gehölzen und Nistkästen“, so der Fachmann. Zudem gebe es in der näheren Umgebung eine Überschwemmungsfläche, die seltene Stauden beherberge.

Vier der aktiven 20 Mitglieder des Stuhrer Nabu waren im Einsatz.

Vier der aktiven 20 Mitglieder des Stuhrer Nabu waren im Einsatz.

Foto: xxx

Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen hätten Tiere wenig Chancen, sich anzusiedeln, weil dort bereits im April gemäht und damit der Lebensraum vernichtet werde. „Wenn wir vermehrt extensiv bewirtschaftete Flächen haben, dann haben die Tiere auch eine Chance, ihren Job zu machen“, sagte Helmerichs mit einem Blick auf die rund einen halben Hektar große Fläche, auf der die Kopfweiden zu finden sind. Für diese extensive Bewirtschaftung werden vom Nabu auch Rinder eingesetzt. „Die lassen einige Pflanzen stehen, und Kuhfladen sind kleine Biotope für sich“, so Helmerichs.

Die Highland-Rinder am Klosterbach ließen sich nicht beeindrucken von den lauten Kettensägen. Die kamen dieses Mal ausnahmsweise etwas früher zum Einsatz, weil die Nabu-Mitglieder vorhaben, die Äste weiter zu verarbeiten. Aus dem biegsamen Holz wollen sie Flechtzäune bauen, verrieten die Naturschützer bei der Aktion. Wo diese Zäune zum Einsatz kommen, wussten sie allerdings noch nicht.

Von den 17 Kopfweiden, die am Kuhteichweg stehen, wurde etwa die Hälfte beschnitten. Die andere Hälfte soll im Frühjahr mit ihren Weidenkätzchen Bienen und andere Insekten mit Nahrung versorgen. Auch an weiteren Stellen in der Gemeinde werden Kopfweiden beschnitten. Unter anderem sind sie am Ende der Highlandweide, in der Brinkumer Marsch und am Bruchdamm zu finden. „Bis Ende Februar sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, weil dann die Brut- und Setzzeit beginnt“, erklärte Bernhard Helmerichs, der empfiehlt, auch im heimischen Garten ähnliche Biotope zu schaffen.

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