„Das Frieda-Projekt“ Moordeicherin versorgt Obdachlose in Bremen mit Essen und Kleidung

Kerstin Bartschs Garage in Stuhr-Moordeich gleicht einem Lebensmittel- und Warenlager. Was dort in Kartons liegt, ist nicht für sie, sondern für Menschen, die keine feste Bleibe haben.
02.06.2020, 22:03
Lesedauer: 5 Min
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Moordeicherin versorgt Obdachlose in Bremen mit Essen und Kleidung
Von Alexandra Penth

In Kerstin Bartschs Moordeicher Garage türmen sich zu beiden Seiten die Kartons. Nur gehört das, was dort lagert, nicht zu ihrem eigenen Hausstand. Gewissermaßen ist es zukünftig Eigentum anderer – genauer gesagt derjenigen mit wenig Besitz, weil sie ohne feste Bleibe sind. Hygieneartikel, Eistee, in Plastiktüten verpackte Kleidung, Turnschuhe, Papp-Paletten mit Hundefutter, Zelte, Schlafsäcke und vieles mehr für das Leben auf der Straße stapelt sich in der Garage. Aus der ist inzwischen so etwas wie ein kleines Warenlager geworden. Alles gesammelte Spenden von Mitgliedern des Frieda-Projektes, einem losen Zusammenschluss über das soziale Netzwerk Facebook, dem rund 1400 Mitglieder angehören. Bartsch ist eine der Administratoren, die Spenden für die Bremer Obdachlosenhilfe annehmen.

Ihr Engagement ist innerhalb von vier Jahren auf Warenlager-Größe gewachsen. Alles fing damals damit an, dass Bartsch auf ihrer Lohnsteuerabrechnung bemerkte, wie viel Kirchensteuer sie zahlen sollte. „Ich wollte mit dem Geld direkt etwas bewirken“, erzählt sie von ihrem Antrieb. Etwa zeitgleich zeigte ihr Facebook die Gruppe des Frieda-Projektes an.

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Also kaufte sie Joghurt und ein paar Getränke, und brachte ihre Einkäufe an einem Freitag am Stand des Projektes neben dem Bremer Cinemaxx vorbei. Es war ein nicht unbedingt angenehmer erster Kontakt mit den Obdachlosen, gibt Bartsch unumwunden zu: „Es war erschütternd zu sehen, wie sich die Menschen da drauf stürzten“, sagt sie. Erst half sie sporadisch bei der Ausgabe mit kalten und warmen Speisen mit. Sie habe sich geduldet gefühlt, mehr aber auch nicht.

Kein Tag ist wie der andere

Mit der Kontinuität aber wuchs schließlich die Nähe. „Dann gab es plötzlich solche Momente wie: 'Ach, der Kuchen war von dir? Den musst du noch mal machen'“, skizziert Kerstin Bartsch und lacht kräftig. „Das ist das, warum du da stehst.“ Kein Tag bei der Obdachlosenhilfe ist wie der andere. Besonders nah war Kerstin Bartsch die Reaktion eines Mannes gegangen, als die Helfer sich eines Winters dazu entschlossen hatten, Kerzen in Marmeladengläsern an Obdachlose zu verschenken. Er sagte, dass es der Todestag seiner Tochter sei – der Grund, warum er auf der Straße lebe. „Dann hatte er ein Licht, mit dem er vorm Zelt sitzen und an seine Tochter denken konnte“, erzählt Bartsch mit milder Stimme.

Eine Frau wiederum, die schwer alkoholkrank ist, bleibt stets bis zum Schluss, macht die Tische sauber und hilft mit, sie ins Auto zu räumen. Einmal, sagt Bartsch, kam jemand am Frieda-Stand am Cinemaxx vorbei, informierte sich kurz über das Projekt und drückte den Helfern 200 Euro in die Hand. „Da hat die ganze Schlange applaudiert“, sagt Bartsch. Natürlich stehen einige Obdachlose unter dem Einfluss von Drogen oder sie sind stark alkoholisiert. Doch die Moordeicherin hat das Gefühl, dass die Helfer ein hohes Maß an Respekt genießen. Als jemand sie einmal wegen Unstimmigkeiten angreifen wollte, hielten andere Anstehende denjenigen zurück.

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Freundschaft zu den Menschen von der Straße, sagt Bartsch, ist wohl zu viel gesagt. Aber ein Vertrauensverhältnis sei es. Und das sei viel Wert bei Menschen, die oft völlig in sich zurückgezogen leben, teilweise auch mit dem System abgeschlossen haben. Manche weinen sich bei den Helfern aus, wenn ein guter Freund gestorben ist, erzählen von Krankheiten. Andere sind verschlossen, haben sich schon den hundertsten Kaffee abgeholt, Bartsch weiß aber trotzdem nichts über sie.

Die Helfer versuchen stets, ein warmes Essen anzubieten.40 Liter Gulasch oder Nudeln mit Soße für meist 50 bis 80 Menschen werden gezaubert. Selten kostet die Zubereitung mehr als 30 Euro. Viel für wenig Geld. „Da ist Kreativität gefragt“, sagt Bartsch.

Der letzte Funke Selbstachtung

Schuhe können die Helfer wegen des großen Verschleißes immer gebrauchen. Als Altkleidersammlung für die Röcke der Großmutter möchte Bartsch ihre Garage aber nicht verstanden wissen. Der Großteil der Obdachlosen sei Anfang 20 bis Mitte 30. Und auf gut sitzende Kleidung lege man Wert. „Ich denke, das ist für viele der letzte Funke Selbstachtung.“

Die Corona-Situation hat die Arbeit der Frieda-Gruppe komplett umgekrempelt. Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann hatte die Projekte der Obdachlosenhilfe koordinieren wollen. Die Frieda-Gruppe ergänzt nun freitags das Angebot der Hilfsorganisationen auf der Bürgerweide und verteilt Kaffee und Kuchen an Wohnungslose und Bedürftige. Im Anschluss machen sich die Administratorin Karin Amelung und Helferin Sarah Kramer mit dem Bollerwagen, beladen mit Kaffee, Lunchpaketen und Dingen des täglichen Bedarfs, auf den Weg und suchen die Wohnungslosen auf. Bewusst sind es nur sie, denn die Privatsphäre der Menschen soll gewahrt werden. Taucht jemand Unbekanntes an der Schlafstätte auf, sei das so, als würde ein Fremder im Wohnzimmer stehen, sagt Bartsch.

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Auf der Bürgerweide versorgt das Frieda-Team rund 400 Menschen, kocht zuvor bis zu 70 Liter Kaffee. Kerstin Bartsch und Sabine Müller, ebenfalls aus Stuhr, verteilen Heißgetränke und Gebäck. Zwei bis vier Mitglieder der Gruppe helfen bei der Essensausgabe. Der Anteil an Obdachlosen und Bedürftigen halte sich die Waage. Sonst sind Erstere die Stammklientel von Frieda, die ihren Namen einem Fahrradanhänger zu verdanken hat. Mit ihm zog die Gründerin des Projekts durch Bremen, um Spenden an Obdachlose zu verteilen. 2014 war das.

Gut drei Stunden sind die Helfer bei ihren Einsätzen gefordert, die Planung aber beschäftigt Bartsch derzeit bis zu 15 Stunden pro Woche. Ihr Ehrenamt hat der 55-Jährigen auch die Richtung für ihr weiteres Leben aufgezeigt. Bartsch studierte Betriebswirtschaftslehre, arbeitete dann im kaufmännischen Bereich. Zuletzt war sie als Online-Redakteurin tätig. Die soziale Komponente aber fehlte ihr, weshalb sie seit Kurzem Sozialmanagerin ist.

Was Menschen auf die Straße bringt

Bartsch weiß um die Umstände, die Menschen auf die Straße bringen. Schulden zum Beispiel, Kriminalität, Probleme mit der Familie, psychische Erkrankungen und Süchte. Ist im Pass keine Adresse vermerkt, gestalten sich Job- und Wohnungssuche schwer. „Die kommen aus der Nummer nicht mehr so einfach raus.“ Zugereiste, die nicht vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, haben in Deutschland keinen Anspruch auf Sozialhilfe, müssen sich durchschlagen.

Niemand nimmt das auf sich, wenn die Not nicht wäre, sagt Bartsch, die Vorurteile nicht nachvollziehen kann. Sie erzählt von Roma-Frauen, die durch Prostitution hierzulande ihr Dorf in der Heimat finanzieren. „Es ist eine Parallelwelt, von der wir bei Frieda nur am Rande etwas mitbekommen.“ Bartsch sieht die Sache realistisch, benennt die Dinge beim Namen: „Wir sind nicht dazu da, die Welt zu verändern. Wir wollen, dass diese Menschen eine gute Zeit haben.“

Unterstützer können sich bei der Facebook-Gruppe „Das Frieda-Projekt - Obdachlosenhilfe in Bremen“ anmelden.

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