Mentoring-Programm „Frau macht Demokratie“ Die Heimat aktiv mitgestalten

Zwei politisch interessierte Stuhrerinnen haben an dem niedersächsischen Mentoring-Programm „Frau macht Demokratie“ teilgenommen. Dieses soll die Frauenquote in der Politik erhöhen.
08.03.2021, 17:41
Lesedauer: 4 Min
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Von Antonia Blome

Stuhr/Landkreis Diepholz. Der Kommunalpolitik in Niedersachsen fehlt es an Frauen. Da bildet der Landkreis Diepholz keine Ausnahme: „Je kleiner und ländlicher der Rat, desto geringer ist auch der Frauenanteil“, sagt Christina Runge, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Obwohl die Situation in den Samtgemeinderäten besser als in einzelnen Ortsräten aussehe, werde auch da oft kein Drittel an weiblichen Mitgliedern erreicht. Gegen dieses Problem vorzugehen und Frauen den Weg in die Politik zu erleichtern, ist das Ziel des Niedersächsischen Mentoring-Programms „Frau macht Demokratie“.

Britta Buttelmann und Anne-Lene Alyanak sind Mitglieder der Stuhrer Grünen und nahmen als Mentees, also Menschen, die von Mentoren betreut werden, an dem Programm teil. Der Frauenanteil im Stuhrer Gemeinderat beträgt bei insgesamt 39 Mitgliedern ein Drittel. „Ich hatte vorher keinen Kontakt zur Politik und bin zufällig in der Zeitung auf das Programm aufmerksam geworden“, erinnert sich Lehrerin Britta Buttelmann, die vor 15 Jahren nach Stuhr gezogen ist. „Ende 2019 bin ich dem Stuhrer Ortsverein der Grünen beigetreten und habe mich für Inhalte wie zum Beispiel das Schwimmbad eingesetzt.“ Besonders wichtig ist der Mutter, wie sie sagt, dass Jugendliche mehr an politischen Vorgängen beteiligt werden.

Anne-Lene Alyanak ist seit 2017 aktives Mitglied der Stuhrer Grünen und wurde im Sommer 2019 in den Vorstand gewählt. „Ich bin aus Kiel zugezogen und wollte meine neue Heimat mitgestalten“, sagt sie. „Durch den Bürgermeisterwahlkampf, welchen ich aktiv unterstützte, wurde mir schnell klar, dass ich für die kommunalpolitische Arbeit bereit bin.“ Ihr Ziel sei außerdem, ein Vorbild für ihre Familie zu sein und zu zeigen, wie man sich politisch beteiligen könne. Die Mentorin beider Frauen war Ratsfrau Dörthe Siemers-Wulff von den Grünen in Stuhr, doch auch männliche Politiker können die Mentees in dem Programm begleiten. Für die Kommunalwahl am 12. September dieses Jahres lassen sich die zwei Stuhrerinnen für den Gemeinderat aufstellen.

Netzwerken mit Politikerinnen

Ihre Mentorin haben die Frauen, wie sie sagen, zu einigen Ortssitzungen begleitet. „Bei der ersten großen Veranstaltung in Hannover kamen etwa 500 Frauen aus der Politik zusammen und es war toll, auf so viele engagierte Frauen zu treffen“, sagt Britta Buttelmann. Auch in Syke hätten sich die Frauen zum Beispiel zu der Veranstaltung „Punsch und Politik“ getroffen, bei der es um das Netzwerken gehe.

„Das Netzwerken hat geholfen und es war toll, andere Politikerinnen aus Niedersachsen zu treffen und zu sehen, wie nahbar und freundlich sie sind“, sagt Buchhändlerin Anne-Lene Alyanak. Bei einer Rahmenveranstaltung habe auch Carola Reimann, ehemalige Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung und Initiatorin des Programms, einen Vortrag gehalten. Eine Reihe ehemaliger Mentor-Mentee-Gespanne habe ebenfalls teilgenommen und gezeigt, wo ihr Weg nach dem Programm hingeführt habe.

„Einige der Mentorinnen, die nun Frauen unter ihre Fittiche nehmen, waren früher selbst Mentees“, informiert Christina Runge. „Es braucht Vorbilder und positive Begleitung.“ Auch die Stuhrerinnen können sich diesen Weg vorstellen: „Wenn ich in den Gemeinderat gewählt werde, möchte ich auf jeden Fall einmal Mentorin sein“, wirft Britta Buttelmann einen Blick in die Zukunft. Und auch für Anne-Lene Alyanak, die sich politisch auch zukünftig in Stuhr sieht, ist diese Vorstellung in acht oder zwölf Jahren realistisch, wie die 37-Jährige sagt.

Obwohl sie vom Stuhrer Gemeinderat stets Unterstützung erfahren hat, stieß Anne-Lene Alyanak nach eigenen Angaben aufgrund ihres Engagements in privaten Kreisen auch auf Kritik: „Mir werden oft kritische Fragen gestellt, ob ich das aufgrund meines jungen Alters oder der Tatsache, dass ich nicht Politik studiert habe, schaffen könnte.“ Dabei müssten Interessierte, um sich politisch einzusetzen, keine besondere Ausbildung haben. Sie bekämen das Material, das sie bräuchten, vorgelegt und könnten sich dann eine eigene Meinung bilden.

Konservative Rollenbilder

Wieso ist der Frauenanteil in der Kommunalpolitik eigentlich so gering? Da gibt es keine einfache Antwort, stellt Christina Runge klar. Weiblichen Interessenten fehle es zum Beispiel oft an Zeit, um an abendlichen Sitzungen teilzunehmen. Viele Frauen würden aufgrund von konservativen Rollenbildern zu der Zeit eher Abendbrot machen und die Kinder ins Bett bringen, anstatt mit der Aktentasche in die Ratssitzung zu gehen. „Ich möchte Frauen Mut machen, sich politisch einzumischen“, betont die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Diepholz. Denn: „Politik ist zu wichtig, als dass man alle Entscheidungen den Männern überlassen kann. Denn diese betreffen schließlich auch Frauen.“

Info

Zur Sache

Frauen auf die Kommunalwahl vorbereiten

Das Mentoring-Programm wurde von Politikerin Carola Reimann (SPD) aufgelegt und fand nun bereits zum sechsten Mal in Vorbereitung auf die Kommunalwahl statt. Es setzt sich aus drei regionalen Rahmenveranstaltungen sowie neun Terminen, Videoveranstaltungen, 16 Livechats und dem regionalen Begleitprogramm zusammen. Nach dem Start im August 2019 endete das Angebot Anfang dieses Jahres, nachdem es aufgrund von Corona verlängert worden ist. „Die Programme haben immer einen anderen Namen und werden stets weiterentwickelt und evaluiert“, erklärt Christina Runge, die die regionale Betreuung des Programms im Landkreis Diepholz übernimmt, das Konzept. Von jungen Frauen Ende 20 bis zu Ruheständlerinnen über Menschen mit und ohne Migrationshintergrund seien die Teilnehmerinnen vielfältig gemischt. Weitere Informationen stehen im Internet unter http://www.frau-macht-demokratie.de/ zur Verfügung.

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