Mahmood Falaki liest in Stuhr Raus aus dem Irrsinn – rein in den Iran

Das Gastspiel des Autoren Mahmood Falaki in Stuhr war weit mehr als eine Lesung. Es wurde auch diskutiert – über seine iranische Heimat, den Hund im Islam und den Blick auf die Norddeutschen.
14.09.2018, 18:37
Lesedauer: 2 Min
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Von Dagmar Voss

Stuhr. Zur Lesung hatten am Donnerstagabend die evangelischen Kirchengemeinden Stuhr und Varrel ins Stuhrer Gemeindehaus eingeladen. Der aus dem Iran stammende Autor Mahmood Falaki sollte aus seinem neuen Werk lesen, einem als Krimi angekündigten Buch mit dem Titel „Tödliche Fremde“. Dass es dann viel mehr wurde als eine Krimilesung, lag nicht nur an der Literatur, sondern auch an den Zuhörern, die mit dem Schriftsteller diskutierten.

Denn der Kriminalroman entpuppte sich – wie es der Titel mit seiner Vieldeutigkeit schon fast vermuten ließ – als eine vielfarbige Melange. Zum Handlungsstrang um die Entsorgung einer Leiche, die mitunter zum Lachen anregte, gesellten sich philosophische Betrachtungen über das Leben als Deutsche und als Fremde. Kleine Anekdoten über eine demente Nachbarin mit Hund oder über Beobachtungen während einer U-Bahn-Fahrt sowie Schilderungen des Lebens im Iran gaben dem Ganzen eine etwas andere Note, als man im Krimi erwartet hätte.

Sein Buch nutzt Mahmood Falaki zur Thematisierung der aktuellen „Fremden“-Problematik und Erkundung universeller zwischenmenschlicher Komplikationen um Liebe und Tod. Neben besagter Problematik der Leichenbeseitigung wirft Falaki andere Fragen auf, die den Protagonisten Nima, einen 43-jährigen Hamburger Lehrer, beschäftigen. Um ihn herum scheinen alle nicht mehr ganz bei Trost zu sein. Sein Kumpel Heiko will, dass er mit seiner Frau schläft. Sein Freund Bardia, ein geflüchteter mittelloser iranischer Dichter, verwickelt sich in Rauschgiftgeschichten und einen Mordfall. Um diesem Irrsinn zu entfliehen, bricht Nima zu einer Reise in sein Herkunftsland auf, den Iran. Seit der politisch begründeten Flucht seiner Eltern vor 33 Jahren hat Nima das Land nicht mehr betreten. Also entscheidet er sich, seine Wurzeln zu erkunden, der eigenen Identität nachzuspüren. Im Iran erlebt er nicht nur einen Kulturschock, sondern auch Korruption, Unterdrückung und Behördenwillkür. Schilderungen, die sicherlich auch die Lesungsgäste schockten.

Eingangs, nach der Begrüßung des Verlegers Madjit Mohit, in dessen Bremer Sujet Verlag das Buch erschienen ist, gab es einige Erläuterungen von Wolfgang Schlott, Professor an der Universität Bremen für interkulturelle Literatur. Verschiedene literarische Gattungen stellte er in Aussicht. Und so kam es dann auch, denn neben dem eigentlichen Handlungsstrang und den Erlebnissen in Hamburg, Berlin und Teheran beschrieb Falaki die inneren Erlebnisse in diesen Emotionen. Fast wie Traumsequenzen wirkten diese, beschrieben als verschiedene innere Überfälle von Verlorenheit, Machtlosigkeit oder Ekstase.

Nicht nur Zuhören war vorgesehen, auch Diskussion. Eine Zuhörerin empfand die Schilderungen über den Hund, ein wichtiges Bezugswesen des Deutschen, als „sehr satirisch“. Schließlich gelte ja der Hund im Islam als unrein. Nun ja, da musste Falaki widersprechen, denn er sei kein Moslem. Eine andere Zuhörerin sah in den gehörten Teilen „einen sehr liebevollen und gelungenen Blick auf die Norddeutschen“, die sehr steif seien, aber über den Hund miteinander ins Gespräch kämen. Warum er nach Deutschland gekommen sei, wollte jemand wissen. Erfahren konnte man, dass Falaki schon immer ein dezidiert politischer Autor gewesen sei, was letztlich zur Flucht führte: „Eigentlich wollte ich nach Frankreich, aber nun freue ich mich, dass ich hier geblieben bin.“

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