Schießen

Tokio ist Seeligers Anker

Elke Seeliger hatte ihr Sportjahr auf die Paralympics in Tokio ausgelegt. Die Weyherin ist nun im Wartestand – aber keinesfalls untätig.
12.11.2020, 15:47
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Tokio ist Seeligers Anker
Von Jürgen Juschkat
Tokio ist Seeligers Anker

Elke Seeliger hat bereits eine große Medaillensammlung und hätte diese gern in Tokio erweitert. Darauf hofft die Sportschützin nun im kommenden Jahr.

Jürgen Juschkat

Für die Sportschützin Elke Seeliger aus Weyhe ist 2020 irgendwie ein gebrauchtes Jahr: Die Rollstuhlfahrerin hätte eigentlich an den Paralympics in Tokio teilnehmen sollen, doch dieses weltweite Event wurde aufgrund der Corona-Pandemie ebenso wie die Olympischen Sommerspiele abgesagt. Aber auch gesundheitliche Probleme hätten eine Teilnahme der Ausnahmeschützin aus der Region verhindert.

Nach dem ersten Lockdown hatte Elke Seeliger noch zu Hause geübt und sich fitgehalten. „Frohen Mutes habe ich Trockentraining absolviert“, erklärt sie. Dann aber kam die Absage für die beiden olympischen Veranstaltungen und eine längere Krankengeschichte. „Seit Anfang November bin ich aber wieder voll einsatzfähig“, berichtet die Weyherin. An diesem Wochenende wäre sie sogar wieder zum Nationalkader-Training nach Suhl gefahren, doch auch dieses wurde mittlerweile gestrichen. Erst im Dezember soll wieder ein Treffen angesetzt werden. Übrigens findet vor jedem dieser Treffen ein Corona-Test statt, und das Negativergebnis muss Bundestrainer Udo Krenn vorgelegt werden. Seeliger: „Volle Kontrolle finde ich in Ordnung, denn wir gehören alle zur Risikogruppe.“

Hoffen auf 2021

Nun ruhen wettkampfmäßig alle Hoffnungen darauf, dass die Paralympics 2021 in Tokio nachgeholt werden. „Das braucht man als Anker, um weiterzumachen. Statt des Kader-Trainings hat sich Elke Seeliger für Ende der Woche einen Stand auf der Anlage des Niedersächsischen Sportschützenverbandes (NSSV) in Hannover gesichert, um selbstständig zu trainieren. Ehrgeizig ist sie schon immer gewesen.

Nicht nur die Teilnahme an den Paralympics, sondern auch das Debüt in der 2. Luftgewehr-Bundesliga ist als Starterin des SV Stuhr von 1912 in diesem Jahr nicht möglich. Diese Meisterschaftsrunde hat nämlich der Deutsche Schützenbund abgesagt. Die Vereine organisieren jedoch einen Ersatz-Wettkampf in Eigenregie. Doch da konnte Elke Seeliger bislang nicht mitmachen, weil sie eben da noch nicht ganz fit war.

Gerne denkt die Weyherin an das erste Quartal des Jahres zurück, als ihre Luftgewehr-Fünfermannschaft in Hannover den Sprung in die 2. Bundesliga schaffte. „Doch dann kam relativ schnell Corona“, bedauert sie. Am vergangenen Wochenende wäre eigentlich der zweite Wettkampftag gewesen. Zwischenzeitlich waren Fernwettkämpfe angedacht. „Das ist nicht wie sonst, fünf Schützen, ein Trainer und dann Ergebnisse rüberschicken. Es ist aber besser als nichts. Es ist auch nicht wie Training, wenn unter anderem ein Kampfrichter Start und Stopp sagt“, weiß Elke Seeliger, die übrigens ein neues Hobby für sich entdeckt hat und nunmehr nebenbei zum Angeln fährt.

Zusätzlich zu den Paralympics und den Bundesliga-Wettkämpfen fielen auch die Deutschen Meisterschaften in Garching-Hochbrück bei München aus. Da wäre Seeliger aber ohnehin nicht gestartet, weil das Hauptaugenmerk auf Tokio liegt und auch die Gesundheit nicht mitgespielt hätte. „Da war plötzlich komplett alles weg, das ist echt hart. Du hast gar nichts mehr“, urteilt die Para-Schützin.

Zumindest mit einer Scatt-Anlage ohne Munition, aber mit Lichtmessung hat Elke Seeliger daheim etwas Schießsport betreiben können. „Outdoor kannst du nichts simulieren“, sagt die Schützin. Außerdem ist die Weyherin Rad gefahren – mit einem umgebauten Liege-Rad, das unter anderem mit Rennrad-Pedalen ausgestattet wurde. Die Parasport-Schützin hat natürlich auch schon ganz andere Zeiten erlebt. Dabei denkt sie besonders an die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro. „Das ist das Höchste, wenn man da mitmacht“, urteilt Elke Seeliger, „ich bin ganz schnell reingerutscht und habe blauäugig mitgemacht.“

In den vier Jahren von 2016 bis heute hat sie aber viel dazugelernt, wie sie glaubt. „Mit dem Körper und der Erkrankung kann ich besser umgehen“, hat sie festgestellt. Sie weiß mittlerweile, wie Olympische Spiele ablaufen. Auf die Para-Wettkämpfe in Tokio hatte sie sich wahnsinnig gefreut. „Ich weiß, dass ich durch die Absage für 2020 ein Jahr geschenkt bekomme, um noch einmal an vielen Sachen zu feilen – am Material und an mir. Und dass ich mich körperlich und seelisch darauf vorbereiten kann“, sieht Seeliger auch einiges Positives in der Zwangspause.

Für Olympia längst qualifiziert

Ihre Qualifikation für Tokio hat sich die Weyherin, die auch für den SV Bassum von 1848 Meisterschaften schießt, vor zwei Jahren in Frankreich gesichert – durch einen Quotenplatz in der R8, also bei 3x40 Schuss mit dem Kleinkalibergewehr. Obwohl noch ein Weltcup zur Erringung eines Quotenplatzes für den deutschen Para-Nationalkader aussteht, muss Elke Seeliger daran keinen Gedanken verschwenden. „Ich kann nicht noch einen holen und muss somit nicht durch die Welt reisen, was ohnehin schlecht möglich ist“, fügt die engagierte Sportlerin an. Für Mai/Juni 2021 ist jedoch noch ein Leistungstest angesagt. Abwarten, ob der dann vorgenommen werden kann. In der kommenden Zeit heißt es somit Daumendrücken, dass das Coronavirus in den Griff bekommen wird und unter anderem die Paralympics 2021 stattfinden können.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+