Das Spiel meines Lebens

Siegestrunken in der Bierstadt

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg oder die bittere Niederlage. In unserer Serie „Das Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn.
04.02.2021, 15:43
Lesedauer: 7 Min
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Von Thorin Mentrup

Das Spiel seines – jungen – Lebens, da war man sich im KURIER AM SONNTAG vom 12. Februar 2006 sicher, hat Christoph Schneider bereits im zarten Alter von 19 Jahren gemacht. Und dieser Schluss liegt auch heute noch nah: Denn es war ausgerechnet der Jüngste im Team, der dem damaligen Handball-Oberligisten FTSV Jahn Brinkum zum 34:26-Sieg über den TV Neerstedt verhalf. Zehn Tore eines Linksaußen in einem Spiel – das ist in der Tat eine Seltenheit, eine Leistung, die für viele Jahre hängen bleibt. Ein ganz besonderes Spiel sei das auch heute noch für ihn, verrät Schneider. Aber das Spiel seines Lebens? Dann doch nicht.

Den einen oder anderen Höhepunkt hatte der Handballer nämlich noch vor sich. Welche Strahlkraft diese Glanzlichter haben sollten, wusste 2006 freilich noch niemand. Da war zum Beispiel der Einzug in den DHB-Pokal vor ziemlich genau zwölf Jahren dank des 35:34-Coups über den Regionalligisten ATSV Habenhausen. Und natürlich der Lohn für diesen Sieg, das Erstrundenduell gegen den Zweitligisten ASV Hamm, der in derselben Saison den Sprung in die Bundesliga schaffte. Doch auch das ist es nicht, Schneiders Spiel des Lebens. Wer den Weg der Brinkumer Handballer genauer verfolgt hat in den vergangenen Jahren, der wird jetzt denken: Da bleibt ja noch das Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten MT Melsungen. Aber auch hier wiegelt Schneider ab. Also der Oberliga-Aufstieg 2012? Wieder verneint der heute 35-Jährige.

Stattdessen richtet sich Schneiders Blick auf ein Punktspiel im Jahr 2010. Eine Zeit, die für ihn sportlich nicht die einfachste war. Der heutige Teamleiter bei der Polizei hatte zuvor Pech mit einer Kreuzbandverletzung gehabt, auch seine Ausbildung hatte dafür gesorgt, dass der Fokus nicht immer so stark auf dem Handball lag wie zuvor. Eine ungewohnte Situation für den ehrgeizigen Schneider, für den es nichts Schlimmeres gab, als zuschauen zu müssen. „Zwei Jahre habe ich Handball quasi verpasst“, fasst er seine persönliche sportliche Situation in Brinkum, damals Verbandsligist, zusammen. Schritte nach vorne wollten dem großen Talent in dieser Zeit nicht so recht gelingen unter Trainer Sven Engelmann, der damals bereits Regie führte beim FTSV Jahn.

Willkommen im Hexenkessel

Der Spielplan führte die beiden und ihr Team im Oktober 2010 in den Landkreis Friesland zur HG Jever/Schortens. „Die Spiele gegen Jever waren immer speziell. Wir sind uns damals ja einige Male begegnet. Das waren immer heiße Duelle, egal in welcher Liga“, erinnert sich Schneider an etliche enge Duelle auf Augenhöhe. Doch nicht nur das zeichnete die Aufeinandertreffen aus. Insbesondere in der Bierstadt ging es stets hoch her: „Jever war im Gegensatz zu uns und vielen anderen Mannschaften auch drumherum super aufgestellt. Bei den Heimspielen waren immer 350 bis 400 Zuschauer, die Tribünen gingen direkt bis an den Spielfeldrand, an der Seite standen Campingstühle, die von der Brauerei gesponsert waren. Die Spiele wurden sogar gefilmt und bei Jever-TV als kleine Zusammenschnitte mit Interviews gezeigt“, erklärt Schneider, dass beim damaligen Oberliga-Absteiger alles eine Nummer professioneller war, als man es von anderen Klubs auf diesem Niveau kannte. „Wir sind uns vorgekommen wie Profis, als wir mit dem Bus losgefahren sind“, verdeutlicht der 35-Jährige. Die Fahrt nach Jever hatte immer etwas von noch größerem Handballsport.

Das lag auch daran, dass die Bierstädter den einen oder anderen Altprofi in ihren Reihen hatten, um die Mission Wiederaufstieg direkt zu meistern. Mehr Motivation bedurfte es nicht. Für die Brinkumer und Schneider schon gar nicht. Für sie ging es darum, sich oben festzubeißen. Das hatten die Gastgeber mit drei Siegen aus drei Spielen bereits getan. Brinkum war derweil der Erfolg im Kreisduell gegen Wagenfeld aberkannt worden. Mit einer weiteren Niederlage würde der FTSV ins Mittelfeld abrutschen, der amtierende Vizemeister drohte also ins Mittelmaß abzurutschen. Das war keine Perspektive für die ambitionierte Nordkreis-Sieben. „Gegen Jever konntest du immer verlieren – aber du konntest eben auch immer gewinnen. Deshalb waren wir hoch motiviert“, erinnert sich Schneider.

Allerdings war das den Brinkumern auf dem Feld zunächst überhaupt nicht anzusehen. Bis zum 3:3 hielten die Gäste das Spiel zumindest ergebnistechnisch noch offen, doch dann übernahmen die Gastgeber die Kontrolle. Der FTSV hatte nicht viel entgegenzusetzen, lag zur Pause 9:14 hinten. Die Sonnabendabend-Tour schien den Brinkumern bereits früh verdorben. Es drohte eine triste Rückfahrt. „Jever ist gut gestartet, wir lagen hoch zurück. Ich glaube, in der Halle hat niemand mehr damit gerechnet, dass wir das Spiel noch drehen können“, sagt Schneider. Auch ihm selbst war bis dato noch nicht viel gelungen. Ein gebrauchter Abend zeichnete sich ab.

Die Schneider-Show

Schneiders Zeit aber sollte noch kommen. So wie die aller Brinkumer. Die Engelmann-Sieben trat nach dem Seitenwechsel wie verwandelt auf. Die Vorfreude auf einen sicheren Sieg in den Gesichtern der 350 Zuschauer machte alsbald einer großen Ungewissheit Platz. Jever/Schortens wankte, während Brinkum stärker und stärker wurde. Meik Schäfer führte die Offensive an, Schneider selbst war zudem in der Defensive auffällig, nahm als vorgezogener Mann mit Hero Dirks und später Oliver Krause zwei Motoren des HG-Spiels aus der Partie. 18 Minuten vor dem Ende hieß es 18:18 – alles war wieder offen im emotionalen Duell im Hexenkessel von Jever.

In den letzten Minuten begann dann die Schneider-Show. Nicht nur die von Christoph, sondern auch die seines Bruders Matthias. Die vier letzten Brinkumer Tore gingen allesamt auf die Kappe des Duos. Zweimal traf Matthias, zweimal Christoph. Jever hatte auf diesen familiären Kraftakt keine Antwort mehr. Brinkum gewann 23:22. Die Zuschauer waren verstummt – bis auf die kleine Delegation, die mit den Gästen im Bus angereist war.

Der FTSV und sein Anhang waren komplett aus dem Häuschen. „Das war der Wahnsinn. Als Schluss war, sind wir alle aufs Spielfeld gerannt und haben uns einfach nur megamäßig gefreut“, ließen Schneider und Co. die Halle beben. Ganz Brinkum war siegestrunken in der Bierstadt. Auf den Tribünen und der anderen Seite des Spielfelds: versteinerte Gesichter.

Und die Party der Gäste war noch nicht vorbei. Sie verlagerte sich in den Bus: „Die Rückfahrt hat drei statt anderthalb Stunden gedauert, weil wir so häufig auf die Toilette mussten“, verrät Schneider und lacht. Mehr muss er nicht erzählen, um deutlich zu machen, dass es ein feucht-fröhlicher Heimweg war. „Wir sind fast Weltmeister geworden im Bus“, fasst er die ausgelassene Stimmung zusammen. Die Brinkumer Feierbiester waren nicht mehr zu stoppen – und hatten selbst nach der Rückkehr noch nicht genug: „Wir sind mit dem Großteil der Mannschaft noch zur Party von Björn Grothmann weitergezogen, der seinen 40. Geburtstag gefeiert hat“, erzählt Schneider. Es war also auch mit Blick auf die Feierlichkeiten ein Abend für die Geschichtsbücher.

Hochgefühle auf vielen Ebenen

Auch sportlich hat der Coup von Jever Schneider viel bedeutet. Zum einen war es ein wichtiger Sieg für ihn persönlich: „Ich hatte nach meinem Kreuzbandriss eine lange Durststrecke, in der es nicht so gut lief. Ich habe vielleicht nicht den großen Karrieresprung gemacht, aber ich war immer sehr ehrgeizig. Es tat einfach gut, wieder richtig mitwirken und so ein Spiel dann auch entscheiden zu können“, war der Sieg ein Erfolg für seine Sportlerseele. Dass er gemeinsam mit seinem Bruder Matthias die entscheidenden Tore warf, machte den Abend nur noch schöner. „Das sind dann schon besondere Momente, an die man gerne zurückdenkt.“

Und dann war da noch die gesamte Mannschaft, die ihm in bester Erinnerung ist. „Eine super Truppe“, findet Schneider. Mit damaligen Weggefährten wie Sebastian Beckmann und Torhüter Aschkan Sadeghi spielt er noch immer zusammen. „Asche hat gegen Jever auch immer seine besten Spiele gemacht“, erinnert sich Schneider an etliche Paraden des Keepers. Die Reise in die Bierstadt ist den Brinkumern wohl bekommen. Und der 35-Jährige, der sich die Zusammenfassung bei Jever-TV „nicht nur ein paar Mal“ angesehen hat, war um das Spiel seines Lebens reicher. Dieses Mal wirklich.

Info

Zur Person

Christoph Schneider (35)

ist Handballer durch und durch. Bereits in der Jugend trug er das Trikot des FTSV Jahn Brinkum. Von der C- bis zur A-Jugend lief er dann für den ATSV Habenhausen auf. Beim Klub aus dem Süden Bremens sammelte er hochklassig Erfahrung und gewann unter anderem den Norddeutschen Meistertitel. Im Herrenbereich kehrte er nach Brinkum zurück und hat sich zu einem Gesicht der Mannschaft entwickelt, die mittlerweile als HSG Stuhr antritt. Noch immer agiert der Blondschopf überwiegend auf der Linksaußen-Position. Der Rechtshänder hat sich in den vergangenen Jahren allerdings auch als Alternative am Kreis entpuppt. Nun gehört er zu den erfahrenen Recken wie etwa Aschkan Sadeghi, die beim Umbruch unter Trainer Mike Owsianowski helfen wollen.

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Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg oder die bittere Niederlage. In unserer Serie „Das Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn.

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Heute nur noch Landesligist

Es gab Zeiten, da kursierte das Wort Regionalliga in Brinkum. 1998 war der FTSV Jahn in die Oberliga aufgestiegen und sofort Dritter geworden. Unter Trainer-Dauerbrenner Werner Rohlfs und Manager Heinz-Wilhelm Düßmann wollte der Klub auch zu Beginn dieses Jahrtausends hoch hinaus. Der Aufstieg war das Ziel, unter anderem wurde dafür 2001 ein gewisser Sven Engelmann vom TV Grambke geholt. Ein zweitligaerfahrener Rückraumriese – und später weit mehr als ein Jahrzehnt auf der Trainerbank in Brinkum. Indes: Der erhoffte Sprung in die Regionalliga gelang dem Klub aus der Gemeinde Stuhr nicht. Stattdessen etablierte er sich in der Oberliga und hielt die Klasse trotz eines immer härteren Kampfes um den Etat bis zur Saison 2008/2009. Die eingeschränkten finanziellen Mittel und die große Konkurrenz unter anderem aus dem Bremer Stadtgebiet machten es dem FTSV nicht leicht. Doch der Neuaufbau gelang.

Brinkum meldete sich als Vizemeister der Verbandsliga zurück, verzichtete aber auf die Rückkehr in die Oberliga. Die gelang dem Nordkreis-Klub mit der Meisterschaft 2012. Doch von Dauer war der Aufenthalt in der Oberliga nicht. Nach einem Jahr stieg Brinkum wieder ab. Nach der Spielzeit 2015/16 ging es von der Verbandsliga Nordsee zurück in die Landesliga. Dort spielt der FTSV bis heute. Allerdings nicht mehr eigenständig: Im Jahr 2016 gründete er gemeinsam mit dem TV Stuhr und der TSG Seckenhausen-Fahrenhorst die HSG Stuhr. Mit Platz vier war der Start durchaus aussichtsreich. Über Platz fünf und sechs ging es in der vergangenen Serie in den Keller. Nur der Saisonabbruch verhinderte den Abstieg in die Landesklasse. Die aktuelle Saison hat noch nicht begonnen.

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