Beste Sattler-Gesellin Niedersachsens Stich für Stich zum Erfolg

Stefanie Unterweger zog von Österreich nach Niedersachsen, um ihren Traumberuf mit Seltenheitswert zu erlernen: Reitsportsattlerin. Mit Erfolg, sie ist Niedersachsens beste Sattler-Gesellin geworden.
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Von Alexandra Penth

Jeder Stich sitzt bei Stefanie Unterweger, der besten Sattler-Gesellin in Niedersachsen. Mit einer einzigen Nadel ist das für die meisten schon eine Herausforderung. Stefanie Unterweger benutzt für die Schlaufe vor sich jedoch gleich zwei, zieht sie entgegengesetzt durch das glatte Leder.

Den Riemen hat sie in den Schraubstock vor sich geklemmt, mit angewinkelten Beinen hockt sie auf der Sitzfläche des Nährosses. Mit einer Ahle sticht sie jedes Loch vor. Das mit einer Geduld, die ihresgleichen sucht.

Fragen beantwortet die 23-jährige mit den zum Pferdeschwanz gebundenen dunklen Haaren nebenbei auch noch, ohne dass die Naht auch nur ein bisschen verrutschen würde. Die Präzision verwundert eigentlich nicht: Unterweger ist kürzlich von der Handwerkskammer Hannover als beste Reitsportsattlerin ihres Ausbildungsjahrgangs ausgezeichnet worden. Damit qualifiziert sie sich für den diesjährigen Bundeswettbewerb.

Beruf mit langer Historie

Die junge Frau hat bewusst einen selten gewordenen Beruf erlernt, einen mit langer Historie. In Groß Mackenstedt hat sie bei Melanie Schierholz, der Inhaberin von Mellis Reitershop, ihr Handwerk gelernt. Abwechselnd war sie in der Werkstatt und im Verkauf tätig. Denn die Auszubildenden lernen während ihrer drei Jahre beides dort: das Handwerk und das Kaufmännische. „Wir bilden nur noch Sattler aus, keine Kaufleute mehr“, sagt Schierholz.

Die ausgelernte Stefanie Unterweger stammt aus Österreich und ist seit Kindertagen absolut versessen auf Pferde. Ein Problem beim Reiten führte sie zu ihrem späteren Beruf: „Meine Sättel haben nie richtig gepasst. Dann habe ich irgendwann gesagt: Ich lerne das jetzt selbst.“ Also ging sie ins Reiterland Niedersachsen, wo sie auch erst einmal bleiben möchte.

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Schlaufen näht Stefanie Unterweger heute ohne Probleme. Das war nicht immer so. „Das war gerade am Anfang am schwierigsten“, erinnert sie sich. In der Werkstatt ganz hinten im Laden, in der fünf Mitarbeiter beschäftigt sind, stehen zwar spezielle Ledernähmaschinen, doch die kleinteilige Arbeit läuft manuell. Bei Pferdedecken rattert meist die Maschine, bei Trensen müssen Unterweger und ihre Kollegen selbst Hand anlegen. Aufgrund ihrer Ausbildung sind sie auch gefragte Spezialisten, wenn es darum geht, Medizinbälle zu nähen, Schulkoffer aus Leder, Fahrradsitze, Gewehrtaschen und etliches mehr.

Sattel gehört nicht zur Prüfung

Obwohl es die Berufsbezeichnung nahelegt, gehört es nicht zur Gesellenprüfung, einen Sattel anzufertigen. Im dritten Ausbildungsjahr gab es an Unterwegers Bremer Berufsschule jedoch ein Projekt, bei dem sich Schüler an der Aufgabe versuchen konnten. „Obwohl das Meisterstoff ist, durfte man das umsetzen“, sagt Unterweger, deren Ziel die Meisterprüfung ist. Ihr in der Ausführung vom Ausbildungsbetrieb vorgegebenes Gesellenstück war eine Trense, ein Teil des Zaumzeugs für Pferde. Zur Praxisprüfung gehörte auch eine Nähprobe, für die sie eine Bewertung von 98 Prozent erhielt. Den sicheren Umgang mit Nadel und Faden übte Unterweger nicht nur in der Werkstatt, sondern darüber hinaus auch zu Hause. Diesen Ehrgeiz sieht sie als typisch für ihr Hobby an: „Das ist der große Vorteil bei uns Reiterleuten: Wenn wir etwas wollen, ziehen wir es durch.“ In der Theorieprüfung, zu der unter anderem die Unterrichtsfächer Anatomie, Mathe und Politik gehörten, schloss sie mit der Note zwei ab.

Berufsbezeichnung nicht geschützt

Sättel werden in Unterwegers Ausbildungsstätte Mellis Reitershop übrigens gar nicht hergestellt. Das Geschäft bietet an, sie zu ändern und anzupassen. Zwei Mitarbeiter fahren zu den Kunden raus und beäugen die Passform des Sattels. Die Berufsbezeichnung des Sattlers sei nicht geschützt, sagt Unterweger, in deren Berufsschulklasse auch Kfz-Sattler, Segelmacher und Technische Konfektionäre lernten. Viele Sattler-Kollegen würden sich ihr Wissen selbst aneignen. Wichtig sei, selbst ein Gefühl für den Sitz des Reiters und das Verhalten des Tieres zu haben. „Es macht keinen Sinn, wenn man sich nicht in Pferde hineinversetzen kann.“ Wohin der Reiter sein Gewicht verlagert, ob sich das Pferd unwohl fühlt – das sei zu berücksichtigen.

Genaues Arbeiten ist wichtig, weiß Unterweger. Wenn der Sattel nicht richtig passt, kann sich das auf die Gesundheit von Mensch und Tier auswirken. „Ein guter Reiter kann auch mit einem schlechten Sattel viel wettmachen. Ein schlechter Reiter wird jedoch mit einem schlechten Sattel viel kaputtmachen“, sagt die Reitsportsattlerin, die sich nach der Ausbildung erst einmal eine kleine Auszeit von ihrem erlernten Beruf genommen hat.

Kommende Woche wird es erneut spannend für die Österreicherin. Dann ist praktische Prüfung für den Bundeswettbewerb, zu dem die Handwerkskammer alle Landessieger unter den frisch ausgelernten Sattlern einberufen hat. Auch dann muss mit der Hand genäht werden. Was, das erfahren die Kandidaten erst vor Ort. Eines der Stücke war in den vergangenen Jahren ein Würfelbecher, berichtet Unterweger. Was ein Sieg neben dem Titel als Bundesmeister oder Bundesmeisterin mit sich bringen würde, weiß die Handwerkerin nicht, ist für sie derzeit auch nicht wichtig. Erst kommt schließlich die Arbeit.

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