Dieter Leuthold und der Mauerbau

Stuhrer Zeitzeuge warnt vor Vergessen

Dieter Leuthold aus Brinkum ist vermutlich einer der einzigen hiesigen Augenzeugen des Mauerbaus in Berlin vor genau 58 Jahren. Seine Erinnerungen, seine Mahnungen werden wieder aktuell, meint er.
16.08.2019, 20:46
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Stuhrer Zeitzeuge warnt vor Vergessen
Von Sebastian Kelm

Stuhr-Brinkum. Es sind die Bilder, die Artikel, die Dieter Leutholds Erinnerung wecken an jenen Sonntag, den 13. August 1961. Es sind aber gar nicht so sehr die jüngsten Berichte anlässlich des Mauerbaus in Berlin vor ziemlich genau 58 Jahren, die den Brinkumer zurückdenken lassen. Nein, es sind vielmehr die Nachrichten über die aktuellen Geschehnisse in Hongkong, die Proteste dort und den gewaltsamen Umgang damit bis hin zum drohenden Einmarsch chinesischer Truppen. „Die DDR war ein Gewaltregime – so wie China heute noch“, zieht der Historiker die wesentliche Parallele.

Der heute 77-Jährige war stellvertretender Rektor der Hochschule für Wirtschaft und später stellvertretender Dekan des Fachbereichs Wirtschaft der neugegründeten Hochschule Bremen. Seit 2000 leitet der Professor – obwohl seit zwölf Jahren „entpflichtet“ – das von ihm gegründete Institut für Unternehmensgeschichte und ist noch immer wissenschaftlich tätig. Leuthold ist aber auch eines: Augen- und Zeitzeuge davon, wie der Osten Berlins sozusagen vom Rest der Welt abgeschottet wurde: „Wahrscheinlich bin ich der einzige aus unserer Region, der die Errichtung der Grenzmauer und die folgenden Tage vor Ort selbst erlebt hat.“

Denn der gebürtige Berliner war an jenem ebenso geschichtsträchtigen wie schicksalhaften Augusttag wohnhaft an der Köpenicker Straße 10a in Kreuzberg, nicht einmal 500 Meter von der Mauer entfernt. Hautnah habe er mitbekommen, wie Volkspolizisten die Grenze zunächst mit ausgerolltem Stacheldraht sicherten. „Wir waren ganz aufgewühlt“, beschreibt er das Gefühl, als er und seine Eltern realisierten, was gerade geschieht. Leuthold, damals 19 Jahre alt, war Werkstudent der Deutschen Telephonwerke, kurz De-Te-We, deren 1970 erschienene Unternehmenschronik er mit verfasst hat. „Nur einen Tag später mussten wir dort feststellen, dass einige Schreibtische nicht mehr besetzt waren“, erzählt er betroffen.

Dass Kollegen aus dem Osten nicht mehr in den Westen zur Arbeit durften, sei aber nichts im Vergleich zu denen, die noch viel Schlimmeres durchmachen mussten. Dieter Leuthold etwa lebte in der Nähe des Spreeufers und sagt: „Im Völkerrecht werden Flüsse zwischen zwei Staaten in der Mitte geteilt. Bei der Spree war das anders. Die kontrollierte komplett Ostberlin.“ Kindern in der Nachbarschaft sei daher eingebläut worden, bloß nie ins Wasser zu fallen. Fünf seien nach seinem Wissen darin ertrunken – weil die Westberliner Polizei ihnen nicht helfen durfte.

Dies war indes nicht der erste „Gewaltakt“ des SED-Regimes, von dem er Zeuge wurde. Die Repressalien, die Einschränkungen der Freiheit habe er schon vorher erlebt. Ihretwegen floh seine Familie 1953 von Ost nach West: „Zuerst kamen wir in einer Laube in Tegel unter.“ Die Erlebnisse prägten auch seinen Blick auf andere, ganz aktuelle Entwicklungen. „Wir waren ja selbst Flüchtlinge. Wenn man so etwas am eigenen Leib erfahren hat, denkt man anders darüber“, äußert er vollstes Verständnis für Ankünfte von Menschen, die ihre Heimat ebenfalls unfreiwillig verlassen mussten und so nach Deutschland gekommen sind.

Dieter Leuthold kam 2002 über Umwege nach Brinkum. Hier will er nun die Erinnerung hochhalten an das, was seiner Meinung nach langsam in Vergessenheit gerät – obwohl es das nicht dürfe. „Ich sehe eine große Gefahr, wenn das Wissen über früher verblasst“, warnt er. Noch deutlicher wird er, denkt er daran, wie mittlerweile teilweise die Verbrechen in der DDR verharmlost oder zumindest relativiert werden, wie die Stasi mit ihrem Überwachungsapparat ausgeblendet wird: „Mit geht der Hut hoch, wenn die alte Zeit verherrlicht wird.“ Das verhalte sich mit dem Dritten Reich ähnlich. Und die gegenwärtigen Vorgänge in Hongkong müssten unbedingt kritisch gesehen werden. Wegschauen sei schon einst der große Fehler gewesen.

Gleichwohl räumt er ein, dass die Gefühlslage vieler Menschen aus den neuen Bundesländern nicht ausreichend ernst genommen worden sei, weshalb viele mittlerweile negativ über die „Wende“ denken würden. „Ich finde aber, das Licht überwiegt seit der Wiedervereinigung“, sagt Leuthold. Auch das müsse man stets im Kopf behalten. Vor allem aber die Ereignisse des 13. August 1961, von denen er lebhaft berichten kann. Und zu denen er momentan erschreckende Parallelen feststellt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+