Stuhrs Bürgermeister Stephan Korte

„Die Dinge passierten Schlag auf Schlag“

Stuhrs Bürgermeister Stephan Korte ist seit 100 Tagen im Amt. Im Interview spricht er über seinen Start als neuer Rathaus-Chef und darüber, wie er die Corona-Krise erlebt hat.
23.05.2020, 09:06
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
„Die Dinge passierten Schlag auf Schlag“
Von Esther Nöggerath
„Die Dinge passierten Schlag auf Schlag“

Bürgermeister Stephan Korte an seinem Arbeitsplatz: Seit 22. Februar ist der neue Rathaus-Chef im Amt.

Michael Galian
Ihre ersten 100 Tage im Amt haben Sie sich sicherlich auch anders vorgestellt.

Stephan Korte: Ja, das kann man wohl sagen. Völlig anders. Die ersten zwei Wochen waren aber ja noch so, wie man sich das vorstellt: Man stellt sich den Kollegen im Rathaus vor. Ich habe dann auch regelmäßige Verwaltungsbesprechungen eingeführt, damit man besser in die Themen hineinkommt und sich auch fachbereichsübergreifend zu bestimmten, zentralen Themen austauscht. Der Kalender, muss man sagen, war schon innerhalb der ersten zwei Wochen bis Ende Mai vollgelaufen. Er war rappelvoll mit Abendveranstaltungen und dergleichen.

Und dann kam der große Corona-Lockdown. Wie haben Sie diese Zeit als neuer Bürgermeister erlebt?

Ich glaube, es war in der zweiten März-Woche, als es in der Gemeinde Stuhr und damit auch im Landkreis Diepholz den ersten, positiv getesteten Covid-19-Patienten gab. Und dann passierten die Dinge Schlag auf Schlag: Weil der Patient ein Vater war, dessen Kinder hier in die Kita und die Schule gingen, mussten beide Einrichtungen gleich geschlossen werden. Wir mussten die Schließungen organisieren, die Eltern informieren und schauen, was mit dem Personal passiert. Noch mal zwei Tage später wurden auch sämtliche Kitas und Schulen in Stuhr, aber auch in Weyhe geschlossen. Wir haben dann sehr zügig eine Art Krisenstab mit den involvierten Fachbereichen eingerichtet und uns in der ersten Zeit täglich getroffen, um die notwendigen Maßnahmen zu besprechen. Dazu gehörte dann auch, dass wir das Rathaus schließen. Innerhalb der ersten Woche hatten wir einen Schichtbetrieb für die Mitarbeiter im Rathaus organisiert und für knapp 100 Kollegen Tele-Arbeitsplätze eingerichtet, sodass man sagen kann, dass diese weiterhin ihrer Arbeit nachgehen konnten.

Wie haben Sie das besucherfreie Rathaus in der Zeit wahrgenommen?

Das Rathaus habe ich zunächst als ein sehr offenes Haus kennengelernt, in dem auch annähernd an jedem Abend Kulturveranstaltungen stattfanden. Das habe ich immer sehr genossen. Wenn ich spät noch am Arbeiten war und über die Flure gegangen bin, haben einen direkt auch immer Menschen angesprochen. Das fand ich einfach sehr nett und habe mich auch gerne unterhalten. Und nun ist das Rathaus ja regelrecht verwaist. Das finde ich sehr schade. Ich denke, es ist ein riesen Vorteil von Stuhr, dass das Rathaus so ein offenes Haus ist. Aber die Kulturveranstaltungen mussten wir natürlich alle absagen. Das haben wir aus unserer Verantwortung als Veranstalter heraus entschieden, bevor die Allgemeinverfügung in Kraft trat. Das ist sehr bedauerlich – insbesondere, dass der Frühlingsempfang der Gemeinde ausfiel. Wir schauen auch, was wir da nachholen können, aber das ist nicht immer so einfach.

Fällt es Ihnen persönlich schwer, sich an die ganzen Auflagen zu halten?

So im Großen und Ganzen fällt mir das nicht schwer. Das Grundsätzliche ist, dass man den gebührenden Abstand einhält und seine Maske trägt. Damit macht man schon 90 Prozent richtig. Was mir aber schwer fällt, sind die Kontaktbeschränkungen. Meine Eltern sind ja nun auch schon etwas höheren Alters. Dass man möglichst den Kontakt zu Freunden und Familie vermeidet, das fällt mir auch schwer. Mir geht es da aber auch nicht anders als den meisten Menschen auch. Ich glaube, das ist auch das, was die Menschen am ehesten im negativen Sinne mit den Corona-Einschränkungen verbinden: Der Verzicht auf die sozialen Kontakte.

Trotz der Pandemie stand die Arbeit im Rathaus ja aber nicht komplett still. Was waren Themen, mit denen Sie sich in Ihrer bisherigen Amtszeit beschäftigt haben?

Im Vordergrund stand jetzt natürlich Corona, aber irgendwann hat man dann auch alles soweit organisiert. Ich habe die Kollegen hier im Rathaus sehr professionell und unaufgeregt erlebt, das hat mir sehr gut gefallen. Daneben geht ja aber auch alles andere noch weiter. Ein Thema war etwa die Sanierung der KGS-Sporthalle. Da haben wir jetzt einen Stand, dass die Sanierung beauftragt wurde und nun im Herbst oder Ende des Jahres beginnen kann. Mit der geplanten Verlängerung der Straßenbahnlinie 8 haben wir uns zunächst intensiv intern auseinandergesetzt. Dabei ging es darum, welche Aufgaben daraus für die Gemeinde erwachsen. Die Treffen mit den anderen Beteiligten aus Weyhe und Bremen haben naturgemäß aufgrund der Corona-Krise nicht stattfinden können. Das beginnt jetzt im Sommer erst wieder. Aber ich kann sagen, dass wir für uns einen Plan haben, was von unserer Seite jetzt zu tun ist. Da geht es um Fragen, wie etwa die Bereiche der Haltestellen ausgebaut werden sollen. Da gab es zwar schon Vorstellungen zu, die waren aber auch schon älter. Und es ging auch um die Gestaltung des Ortskerns Brinkum in Verbindung mit den Bushaltestellen.

Stichpunkt Ortskern Brinkum. Wie ist da der aktuelle Stand?

Das ganze Verfahren ist ja im vergangenen Jahr ziemlich zum Erliegen gekommen. Wir haben da jetzt die Kreissparkasse Syke mit im Boot. Es gibt inzwischen auch erste, interessierte Investoren, die derzeit ihre Vorstellungen erarbeiten. Ich habe mir auch selbst noch einmal ein Bild vor Ort gemacht und ziehe es in Erwägung, dass wir auch das Gelände des Hotels Bremer Tor mit in die Planung einbeziehen und das jetzige Hotel durch einen Neubau im zu beplanenden Bereich ersetzen. Seitens der Betreiberfamilie des Bremer Tors besteht Interesse, Teil der Entwicklung zu sein. Des Weiteren kann ich mir vorstellen, dass die Gemeinde auch selbst im Ortskern aktiv wird. Das ganze Thema Ortskern Brinkum steht und fällt mit der Frage, ob dieser Platz dort von der Bevölkerung angenommen und frequentiert wird. Ich überlege daher, ob wir uns als Gemeinde selbst mit einem Gebäude dort beteiligen, in dem wir zum Beispiel verschiedene Einrichtungen, Beratungsangebote oder Vereine unterbringen, wie etwa den Treffpunkt „Sie(h) da“, der heute im Brisek in einer Immobilie untergebracht ist, die eigentlich für Wohnzwecke gedacht ist. Ich fände es auch schön, wenn wir da auch eine Möglichkeit für ein Kulturangebot hätten. Da fiel zum Beispiel das Stichwort „Kleinkunstbühne“. Das sind alles Dinge, die ich auch schon in Teilen der Politik erörtern konnte. Das Interesse ist groß. Daher habe ich diese Ideen auch an die Investoren weitergegeben.

Apropos Politik. Durch die Corona-Krise finden derzeit keine politischen Gremien statt. Sie sind auch immer noch nicht offiziell vereidigt worden, weil die entsprechende Ratssitzung ausgefallen ist. Was hat das für Auswirkungen?

Die Vereidigung ist natürlich mit dem Eid auf Grundgesetz und Landesverfassung noch mal ein wesentlicher Akt. Das steht aber nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit meiner Dienstaufnahme. Ich bin ja der gewählte Bürgermeister und im Amt. Die Ratssitzung soll dann aber jetzt im Juni stattfinden. Ich bin da auch gespannt drauf. Normalerweise stellt man sich bei der Vereidigung ja auch noch mal in einem festlicheren Rahmen vor. Aber wir werden diese Sitzung in der Mensa der KGS Brinkum abhalten, weil die Leute da mit gebührend Abstand tagen können. Aber das ist natürlich etwas anderes als im schönen Ratssaal.

Was für Folgen hat es für die Gemeinde, dass nun monatelang keine Fachausschüsse und Ratssitzungen abgehalten wurden?

Es gibt verschiedene Themen, die jetzt in den zuständigen Fachausschüssen nicht beraten werden konnten. Aber wir haben vorher genau geprüft, ob irgendwelche Ausschüsse unbedingt tagen müssen, weil Themen unabdingbar waren. Da war jetzt nichts dabei, was man nicht schieben konnte. Wir haben einige Dinge über den Verwaltungsausschuss im Umlaufverfahren beschlossen, sodass wir auch entsprechend die Beschlüsse hatten, für das, was jetzt akut zu tun ist. Das ist sicherlich alles andere als optimal aber folgt dem Gebot der Stunde. Mit den Fraktionsvorsitzenden führe ich auch einen recht engen Austausch. Und ich habe eine Art Newsletter für alle Ratsmitglieder etabliert, in dem über alles berichtet wird, was gerade im Rathaus passiert. Das ist auch sehr gut angekommen. Wir wollen aber jetzt auch möglichst bald wieder mit den politischen Gremien beginnen. Im Juni benötigen wir aber zunächst noch keine Fachausschuss-Sitzung. Wir sind bestrebt, dass dann nach den Sommerferien wieder alles seinen regelmäßigen Gang geht.

Was für finanzielle Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Gemeinde?

Wir haben ja entschieden, die Kita-Beiträge generell und auch Gewerbesteuerzahlungen auf Antrag zu stunden. Wie wir im Hinblick auf die gestundeten Kita-Beiträge verfahren, wird der Rat entscheiden. Ein möglicher Verzicht würde einen erheblichen Betrag ausmachen. Aber mein Ziel ist es, dass Eltern nicht mit Beiträgen für Betreuungszeiten, in denen gar keine Betreuung stattfand, belastet werden. Die größten Ausfälle haben wir aber im Bereich der Gewerbesteuer. Durch die Stundung sind ungefähr eine dreiviertel Million Euro ausgeblieben. Das fällt aber nicht so sehr ins Gewicht, weil die Beträge ja irgendwann auch bezahlt werden. Eine Stundung stellt ja nur einen Zahlungsaufschub dar. Wir haben aber eine erhebliche Anzahl an Neubescheidungen durch die Finanzämter. Wenn ich das zusammennehme, haben wir Stand heute aufs ganze Jahr gerechnet einen Einnahmeausfall im Bereich der Gewerbesteuer von rund sechs Millionen Euro. Ich denke aber, dass sich die Situation für unsere Gewerbebetriebe noch beruhigen wird und die Einnahmeausfälle tatsächlich geringer ausfallen. Aber natürlich haben wir uns deswegen auch mit der Frage befasst, ob wir da gegensteuern müssen. Ich denke, wenn man sich den Gesamthaushalt so anguckt, werden wir das ganz gut meistern. Für den Fall, dass wir dennoch Ausgaben streichen oder verschieben müssen, haben wir uns auch eine Übersicht über die gesetzlich nicht vorgeschriebenen Aufgaben gemacht, sodass man daraus dann auch Ideen entwickeln kann, wo verzichtet werden könnte. Aber nach meinem Dafürhalten kriegen wir das auch ohne Streichungen hin.

Denken wir mal 100 Tage weiter: Was wollen Sie bis dahin erreicht haben?

Momentan versuchen wir uns ja wieder dem Normalbetrieb im Rathaus zu nähern. Da sind wir natürlich auch mit dem sukzessiven Öffnen des Rathauses auch schon dabei. Eigentlich können alle Dienstleistungen wieder in Anspruch genommen werden. Der einzige Unterschied zu vorher ist nur die Mund-Nasen-Schutzpflicht auf den Fluren sowie eine vorherige Anmeldung für Termine. Da möchte ich, dass wir möglichst bald wieder zum Normalbetrieb zurückkehren. Aber das hängt auch davon ab, wie sich das weitere Infektionsgeschehen entwickelt. Ansonsten erhoffe ich mir, dass bis dahin klar ist, welche Investoren sich für den Ortskern Brinkum interessieren. Außerdem möchte ich an der Idee, die ich dazu eben erläutert habe, gerne weiterarbeiten. In Bezug auf die Linie 8 hoffe ich, dass wir dann einen Jour fixe für Gespräche mit Bremen und Weyhe haben.

Wo wollen Sie langfristig gesehen in den kommenden Jahren noch neue Schwerpunkte in der Gemeinde setzen?

Ich möchte sehr gerne, dass wir auch für den Ortskern Stuhr eine Strategie entwickeln. Im Grunde genommen ist das ein Gebot aufgrund der Bildung Stuhrs als Mittelzentrum. Dazu gehört dann auch, dass man sich einen Überblick darüber verschafft, wie die Gegebenheiten vor Ort mit Handel, Verkehrswegen, et cetera derzeit sind. Ich möchte, dass wir da in einen geregelten Prozess starten. Im Bereich des Verkehrs würde ich gerne Klarheit darüber schaffen, wie die Busverkehre, in Reaktion auf die Linie 8, zu organisieren sind. Da sprechen wir aber auch jetzt schon mit den entsprechenden Institutionen. Und ich würde gerne zu einer gemeinsamen Beurteilung der Radwege und deren Zustände kommen.

Das Interview führte Esther Nöggerath.

Info

Zur Person

Stephan Korte (55)

ist seit 22. Februar 2020 der neue Bürgermeister von Stuhr und somit seit genau 100 Tagen im Amt. Der 55-Jährige, zuletzt Senatsrat in Bremen, hat sich inzwischen eine Wohnung in Heiligenrode besorgt und auch privat mit der Familie angefangen, die Gemeinde zu erkunden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+