Interview mit Autor Falaki

„Vieles muss besser werden“

Mahmood Falaki schreibt auf Deutsch und Persisch, eines seiner zentralen Themen ist Heimat. Darum und mehr wird es auch an diesem Donnerstag in Stuhr gehen, wenn er aus „Tödliche Fremde“ liest.
12.09.2018, 18:22
Lesedauer: 3 Min
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„Vieles muss besser werden“
Von Eike Wienbarg

Herr Falaki, Sie publizieren Werke in deutscher und persischer Sprache. In welcher Sprache fühlen Sie sich als Schriftsteller wohler?

Mahmood Falaki : In beiden Sprachen fühle ich mich als Schriftsteller, sonst hätte ich nicht in beiden geschrieben. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zwischen Muttersprache und fremder beziehungsweise gelernter Sprache. Persisch ist nicht nur meine Muttersprache, sondern auch meine literarische Sprache, insoweit, dass ich jeden Winkel und jede Nuance dieser Sprache kenne und mit ihr, so wie ich möchte, spielen kann. Bei Deutsch als gelernter Sprache fehlt mir diese Fähigkeit. Feuchtwanger (Lion Feuchtwanger, deutscher Autor, Anm. d. Red.), im Exil lebend, hat einmal gesagt: „Man kann lernen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken; die letzten Gefühlswerte des fremden Tonfalls lernen kann man nicht.“

Gibt es einen Unterschied zwischen den Ausdrucksmöglichkeiten in den Sprachen oder funktionieren beide ähnlich?

Ja, es gibt unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. Meine auf Persisch verfassten Texte, besonders die Lyrik, sind bildhafter als auf Deutsch verfasste Texte. Darüber hinaus verwende ich in meinen auf Deutsch geschriebenen Texten Wörter, Ausdrücke oder Bilder, die im Persischen so nicht zustande kommen.

Sie wurden sowohl im Schah-Regime als auch unter der Herrschaft der Geistlichen im Iran verfolgt. Was hat den Herrschern an Ihrer Arbeit nicht gepasst?

In einem autoritären System, egal welcher Form, darf man nicht über die Wahrheit schreiben. Unter dem Schah-Regime waren in erster Linie politische Äußerungen unter der Lupe der Zensurbeamten, heute wird alles und jedes aus Sicht des religiös-ideologischen Weltbildes betrachtet und verurteilt.

Später sind Sie dann nach Deutschland geflohen. Wie erleben Sie die aktuellen Fluchtbewegungen?

Damals waren die Flüchtlinge meist politisch verfolgte Menschen. Heutige Flüchtlinge müssen überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen oder dem Krieg entfliehen. Diese Fluchtbewegung ist ein wichtiges Problem, aber nicht die „Mutter aller Probleme“, wie manche zugunsten der Populisten behaupten. Die Debatte darf nicht noch weiter nach rechts verschoben werden. Die Ereignisse in Chemnitz müssen als eine Warnung betrachtet werden. Man muss auf der Hut sein und auf eine Art demokratischen Widerstand leisten, dass die Populisten beziehungsweise die Rechtsextremisten nicht durch Instrumentalisierung der Lage die Oberhand gewinnen.

Wie viel aus Ihrem Leben steckt in dem Protagonisten Ihres Buches „Tödliche Fremde“, aus dem Sie in Stuhr lesen?

Ich glaube, jeder Romancier schöpft und schreibt zum Teil aus seinen eigenen Erlebnissen. Das bedeutet aber nicht, dass der Roman autobiografisch ist. Dieser Roman, wie fast alle Romane der Welt, besteht aus einer Mischung von faktualen und fiktionalen Wirklichkeiten.

Ihr Protagonist fühlt sich sowohl in Deutschland als auch im Iran auf eine Weise fremd. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Der Protagonist fühlt sich eher im Iran als in Deutschland fremd. Er ist in Deutschland mit anderen Werten aufgewachsen und als Lehrer in einer deutschen Schule voll integriert. Für mich ist Zuhause oder „Heimat“ dort, wo ich mich wohl fühle. Ich fühle mich hier wohl.

Aktuell steht der Iran wieder in der Kritik aufgrund des Engagements in Syrien. Wie sehen Sie die aktuellen Ereignisse?

Ich bin kein Politiker, um darüber fundiert reden zu können. Eins ist aber sicher: Wenn die iranischen Machthaber ihre Politik in dieser Region so fortführen, wird die Lage noch schlimmer. Diese Politik verursacht auch eine katastrophale wirtschaftliche Krise im Iran und darunter leidet vor allem die Bevölkerung, nicht die korrupten Regierenden.

Wie intensiv verfolgen Sie die Entwicklungen im Iran?

Heutzutage ist es leicht, sich zu informieren. Ich verfolge nicht tagtäglich die Entwicklung im Iran, aber für wichtige Ereignisse habe ich ein offenes Ohr.

Was müsste Ihrer Meinung nach besser werden?

Vieles muss besser werden. Solange aber der Rationalisierungsprozess der Moderne, der im grundlegenden Gegensatz zum geschlossenen religiösen Weltbild dieser Gesellschaft steht, dort nicht Fuß fassen kann, darf man nicht von „Verbesserung“ reden.

Das Interview führten Eike Wienbarg.

Info

Zur Person

Mahmood Falaki

wurde in Ramsar im Norden Persiens am Kaspischen Meer geboren. Der 67-Jährige studierte Chemie und Bibliothekwissenschaft im Iran, später Germanistik und Iranistik an der Universität Hamburg. Der Autor von Lyrik, Erzählungen, Romanen sowie literaturwissenschaftlichen Arbeiten wurde in seiner Heimat während der Schah-Zeit wegen seiner politisch-literarischen Aktivitäten zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach der Übernahme der Herrschaft durch die Mullahs musste er das Land verlassen.

Info

Zur Sache

Lesung in Stuhr

Der iranische Autor Mahmood Falaki stellt an diesem Donnerstag, 13. September, im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Stuhr, Stuhrer Landstraße 142, sein Buch „Tödliche Fremde“ vor. Die Lesung beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos über ihn online auf www.m-falaki.com.

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