Akkordeonale in Stuhr

Volle Bandbreite der Quetschkommode

Das Akkordeon hat mehr Facetten als Knöpfe, Falten oder auch Namen. Das beweist die Akkordeonale jedes Mal aufs Neue. So auch am 24. Mai in Stuhr.
06.05.2019, 18:13
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Volle Bandbreite der Quetschkommode
Von Alexandra Penth
Volle Bandbreite der Quetschkommode

Inga Piwowarska hat einige Preise für ihr Können gewonnen.

Natalia Wlodarczyk

Stuhr. Quetschkommode, Schifferklavier, Schweineorgel, Blasebalg der Hölle oder asthmatischer Wurm: Der Volksmund kennt viele – mal mehr oder weniger charmant ausgedrückte – Umschreibungen für das Akkordeon. Dass es nicht nur viele Namen, sondern auch klangliche Facetten hat, beweist die Akkordeonale seit mittlerweile elf Jahren. Station macht das Festival auch in diesem Jahr wieder in Stuhr.

Auf dem Gut Varrel demonstrieren dann Interpreten aus aller Welt, was alles in dem traditionellen Instrument steckt. Am Freitag, 24. Mai, sind mit Anatol Eremciuc Moldawien, Inga Piwowarska Polen, Jan Budweis Deutschland, Raquel Gigot Belgien und mit Servais Haanen die Niederlande vertreten. Die Darbietungen bewegen sich dabei zwischen bessarabischen Klängen, klassischer Romantik, Western Swing, Bal-Folk, Jazz und zeitgenössischer Musik. Kaya Meller und Johanna Stein verleihen den Klängen des Akkordeons eine besondere Färbung durch Flügelhorn und Cello.

Festival-Schöpfer Servais Haanen wird mit seiner kabarettreifen Moderation zwischen den Klängen unterhalten. „Herzstück des Konzertes ist die Begegnung und Interaktion zwischen den Künstlern im pulsierenden Wechsel von Soli und Ensemblestücken“, kündigt das Kulturbüro der Gemeinde Stuhr an.

Interpret Anatol Eremciuc kommt aus einem Land, in dem viele Musikstile wie Balkan, Roma und Klezmer koexistieren. Der Akkordeonist und Musik-Pädagoge bringt sie in seiner Musik zusammen. Er ist Gründer der Band Basarab, einem Projekt, das die Virtuosität und Komplexität der traditionellen Volksmusik Moldawiens in feinen Nuancen darstellt. Vor Jahren ist Anatol Eremciuc nach Barcelona emigriert, seine Musik ist somit der Brückenschlag zu seiner Heimat Moldawien.

Inga Piwowarska begann ihre musikalische Ausbildung mit neun Jahren an der Nationalen Musikschule in Mlawa. In ihrer Jugend bekam sie viele Stipendien für herausragende musikalische Leistungen und gewann diverse Preise und Auszeichnungen auf nationalen und internationalen Wettbewerben. Stark geprägt haben Inga Piwowarska die Komponisten Gustav Mahler, Sergei Rachmaninoff und Claude Debussy.

Eine lange Tradition hat das Akkordeon auch in der Heimat Raquel Gigots. Die Belgierin spielt chromatisches sowie diatonisches Akkordeon. Der Musette begleitet Raquel seit ihrer Kindheit, sie interpretiert ihn laut Ankündigung wie zu Zeiten der Swing-Jazz-Epoche in Paris und Brüssel. Sie schätzt das Akkordeon, weil es quer durch die sozialen Schichten in Kneipen und auf Dorffesten genauso zu Hause ist wie in Konzertsälen.

Die Faszination hält auch bei Jan Budweis seit vielen Jahren an. In den 1980er-Jahren entdeckte er seine Liebe für das Diatonische Akkordeon, die bis heute anhält, wie es über ihn heißt. Außerdem studierte er Bandoneon am Konservatorium in Rotterdam. Einflüsse aus Gypsy, Jazz, Tango und Stilistiken verschiedenster traditioneller Kulturen sind in seinem Spiel und seinen Kompositionen lebendig. Budweis sei „stilprägend“ in der deutschen Bal-Folk-Szene unterwegs.

Als musikalischer Querdenker ist Servais Haanen Organisator der Akkordeonale. Er komponiert und arrangiert die Ensemble-Stücke des Festivals und führt durch das Programm. Seine „mit knochentrockenem Humor“ gespickten Moderationen haben Kultstatus bei den Fans des Formats. Schon lange arbeitet Haanen nach eigenen Angaben daran, die Grenzen der Ziehharmonika zu sprengen und Elemente aus neuer Musik, Minimalstrukturen und andere ausgefallene Klänge zu integrieren. Dank seiner vielfältigen Bandarbeit und Komponistentätigkeit für Musiktheater-Produktionen und Dokumentarfilm bringt Haanen unterschiedlichstes Musikmaterial ins Spiel.

Die große Bandbreite des Akkordeons ist kaum verwunderlich. Nach seiner Erfindung 1829 verbreitete es sich rasend schnell über Landes- und Kontinentalgrenzen hinaus. Export und Emigranten trugen es in die Welt. System, Größe, Form, Tonumfang und Spieltechnik veränderten sich dabei mit der Zeit.

Das Festival auf dem Gut Varrel beginnt um 20 Uhr. Tickets sind in den Geschäftsstellen des WESER-KURIER, so auch an der Bassumer Straße 6a in Brinkum, für 22 Euro – ermäßigt 18 Euro – erhältlich.

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