Robotline erweckt Industrieroboter zum Leben Weltweites Programm(ieren)

Die Robotline GmbH sitzt etwas unscheinbar in Stuhrbaum. Hinter den Mauern des Gebäudes verbergen sich kluge Köpfe, die Industrieroboter zum Leben erwecken. Die Programmierer sind global tätig.
04.02.2019, 18:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexandra Penth und Hannes Gaumann

Stuhr. Der Spezialstift fährt über die Oberfläche des Smart-Pads. Marc Pichel sagt dem Roboter in der Schulungszelle damit, was er zu tun hat. Kurz darauf bewegt sich der Arm des Metallriesen über den Tisch, ein LED-Sensor leuchtet die Oberfläche ab, auf der Suche nach dem Holzklotz. Ein Zischen ertönt, und die beiden Metallstäbe an der Spitze nehmen das Stück Holz in die Mangel. In einer flüssigen Bewegung setzt die Maschine es auf einen Turm, der an das Geschicklichkeitsspiel Jenga erinnert. Der 22-Jährige, der in der Windenergiebranche tätig ist, möchte Fachkraft für Industrieroboter in der Fortgeschrittenen-Klasse werden. Er verdient sich das IHK-Zertifikat im Gewerbegebiet Stuhrbaum, genauer bei der Firma Robotline.

Das Unternehmen ist seit Ende 2017 auf die Programmierung von Industrierobotern spezialisiert. Am Anfang war da nur die Programmierung der Maschinen, später wurde zusätzlich das Bildungszentrum Stuhr aufgebaut. Mittlerweile können Meistertitel in verschiedenen Richtungen erworben werden und Teilnehmer Fachwirtkurse belegen. Bundesweit ist das Stuhrer Unternehmen der ihm zufolge einzige Standort, der Fachkräfte für Industrieroboter mit IHK-Zertifikat ausbildet. „Wir haben Anfragen aus fast jedem Bundesland bekommen“, erklärt Tobias Sauer, Geschäftsleiter des Schulungs-Bereich bei Robotline. Oft werden die Abschlüsse vom Arbeitgeber finanziell unterstützt, die Teilnehmer können sich aber auch Zuschüsse vom Bund sichern.

Greift der Fachkräftemangel auch in der Roboterbranche um sich? „Voll und ganz“, sagt Sauer. Die seit 25 Jahren bestehende Technik schreitet immer weiter voran, das Know-how des Personals muss da hinterherkommen. Viele Unternehmer wussten bislang nicht, wie, sagt Sauer. Das Stuhrer Bildungszentrum bietet da eine Antwort, denn: „Es gibt keinen Lehrberuf, in dem das speziell behandelt wird.“ Die Geschäftsleitung des Bildungszentrums sieht es auch als Vorteil, dass die Module für den Meistertitel nicht in unterschiedlichen Institutionen belegt werden müssen. Alles befinde sich unter einem Dach.

Sauer selbst ist einen nicht gerade typischen Berufsweg gegangen. Nach dem Abitur entschied er sich für eine Lehre als Industriemechaniker. Nach dem Meister absolviert er derzeit ein Studium des Wirtschaftsrechts. „Ich bin nie stehen geblieben, hatte immer den Antrieb der Eigeninitiative“, sagt er. Auch die Lebensläufe von Ramona Richter, der Geschäftsführerin der Robotline GmbH, und der Geschäftsleitung für die Programmierung, Torben Schote, lesen sich ähnlich. Der Großteil der 15 Programmierer des Unternehmens sind Quereinsteiger. Denn statt einschlägiger Kenntnisse müssten Bewerber vor allem technisches Geschick, Vorstellungskraft und Freude am Erarbeiten von Lösungen mitbringen. „Man muss gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben und Teamfähigkeit mitbringen“, sagt Schote. Die Programmierer von Robotline sind weltweit unterwegs, oft im Team. Das Bild von einem Menschen, der den ganzen Tag in der dunklen Kammer am Computer sitzt, ist bei der Firma nicht mehr als ein bloßes Klischee. Robotline beschäftigt derzeit 21 Mitarbeiter. An Programmierern fehlt es immer.

Das Unternehmen programmiert nach eigenen Angaben die Modelle der drei weltweit größten Hersteller in der Branche, die laut Sauer gemeinsam einen Marktanteil von 87 Prozent halten. Die Stuhrer Firma arbeitet dabei mit manch namhaftem Kunden in der Automobil- und Verpackungsbranche zusammen. Zur Unternehmensphilosophie gehöre auch, stets mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zu kooperieren. Kunden kommen oft mit eigenen Vorstellungen zu den Experten von Robotline, die dann an Lösungen arbeiten – ob im Stahlwerk oder beim Verpacken von Milchkartons in einer Molkerei. „Die Roboter werden überall eingesetzt, wo der Mensch an seine Grenzen kommt“, sagt Schote.

Die ausgebildeten Mitarbeiter sind ständig auf Achse und programmieren vor Ort in Industriehallen. Darüber hinaus übernimmt die Firma die Wartung und Instandhaltung der Roboter und schreibt die nötigen Sicherheitsprogramme. Ein sogenanntes SPS-Programm überwacht den gesamten Ablauf und soll den Roboter im Notfall abstellen können. Denn die Roboter sind keinesfalls zu unterschätzen. Einige Modelle wiegen mehrere Tonnen und bewegen sich bei manchen Industrieprozessen bis zu drei Meter die Sekunde fort. „Es ist kein ‚Robby‘. Es ist eine Arbeitsmaschine, die ihr Programm abfährt“, erklärt Schote, dass Sicherheit einer der wichtigsten Faktoren ist.

Die Angst davor, dass der Roboter dem Menschen den Arbeitsplatz wegnimmt, ist der Chefetage zufolge unbegründet. Durch die Roboter verschwänden in manchen Bereichen zwar Arbeitsplätze, aber hinter jedem Roboter stecke am Ende auch ein Mensch. Die Arbeitsplätze veränderten sich bloß. Immerhin braucht ein Roboter jemanden, der ihm einen Befehl gibt. „Bis die menschliche Intelligenz reinkommt, ist das ein doofes Stück Stahl“, sagt Torben Schote mit einem Augenzwinkern. Robotline erweckt die Maschinen dann zum Leben.

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