Serie „Wasserspiele“ Teil 10

Wieso Angler Experten der Natur sind

Angler kennen die Natur, sie können Gewässer lesen und wissen über die Tierwelt Bescheid. Carsten Weiland erklärt, warum er schon seit 35 Jahren dabei ist - und was Spekulatius mit dem Fischen zu tun hat.
12.09.2020, 14:43
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Wieso Angler Experten der Natur sind
Von Jean-Pierre Fellmer
Wieso Angler Experten der Natur sind
Frank Thomas Koch

Carsten Weiland wirkt wie versteinert. Sein Blick ist auf die Spitze der Rute gerichtet. Weiland spricht nicht, bewegt sich nicht, blinzelt nicht einmal. Dann zuckt das Ende seiner Angel: „Da! Da war der Biss“, sagt er. Weiland reißt reflexartig die Rute zu seiner linken Schulter, dreht an der Rolle und zieht einen Fisch aus dem Wasser, den er mit seinem Kescher einfängt.

Eine halbe Stunde zuvor: Am Brinkumer See in Stuhr rauscht der Wind durch die Baumkronen, nur wenige Meter daneben rauscht die A 1. Am Steg angekommen, entlädt Carsten Weiland seinen braungrünen Trolley, der ein bisschen wie eine militärische Schubkarre aussieht. „Den habe ich nur aus Bequemlichkeit“, sagt der 45-Jährige, „sonst müsste ich mehrere Male laufen.“ Im Gepäck hat Weiland unter anderem einen Eimer, einen Kescher und eine lange, breite Tasche in Form einer Angelrute.

Den Fisch anfüttern als Angelmethode

„Das erste Mal hatte ich mit acht oder neun eine Angel in der Hand“, sagt Weiland. Sein Onkel nahm ihn damals zu einem Forellenteich in Bremen-Aumund mit. Seitdem hat ihn das Angeln nicht mehr losgelassen. Als er alt genug war, mit 13, machte er einen Angelschein. Heute ist er Mitglied im Sportfischerverein Bremen-Stuhr, Ausbilder für Fischereischeine beim Landesverband Bremen und Tester für Angelausrüstung für die Marke DAM, die Deutsche Angelgeräte Manufaktur. Weiland hat den Trolley entladen, nun steckt er aus silbernen Metallrohren einen Stuhl ­zusammen, eine sogenannte Sitzkiepe. „Es gibt auch den Angler, der mit Schlapphut und Eimer fischen geht.“ Er bevorzuge jedoch mehr Ausrüstung. Es wirkt hektisch, wie ­Weiland seinen Angelplatz aufbaut – von ­klischeehafter Anglergemütlichkeit keine Spur. „Ich möchte möglichst lange am Wasser sitzen, deshalb verschwende ich keine Zeit bei der Vorbereitung. Die Handgriffe sind Routine.“

Wassersportserie Angeln - Carsten Weiland

Heute angelt Weiland mit der Feeder-Methode. Dabei werden die Fische mit einem Futter zuerst angelockt und dann gefischt. In einen Eimer kippt der Angler ein graubraunes Pulver. „Das ist eine Mischung aus Kuchen- und Brotmehl, gemischt mit Gewürzen. Riecht nach Spekulatius.“ Er mixt das Ganze mit Wasser und rührt das Gemisch mit einem Akkubohrer, auf dem ein Schneebesen sitzt. Anschließend gibt er noch etwas geschroteten Hanf hinzu. „Das fördert die Verdauung der Fische. Sonst fressen die sich satt und hauen wieder ab.“ 20 Minuten muss das Futter quellen, währenddessen baut er einen kleinen Tisch an seinen Sitz und bereitet den Rest der Ausrüstung vor.

Auch die Windrichtung spielt eine Rolle beim Angeln

Den Platz an diesem Mittwoch hat Weiland mit Bedacht gewählt. Er zeigt auf die andere Seite des See. „Der Wind kommt seit einigen Tagen aus dieser Richtung.“ Dadurch bewegt sich das Wasser an die Uferseite, an der er gerade sitzt. „Im Wasser befinden sich Schwebeteilchen. Wenn diese durch den Wind hier an die Uferkante gedrückt werden, befinden sich da auch mehr Fische.“ Zum Angeln gehöre dazu, dass man sich mit der Natur auskenne. „Ich muss wissen, wie das Gewässer und die Fische funktionieren.“

Das Futter ist bereit, Weiland setzt sich an seinen Platz. Zu seiner Rechten stehen mehrere Boxen, zu seiner Linken die Ablage für die Angelrute und der Kescher. Zunächst misst er die Wassertiefe. Er befestigt an der Angelschnur ein Lot. „Das sinkt exakt einen halben Meter pro Sekunde.“ Er wirft die Schnur aus und misst mit einer Stoppuhr die Zeit, in der das Lot sinkt. Durch das Gewicht des Lots krümmt sich die Spitze der Rute. Schlägt es auf dem Boden auf, wird sie wieder gerade. Weiland drückt auf den Stoppknopf: 14 Sekunden, also sieben Meter Wassertiefe.

Das Futter darf beim Angeln nicht zu trocken sein

Im nächsten Schritt folgt das Anlocken der Fische. An die Spitze der Angelschnur befestigt er einen kleinen grauen Korb, etwa halb so groß wie ein Ei. Er drückt etwas von dem Fischfutter in den Korb und wirft die Angel aus. „Das Futter darf nicht zu feucht und nicht zu trocken sein.“ Ansonsten flöge es beim Auswerfen der Angel durch die Luft.

Das Futter ist im Wasser, es kann losgehen. Weiland greift aus einer schwarzen Box drei Maden und spießt diese behutsam auf. „Sie müssen noch leben, dann beißen die Fische eher an.“ Die Box mit den Maden ist nicht jedermanns Sache, sagt Weiland. „Meine Frau will nicht, dass ich sie in unserem Kühlschrank lagere. Daher habe ich einen zweiten Kühlschrank.“ Es kommt wieder etwas Futter in den kleinen Korb. Erneut holt Weiland aus, wirft die Rute aus, der Köder landet bei rund 18 Metern Entfernung im Wasser.

Der konzentrierte Blick auf die Spitze der Angelrute

Dann heißt es warten. Die Spitze der Angelrute bewegt sich hin und wieder. „Das ist aber normal. Wenn sie ungleichmäßig zuckt, weiß ich, dass ich etwas am Haken habe.“ Weilands konzentrierter Blick zahlt sich aus: Wie beschrieben zuckt die Spitze der Angelrute, es sind nur Bruchteile einer Sekunde. Weiland holt die Schnur ein, fischt ein Rotauge aus dem Wasser, das er mit dem Kescher ran holt. Er scheint zufrieden zu sein. „Ein richtiges Backsteinrotauge“, sagt er. Das ist keine besondere Fischart, er will damit sagen: Er hat einen dicken Fisch gefangen. „So ein Exemplar fängt man vielleicht zweimal im Jahr!“

Die Qualität des Wassers sei top, sagt Weiland. „Wenn ich hier einen Fisch fange, kann ich den bedenkenlos essen – das ist Bioqualität.“ Weiland genießt die Ruhe am Wasser. „Ich arbeite als Netzwerktechniker und bin oft auf Baustellen unterwegs.“ In der Natur könne er Abschalten. Auch das Treffen mit Gleichgesinnten mache ihm Spaß. Ein Vereinskollege spaziert den Weg am Steg entlang. „Moin, Carsten“, sagt der ältere Herr. „Richard hat letzte Woche einen fünf Kilo schweren Hecht gefangen.“ „Ich gönn's ihm“, antwortet Weiland und winkt dem Kollegen zu, der wegabwärts sich einen eigenen Steg sucht.

Weiland war fürs Angeln auch schon of im Ausland

Unter der Woche geht er nur selten angeln, sagt Weiland, häufiger am Wochenende. Vier bis sechs Stunden sitze er meist am Wasser. Weiland reist fürs Angeln auch häufiger ins Ausland, er war schon in Frankreich, Belgien, Schweden, Irland und besuchte schon viele andere Länder für seine Leidenschaft. Anglerträume hat er trotzdem noch: „Ich möchte gerne mal zum Lachsangeln nach Alaska und Heilbutte in Norwegen fangen.“

Am Brinkumer See fängt es an zu nieseln. Weiland wird etwas nass, das stört ihn aber nicht. „Ich bin kein Schönwetterangler“, sagt er. Wenn es in Strömen schütte, bleibe er zwar zuhause. Aber ein bisschen Regen schrecke ihn nicht ab. Dafür ist er einfach zu gerne am Wasser.

Info

Zur Sache

Fischerei im Verein

Der Sportfischerverein Bremen-Stuhr hat mehr als 520 Mitglieder und bewirtet mehrere Gewässer in der Umgebung, unter anderem die Ochtum und die Varreler Bäke. Der Verein ist auch für die Pflege der Gewässer zuständig und setzt Fische aus, um Bestände zu schonen. Jeder Angler muss eine Fangliste führen, im Gewässer werden so viele Fische ausgesetzt, wie entnommen wurden. Außerdem beseitigen die Vereinsmitglieder beispielsweise Müll, der in der Nähe des Wassers gefunden wird, oder sie nehmen Wasserproben zur Qualitätskontrolle.

Der Verein ist Mitglied im Landesfischereiverband Bremen und dem Landessportfischerverband Weser-Ems. Der zugehörige Spitzenverband rund ums Fischen ist der Deutsche Angelfischerverband (DAFV). Ihm gehören 27 Landes- und Spezialverbände mit rund 9000 Vereinen und insgesamt rund 500 000 Mitglieder an. Laut Internetseite des Verbands ist der DAFV als gemeinnütziger Naturschutzverband anerkannt.

Weitere Informationen

Angeln und Tierschutz

Für Angler gibt es wegen des Tierschutzes strenge Vorgaben, was sie dürfen und was nicht. Es ist laut dem ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid oder Schaden zuzufügen. Ein vernünftiger Grund fürs Angeln ist dem Deutschen Tierschutzbund zufolge etwa der Nahrungserwerb oder die Pflege des Fischbestandes. Es ist verboten, „aus Spaß“ oder zum Wettbewerb zu angeln.

Aus diesem Grund wird der Begriff „Sportfischen“ laut Carsten Weiland nicht mehr verwendet. Dass viele Vereine wie etwa der Sportfischerverein Bremen-Stuhr ihn noch im Namen tragen, sei historisch gewachsen.

Was beim Angeln erlaubt ist und was nicht, regeln die Fischereigesetze und -verordnungen der einzelnen Bundesländer. Die Bremische Binnenfischereiverordnung verbietet etwa die Entnahme gefährdeter Fischarten wie etwa des karpfenartigen Bitterlings. Außerdem dürfen Fische nicht aus dem See gezogen werden, die eine Mindestlänge unterschreiten. Diese ist von Fisch zu Fisch unterschiedlich, in der Bremischen Verordnung liegt sie beispielsweise beim Aal bei 45 Zentimetern und beim Barsch bei 15 Zentimetern.

Nach der Entnahme verbotener Fische muss der Fischer sie unverzüglich und mit Sorgfalt zurück ins Wasser lassen. Nicht mehr lebensfähige Fische müssen tierschutzgerecht getötet und tote Fische beseitigt werden.

Beim Thema Schmerzempfinden von Fischen gibt es unterschiedliche Ansichten. Viele Angler gehen davon aus, dass Fische keinen Schmerz spüren oder zumindest ein im Vergleich zum Menschen stark verringertes Schmerzempfinden haben. Eine Metastudie der britischen Tierbiologin Lynne Sneddon aus dem Jahr 2019 kommt hingegen zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall ist.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+