Fünf Jahre Sprechcafé im MGH Brinkum

Wo Lernen leicht fällt

Seit fünf Jahren besteht das Sprechcafé im Brinkumer Mehr-Generationen-Haus. In ungezwungener Atmosphäre geht es darum, die Deutschkenntnisse zu verbessern.
06.02.2020, 18:06
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Wo Lernen leicht fällt
Von Alexandra Penth

Stuhr-Brinkum. Ein bisschen Klassenzimmeratmosphäre kommt an diesem Vormittag in der alten Backstube des Mehr-Generationen-Hauses in Brinkum auf. Federmappen liegen auf den Tischen vor der wandfüllenden Sitzbank neben Schreibblöcken und Arbeitsheften. „Ich möchte eine Bewerbung schreiben“, sagt Malihe Rahimi. Die junge Frau hat die dunklen, glatten Haare aus dem Gesicht gebunden und sitzt über ihre Unterlagen gebeugt. Darauf stehen mit geschwungener Handschrift geschriebene Notizen. Erika Thiel sitzt neben der 36-Jährigen und beschreibt, wie ein Bewerbungstext auszusehen hat. „Jetzt müssen wir erst einmal schreiben, woher wir wissen, dass die Stelle frei ist“, sagt sie. Malihe Rahimi setzt den Stift an.

Erika Thiel hat eine ruhige, routinierte Art zu erklären. In ihrem Berufsleben war sie Deutschlehrerin. Fast von Beginn an ist sie eine der Helferinnen beim Sprechcafé des Mehr-Generationen-Hauses an der Bremer Straße, das allgemein nur MGH genannt wird. Das Angebot läuft drei Tage die Woche (montags und donnerstags von 9.30 bis 11 Uhr und mittwochs von 15.30 bis 17 Uhr), entstanden war es als Treffpunkt für Frauen mit Migrationshintergrund. Auf die starken Flüchtlingszuströme ein Jahr später war das MGH mit seinem Angebot praktisch vorbereitet. „Da hatten wir dieses Sprechcafé schon. Das war hervorragend“, sagt Daniela Gräf, die Leiterin der Einrichtung. Der ursprüngliche Termin immer montags richtete sich an Frauen, später kam für den Donnerstag ein Angebot nur für Männer dazu, zunächst vorne im Begegnungscafé der Einrichtung. Es gab Unterschiede zwischen den Gruppen, erinnert sich Gräf: „Die Frauen sabbelten drauf los, die Männer waren dagegen eher etwas verhalten.“ Um die Trennung aufzuweichen, folgte ein Sprechcafé für jedermann immer mittwochs. Längst sind alle drei Termine von Frauen, Männern und Kindern besucht. Erika Thiel war mit dem Renteneintritt in das Sprechcafé eingestiegen. Teilnehmer, die sie auch schon an der Volkshochschule unterrichtet hatte, traf sie auf einmal im MGH wieder.

Das Sprechcafé hat in seinen fünf Jahren Erfolgsgeschichten geschrieben. Erika Thiel erzählt von einer Nepalesin, die regelmäßig zu den Terminen kommt, als Pflegehelferin in einer Tagespflegeeinrichtung arbeitet und nun die Prüfung für das B2-Level macht, um eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu beginnen. „Die Frau hat Schwierigkeiten, in Vollzeit zu arbeiten und die nötigen Deutschkurse zu besuchen“, spricht Thiel Probleme an, beides terminlich zu koordinieren. Denn die Sprachkurse fänden meist am Vormittag statt.

Das Angebot im MGH sei nicht vergleichbar mit einem offiziellen Deutsch-Kurs, bei dem Qualifikationen erworben werden können. Sie belegen können ohnehin nur Menschen mit guter Bleibeperspektive. Im Sprechcafé sitzen dagegen teils auch Zugezogene, deren Zukunft noch ungewiss ist. Alles ist freiwillig, auch der Stamm an rund 30 Ehrenamtlichen kommt, wann es gerade passt. Feste Zuteilungen gibt es daher nicht, irgendwie findet man immer zueinander. Meist ist pro Besucher auch ein Helfer da. „Hier kommt jeder rein“, fasst Thiel zusammen.

Jürgen Dörschel, ebenfalls Helfer im Sprechcafé, möchte möglichst praktisch die deutsche Sprache vermitteln. Denn die hält so einige Tücken parat. „Viele Wörter haben ja Mehrfachbedeutungen“, sagt er. Die Lernfortschritte der Besucher des Cafés seien so unterschiedlich wie ihre Herkunftsländer. „Man merkt, ob sie eine Schule oder eine Universität besucht haben“, sagt Dörschel. Viele Iraker, Syrier und Iraner hätten einen höheren Bildungsabschluss, die lateinische Schrift sei ihnen daher nicht fremd. Dass es die deutsche Bürokratie diesen Menschen erschwere, hierzulande beruflich Fuß zu fassen, kann Dörschel nicht nachvollziehen. Der 78-Jährige hilft seit einem Jahr im Sprechcafé, ist aber seit zwölf Jahren insgesamt im MGH tätig. Da hatte er noch sein Zeitungsgeschäft an der Syker Straße. „Es macht mir einfach Spaß, mit Menschen umzugehen“, sagt er. Sein Sitznachbar Christian Lassek weiß noch, als er vor fünf Jahren das erste Mal als Helfer zum Sprechcafé kam: „Das war ein Stimmengewirr aller Nationalitäten“, sagt er, begleitet von ausladenden Armbewegungen. „Das hat so einen Spaß gemacht.“

Anfangs sei es eine große, völlig neue Herausforderung gewesen. Die Besucher kamen plötzlich mit Briefen, Anträgen und Problemen aller Art zu ihm. Für Lassek, im Berufsleben im Bankwesen tätig, war es mit einem Mal „eine zweigleisige Arbeit“. Er begleitete Schützlinge mit zu Ärzten und Behörden, bot auch außerhalb des Donnerstag-Sprechcafés seine Hilfe an. „Für mich war es ein Einstieg in eine Arbeit, die ich mir hätte so nicht vorstellen können. Ich bin glücklich, dass ich so viele Menschen kennenlernen durfte“, sagt Christian Lassek und blickt sich in dem großen Raum um. Das Stimmengewirr von einst ist noch da, nur wird mittlerweile fast nur eine Sprache gesprochen.

Malihe Rahimi aus dem Iran sitzt noch vor ihrem fiktiven Bewerbungsschreiben. Es könnte sein, dass diese Aufgabe auch in ihrer Abschlussprüfung des Integrationskurses in Bremen gestellt wird. Malihe Rahimi fährt unbeirrt fort und blickt nur kurz von ihrem Papier hoch: „Ich muss jetzt viel üben.“

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