Jutta Seifert erzählt das Werk von Grimmelshausen als Ein-Frau-Stück im Syker Kreismuseum

Als wär’s „Courasche“ selbst

Syke. „Courasche“ ist die Hauptfigur eines Romans aus dem 17. Jahrhundert.
19.03.2016, 00:00
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Von MAJANNE BEHRENS
Als wär’s „Courasche“ selbst

Viele Hüllen, eine Figur: Jutta Seifert gab im Syker Kreismuseum die „Courasche“ – so gut, als wäre es die Originalperson aus Grimmelshausens Geschichte.

Udo Meissner

„Courasche“ ist die Hauptfigur eines Romans aus dem 17. Jahrhundert. Bertolt Brecht soll seine „Mutter Courage“ nach diesem Vorbild gestaltet haben. Erzählt wird die Geschichte einer mutigen Frau, die in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entlang der Schlachtfelder ein Leben voller Kämpfe, Intrigen und Erotik führte. „Courasche“ wird Landstreicherin, Marketenderin und Edelhure. Die Schauspielerin Jutta Seifert schlüpfte in die Rolle der Romanfigur des deutschen Erzählers Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen und bot am Donnerstagabend mit ihrer einzigartigen Inszenierung ein imposantes Theatererlebnis im Kreismuseum Syke.

„Uns erwartet eine ungewöhnliche Lebensbeichte einer kämpferischen Frau“, begrüßte Museumsleiter Ralf Vogeding die Gäste in der Bauerndiele und bemerkte, dass der Zeitsprung zum Geschehen der Geschichte in dem historischen Ambiente des Kreismuseums gar nicht schwerfallen würde. Die Schauspielerin Jutta Seifert würde in einer literarischen Inszenierung als „Courasche“ auftreten und über ein Leben weit entfernt von der Norm erzählen. Kaum ausgesprochen, ertönte ein spöttisches Gelächter von einer im historischem Marktgewand gekleideten Frau, die distanzlos durch die Zuschauerreihen streifte und die Besucher direkt ansprach. „Was werdet ihr sagen?“, fragte sie verheißungsvoll und weiter: „Dem Simplicissimus zum Trotz werde ich mich offenbaren!“ Und als hätte sie mit diesem Trick ihr Publikum hautnah abgeholt und direkt mit auf die kleine Bühne genommen, waren die Gäste vom ersten Moment der Begegnung dem Charme ihrer Rolle und ihrer Schauspielkunst erlegen.

„Wissen und Meinen ist zweierlei“, so die Behauptung einer „Courasche“, die nicht wirklich wusste, wer ihre Eltern seien. Ihre Ziehmutter, bei der sie aufwuchs, riet ihr jedenfalls im dreizehnten Lebensjahr, sich als Junge zu kleiden. So könne sie möglichen Vergewaltigungen aus dem Wege gehen und als Mann getarnt leichter zu Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung gelangen, war der Rat der älteren Frau.

„Courasche“ folgte der Idee, erlernte sämtliche Verhaltensweisen der Soldaten und wurde zunächst Page eines Rittmeisters. Als ihre Tarnung bei einer wilden Rauferei aufflog, setzte sie zur eigenen Rettung ihre weiblichen Reize gezielt ein.

Sie wurde Edelhure und lernte dadurch Aufstieg und Fall als schicksalshafte Verkettung mit oft lebensbedrohlichen Ereignissen kennen. Mal in Männerkleidung, mal in Ballgewändern, mal als Betrügerin, mal als bedauernswertes Opfer männlicher Gewalt – die fiktive Lebensbeschreibung einer mutigen und skrupellosen Kämpferin wurde spannend und facettenreich von Jutta Seifert (Regie: Hans-Peter Krüger) dargeboten. Dabei verzichtete die Schauspielerin auf große Kulissen, arbeitete mit wenigen Requisiten und beeindruckte mit Monologen in alter Sprache, die authentisch und lebendig wirkten. Als sei es „Courasche“ selbst und nicht das grandios gespielte Solostück von Jutta Seifert, überzeugte die Künstlerin ihr Publikum.

Eingeladen zur Veranstaltung hatte die Volkshochschule (VHS) des Landkreises Diepholz, um auf ein Seminar aufmerksam zu machen, bei dem „Der abenteuerliche Simplicissimus“ des Schriftstellers Grimmelshausen im Mittelpunkt stehen wird. Dabei werden auch andere Texte, in denen ein kritisches Zeitgemälde von Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges gegeben wird, aufgegriffen.

Das Seminar findet in Form eines Bildungsurlaubes Anfang Juni an der historischen Wirkungsstätte Grimmelshausen statt. Anmeldungen sind noch bis zum 23. März 2016 bei der VHS unter Telefon 0 42 42 / 9 76 40 71 möglich.

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