Amtsgericht Syke Unfall verursacht und Ohnmacht erfunden

Das Amtsgericht Syke hat eine 20-Jährige aus Bassum zu 600 Euro wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Sie hatte einen Autounfall verursacht und hinterher von einer Ohnmacht gesprochen.
16.01.2022, 17:15
Lesedauer: 2 Min
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Von Dagmar Voss / DV

Syke/Bassum. Auch wenn die Anklage für Laienohren zunächst eher kompliziert klang, so war es dann tatsächlich einfacher: fahrlässige Körperverletzung in zwei rechtlich zusammentreffenden Fällen. Eine junge Bassumerin sollte sich vor dem Jugendrichter verantworten für einen Autounfall, der sich an einem Spätnachmittag Ende Juni vergangenen Jahres in Bassum ereignet hatte. Sie ignorierte die Vorfahrt eines anderen Autos am Bramstedter Kirchweg und war ungebremst in dieses hineingefahren. Bei dem Zusammenprall wurden erhebliche Schäden bei den Fahrzeugen verursacht und auch Beifahrer verletzt.

Bei ihrer Darstellung des Ereignisses – sie zeigte sich sehr zerknirscht – klang es recht merkwürdig: „Es stimmt wie geschildert, aber mir wurde vorher schwarz vor Augen, ich bin in Ohnmacht gefallen und habe daran keine Erinnerung. Ich wurde erst beim Zusammenprall wieder wach.“ Auf Nachfragen von Richter und Oberstaatsanwalt ergab sich, dass die Auszubildende in einem Elektro-Firmenwagen bei vorgeschriebener Geschwindigkeit unterwegs gewesen ist. Der Tag sei bis dahin sehr stressig gewesen, erst Berufsschule, dann Firma, dann Post wegbringen. Die besagte Kreuzung habe die 20-Jährige schon oft befahren, die Technik des E-Autos sei ihr vertraut gewesen. Und ohnmächtig sei sie schon öfter mal geworden – in der Vergangenheit auch beim Fußballspielen.

Schließlich musste der Oberstaatsanwalt doch sehr ernst werden: „Von dieser Ohnmacht höre ich heute zum ersten Mal – das findet sich in keinem Polizeibericht.“ Wo denn das Problem sei, warum lüge sie, es handele sich schließlich nicht um eine sehr schwere Sache. Wenn sie doch einfach einen Brief ans Gericht geschrieben hätte mit einer Entschuldigung und dass es ihr sehr leid täte oder sie sich nicht mehr erinnern könne, hätte er wahrscheinlich nicht einmal Anklage erhoben. „Haben Sie gelogen? Sie brauchen nicht aus der Not heraus zu schwindeln, wir würden ihnen nicht den Kopf abreißen“, lautete seine klare Einlassung.

Da stimmte sie kleinlaut zu, sie habe gelogen: „Es stimmt, ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, ich hab nicht aufgepasst, bin einfach über die Kreuzung gefahren, dann stand ich unter Schock und war nur noch am Weinen – erst im Krankenhaus habe ich richtig realisiert, was passiert ist.“ Unter Tränen erklärte sie, dass sie sich den Unfall nicht erklären könne. Daraufhin sagte der Jugendrichter: „Mensch Mädchen, das kann man doch mal erzählen.“ Das Mädchen erklärte er damit, dass bei ihr doch wohl eine Reifeverzögerung vorliege.

Die Zeugenschilderungen der verletzten Fahrerin und des Beifahrers des betroffenen anderen Wagens ließen erkennen, dass es sehr schnell gegangen sei, „unvorhersehbar, wir kamen ja von rechts“. Der Beifahrer kümmerte sich um seine Fahrerin und dann auch um die Angeklagte und hat sie aus ihrem Fahrzeug geholt. Auch der dritte Zeuge, der im eigenen Auto hinter dem beschädigten zweiten Wagen herfuhr, erzählte, dass er nach der Verursacherin – „sie stand komplett neben sich, war nicht ansprechbar“ – und den beiden anderen gesehen habe und sodann Polizei und Rettungswagen gerufen habe.

Für das Gericht stand schließlich fest, dass die 20-Jährige als Alleinverursacherin die Schuld trage und ausnahmsweise das Jugendrecht anzuwenden sei. Zum Glück habe sie die "hirnrissige Idee" mit der Ohnmacht aufgegeben. Das Urteil lautete auf Geldstrafe in Höhe von 600 Euro wegen fahrlässiger Körperverletzung.

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