Fußball-WM-Begeisterung im Nordkreis noch ausbaufähig Auf der Suche nach der Euphorie

Landkreis Diepholz. Am Freitag starten die Spiele in Südafrika - und von übersprühender Vorfreude ist weit und breit so gut wie keine Spur. Doch irgendwo muss sie ja geblieben sein, die WM-Euphorie. Wir haben uns auf die Suche gemacht.
11.06.2010, 04:40
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Von Hauke Gruhn

Landkreis Diepholz. Deutschlandfahnen an jedem zweiten Auto, schwarz-rot-gold geschminkte Gesichter, Massenansammlungen beim Public Viewing: So sieht WM-Begeisterung aus! Aber das war 2006, bei der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Heute starten die Spiele in Südafrika - und von übersprühender Vorfreude ist weit und breit so gut wie keine Spur. Doch irgendwo muss sie ja geblieben sein, die WM-Euphorie. Wir haben uns auf die Suche gemacht.

Vielleicht hat sie sich ja in den Rathäusern im Nordkreis versteckt. Anruf in Bassum: Bernadette Nadermann geht ans Telefon. Die Erste Stadträtin fühlt sich anscheinend etwas überrumpelt. 'Ich hab? doch von Fußball keine Ahnung', beschwört sie ihren fehlenden Sachverstand in der Angelegenheit. 'Wenn ich mir mal ein Spiel angucke, dann relativ leidenschaftslos und ohne WM-Fieber.'

Und die Kollegen im Bassumer Rathaus? Fehlanzeige. 'Hier ist nichts großartig geplant.' In Syke nimmt Heinrich Sievers, Fachbereichsleiter Zentrale Dienste, ab. Auch er, man spürt es durch die Telefonleitung, zuckt mit den Schultern: 'Bei uns gibt es keine besonderen Aktionen. Nur ein internes Tippspiel, das war?s.' Auch auf dem Rathaus-Parkplatz habe er bislang vergeblich nach Deutschlandfahnen an den Autos Ausschau gehalten, erzählt Sievers. 2006, da war noch mehr los. 'Da ist die Verwaltung mit der Werbegemeinschaft zusammen nach Bremen zum Fußballgucken gegangen, das waren so 40 bis 50 Leute', erinnert sich der Fachmann für die Syker Finanzen. Er selbst ist für das Wochenende schon fest verabredet: Fußballgucken am 'Stattstrand'.

Tipprunden in den Rathäusern

Karl-Heinz-Stöver, Erster Stadtrat in Twistringen, sieht bei der WM-Begeisterung noch Steigerungspotenzial. 'Wir haben hier auch ein Tippspiel, sonst aber nichts. Das hält sich alles noch sehr in Grenzen.' Immerhin: In Twistringen wurde bei den politischen Terminen Rücksicht auf Fußball-Fans genommen. 'Wenn Deutschland spielt, gibt es keine Sitzungen', erklärt Stöver.

So wird?s auch in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen gehandhabt. 'Und wenn tagsüber wichtige Spiele anstehen, schauen wir gemeinsam im Ratssaal', kündigt Bürgermeister Horst Wiesch an, der auch schon seine fünf Euro fürs interne Tippspiel berappt hat. Wiesch sieht die WM-Vorfreude in Bruchhausen-Vilsen langsam auf dem aufsteigenden Ast: 'Ich habe hier schon einige Autos mit Fahnen herumfahren sehen. 2006 kam das ja auch erst nach und nach.'

'Von überbordender Euphorie ist hier momentan noch nichts zu spüren', erklärt auch Weyhes Erster Gemeinderat Andreas Bovenschulte, angesprochen auf mögliche WM-Begeisterungsschübe. 'Wir haben eine Tipprunde im Rathaus - ansonsten ist es relativ ruhig.' Wie in Stuhr: 'Die Kollegen hier arbeiten normal weiter', berichtet Bürgermeister Cord Bockhop. Wer unbedingt bestimmte Fußballspiele zu Hause gucken wolle, könne die Vorteile der Gleitzeit nutzen. Eine Großleinwand im Foyer oder Ähnliches wird es im Stuhrer Rathaus aber nicht geben.

Rathäuser und WM-Trubel - das passt anscheinend nicht so ganz zusammen. Vielleicht versteckt sich die schönste aller Infektions-'Krankheiten' ja in einem Sportgeschäft. Im Schaufenster von Burdenski Sportswear in Brinkum hängen Deutschlandtrikots, eine brasilianische Trainingsjacke, und es gibt Fußbälle in den Landesfarben von Ghana bis Portugal. Aber WM-Euphorie? 'Mit 2006 kann man das sicher nicht vergleichen', sagt Geschäftsführer Reyhan Gök. 'Irgendwie hat die WM in Südafrika durch die ganze Sicherheitsdiskussion ein negatives Image bekommen.' Folglich hat auch der Fachhandel reagiert und im Voraus weniger geordert. 'Aber so seit etwa zwei Wochen steigt die Nachfrage nach WM-Artikeln', erzählt Gök.

'Deutschlandtrikots sind zurzeit der Renner, das schwarze Ausweichtrikot ist sogar bis September ausverkauft.' Mau sieht es allerdings bei den Trikots der anderen Nationen aus. Die Türkei ist gar nicht erst bei der WM dabei, und Italien? 'Ich habe das Gefühl, dass die Italiener ihrem Team diesmal nichts zutrauen', sagt Gök mit Blick auf die Verkaufszahlen für das Trikot der Squadra Azzurra. Aber auch die berüchtigten Vuvuzelas, die ohrenbetäubenden südafrikanischen Tröten, stünden derzeit noch nicht hoch im Kurs, verrät der Geschäftsführer. Das findet er aber auch gar nicht so schlecht: 'Die Dinger haben mich schon beim Confed-Cup letztes Jahr genervt.'

Schulstress setzt der Stimmung zu

Die Wahrheit liegt auf dem Platz, könnte man meinen. Also nachgefragt bei Uwe Gräser, Jugendtrainer beim SC Weyhe. Doch der ist mächtig desillusioniert: 'Bei uns ist noch überhaupt kein WM-Fieber da. Die Jugendlichen sind alle so ausgelaugt vom Schulstress, da herrscht einfach nur Müdigkeit.' Viele junge Spieler würden deshalb auch das Training versäumen. 'Mit der WM beschäftigen sie sich kaum.' Etwas anders sieht es nur bei den ganz kleinen Kickern aus. 'Die haben schon mal eine Deutschlandfahne am Fahrrad', berichtet der Coach.

Langsam steigt die Ratlosigkeit. Irgendwo muss doch... Klar - in den Grundschulen! Lehrerin Hella Bramstedt scheint bereits auf den Anruf gewartet zu haben, sie ist an der Grundschule Kirchweyhe inoffiziell so etwas wie die Fußball-Beauftragte - hauptsächlich in Sachen Werder. 'Wir haben hier tatsächlich schon WM-Fieber', sprudelt es aus ihr heraus. 'Vor zwei Wochen hatten wir hier eine Projektwoche, bei der die Kinder afrikanische Sprachen, afrikanischen Schmuck und afrikanische Spiele kennengelernt haben.' Auch Fußbälle wurden aus unterschiedlichen Materialien gebastelt.

'Jetzt momentan tauschen unsere Schüler in den Pausen fleißig Sammelkarten. Zu Hause haben viele auch Fahnen hängen - meist die deutsche und die südafrikanische.' Einige Kinder hätten auch eine Vuvuzela, berichtet die Lehrerin. 'Aber hier in der Schule singen wir lieber ,Waving Flag? von K?Naan oder ,54, 74, 90, 2010? von den Sportfreunden Stiller.' Der Lieblingsspieler der Schüler sei übrigens nicht etwa Marko Marin, sondern Philipp Lahm, erzählt Hella Bramstedt. 'Und viele sind beleidigt, dass Tim Wiese nicht im Tor steht.' Bitte, so sieht WM-Euphorie aus!

Im Hort am Lindhof in Syke wächst die Begeisterung derweil mit jedem Tag. 'Die Jungs sind schon voll in WM-Stimmung', erzählt Erzieherin Miriam True, die gemeinsam mit Kollegin Katharina Wagner Basteln auf den Stundenplan gesetzt hat. Von den Sieben- bis Elfjährigen werden jetzt Flaggen und Fußbälle entworfen, mit denen der Hort dekoriert werden soll. Nur bei den Mädchen lässt die Begeisterung für die WM teilweise noch zu wünschen übrig - doch das kann ja noch werden.

Und auch bei den Betreibern des WM-Parks Bassum steigt die Fieberkurve steil nach oben, wie Michael Gillner verrät. 'Bei uns ist das WM-Fieber definitiv schon da. Wir haben eine super Resonanz von den Firmen und viele Reservierungen für die Sitzplätze.' So richtig werde es vermutlich aber erst losgehen mit der Euphorie, wenn Deutschland das erste Spiel gegen Australien gewinnt, vermutet Gillner. 'Aber wenn dann noch das Wetter mitspielt, gibt?s kein Halten mehr. Dass Public Viewing noch funktioniert, hat sich ja kürzlich erst bei Lena gezeigt.'

Fazit: Man muss schon etwas suchen, aber die WM-Begeisterung ist auch im Nordkreis im Kommen.

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