Ein Workshop an der Syker Realschule behandelt Jugendsexualität im Internet

Aufgeklärt, aber leichtsinnig

„Nacktbilder stellen auch für uns als Schule ein Problem dar.“ Rolf Rosenwinkel Syke.
18.02.2016, 00:00
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Von NICO NADIG
Aufgeklärt, aber leichtsinnig

Aufklärer: Helge Johannsen (von links), Rolf Rosenwinkel, Renate Bühn, Brunhilde Maskos.

Udo Meissner

Pornografiekompetenz, Regeln für Sexting, Grenzen finden – um all das drehen sich die Workshops für die Achtklässler der Syker Realschule. Die Projekte finden im Zuge der Initiative Mädchen und Jungen stärken statt. Diese ist seit 2007 fester Bestandteil der Realschule. „Mittlerweile läuft das Projektprogramm nahezu eigenständig und auch die Akzeptanz im Kollegium ist riesig“, sagt Rolf Rosenwinkel, Rektor der Schule. Vor allem die Professionalität und damit einhergehende Qualität der Initiative sei dafür verantwortlich.

„In erster Linie sollen Jungen sowie Mädchen gestärkt werden, dadurch werden Strukturen zur Gewaltprävention gefördert“, sagt die Sozialpädagogin Renate Bühn. Dabei soll helfen, dass die Heranwachsenden ihre eigene Persönlichkeit besser verstehen und verteidigen lernen. Um dieses Ziel in den Workshops zu erreichen, werden die Klassen in Jungen- und Mädchengruppen unterteilt. „Das hat den Vorteil, dass die Jungs sich nicht mehr profilieren müssen und die Mädchen freier sprechen können“, sagt Sexualpädagoge Helge Johannsen. Denn zum einen sei die Nutzung der Medien komplett anders und zum anderen unterscheide sich die Sprache der beiden Geschlechter, führt er weiter aus.

Der Workshop selbst besteht aus verschiedenen Bausteinen. Am Anfang stehen vertrauensbildende Gespräche. „Oft trauen sich Jugendliche nicht, mit den Lehrkräften über Probleme – vor allem sexueller Art – zu sprechen. Mit Personen von außerhalb fällt es ihnen oft leichter“, sagt Schulsozialarbeiterin Brunhilde Maskos.

Danach steigen die beiden schulexternen Pädagogen unterschiedlich in die Materie Jugendsexualität im Zeitalter des Internets ein. Renate Bühn möchte den Mädchen vor allem die eigene Persönlichkeit näher bringen. „Viele junge Schülerinnen wissen gar nicht, was sie wirklich gut können. Und wenn doch, nennen sie oft nur typische Frauentalente wie gut zuhören“, sagt sie. Für Mädchen stellen Nacktbilder oft ein großes Problem dar. Meist als Vertrauensbeweis an den Freund geschickt, sendet der das Bild nicht selten weiter an seine Freunde. Aber warum werden solche Fotos überhaupt gemacht? „Manche Mädchen versuchen so, in eine neue, für sie noch unbekannte Rolle zu schlüpfen oder möchten den Freund nicht enttäuschen. Aber vor allem fühlen sich viele Jugendliche durch die Anonymität des Internets geschützt – ein Trugschluss“, erklärt Renate Bühn. Daher, führt sie weiter aus, sei es wichtig, dass die heranwachsenden Frauen sehr früh ihre Grenzen bestimmen und diese auch verteidigen. „Nacktbilder stellen auch für uns als Schule ein Problem dar. Kommen solche Fotos in Umlauf, kann das fatale Konsequenzen für die Beteiligten haben“, sagt Rolf Rosenwinkel.

In beiden Gruppen spielen auch rechtliche Aspekte eine Rolle. Darf ein 15-Jähriger zum Beispiel einer 13-Jährigen einen Zungenkuss geben? Laut Gesetz wäre dies verboten. Für die meisten Achtklässer stelle es jedoch kein Problem dar, erklärt Renate Bühn. „Wir müssen die Jugendliche sensibilisieren, gut aufgeklärt sind die meisten nämlich schon“, sagt der Sexualpädagoge Helge Johannsen. In seiner Jungengruppe geht es vor allem um den Umgang mit Sex in den Medien. „Es ist schlichtweg statistisch bewiesen, dass junge Männer deutlich öfter in Kontakt mit pornografischem Material treten als das weibliche Geschlecht“, sagt er. Mithilfe von Smartphones und Internet können die Filme einfach konsumiert werden, auch wenn sie eigentlich erst ab 18 sind. Das Problem sei, selbst wenn die Jugendlichen probieren sich zu informieren, landen sie oft auf Pornoseiten. „Gibt man den Begriff ,Oralsex’ in eine Suchmaschine ein, wird man in den seltensten Fällen auf einer Aufklärungsseite landen“, erzählt Helge Johannsen.

In seine Workshopgruppe bringt er verschiedene Plakate mit. Entworfen wurden sie von Pro Familia Bremen gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auf diesen sind verschiedene Statistiken, Regeln und Begriffe erklärt. Dazu gehört auch die Pornografiekompetenz. Sexfilme würden die Entwicklung von Pubertierenden beeinflussen. Nicht selten würden sich die Darsteller aggressiv gegenüber den Frauen verhalten. Kondome seien sowieso Mangelware. So sei für viele Jugendliche aggressiver Geschlechtsverkehr ohne Verhütung und Gefühle nichts Außergewöhnliches mehr. Helge Johannsen möchte den Heranwachsenden zu verstehen geben, dass ein solches Verhalten nicht auf die Realität zu projizieren ist.

Auch das Thema sexueller Missbrauch wird in den Gruppen thematisiert. „Fast jedes Mädchen hat eine Freundin, die schon einmal Erfahrungen mit sexuellen Missbrauch machen musste“, sagt die Sozialpädagogin Renate Bühn. Sexueller Missbrauch könne dabei viele Formen annehmen – Blicke, Äußerungen, Berührungen und Vergewaltigung. „Die Initiative soll Jugendlichen den Mut geben, sich jemandem anzuvertrauen“, erklärt Brunhilde Maskos. Am Ende, da sind sich alle Beteiligten einig, kann Schule nicht allein für mehr Kompetenz im Umgang mit Sexualität im Internet sorgen. „Eltern müssen aktiv helfen. Sie kaufen den Kindern die Mobiltelefone und müssen dann auch über die richtige Nutzung aufklären“, resümiert der Schulleiter Rolf Rosenwinkel.

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