Bartholomäuskirche Barrien

Reine Seelenhygiene

39 Besucher kamen zum Barockkonzert mit Johanna Lamprecht (Viola), Luisa Klaus (Flöten) und Danica Buric (Cembalo). In Zeiten des Coronavirus heißt das bereits: ausverkauft.
20.09.2020, 17:52
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Von Dagmar Voss

Syke-Barrien. „Das war reine Seelenhygiene“, äußerte sich ein Besucher begeistert nach dem Konzert in der Barrier Bartholomäuskirche am Sonnabend. Gemeint hatte er damit die Musik des Früh- und Hochbarock, die drei virtuose Künstlerinnen zu Gehör gebracht hatten. Für Johanna Lamprecht (Viola), Luisa Klaus (Flöten) und Danica Buric (Cembalo) war es eine Premiere, in dieser Konstellation als Trio aufzutreten. Sie hatten sich eine gelungene Mischung verschiedener Komponisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert ausgewählt, deren Stücke die Instrumentalistinnen bestens interpretierten – ausgewählt aus Werken italienischer und deutscher Meister.

Das ließ schon der getragene Auftakt erahnen aus den „Canzoni alla francese a quattro voci“ das „Canton sesta“ des italienischen Benediktinermönchs, Organisten und Komponisten Adriano Banchireri (1565-1634). Er und seine Canzoni standen an der Schwelle von der Renaissance- zur Barockzeit und galten als Vorläufer der späteren klassischen Orchestermusik.

So auch die „Canzoni per sonare con ogni sorte di stromenti“ des Zeitgenossen Giovanni Gabrieli (1557-1612). Als venezianischer Kirchenmusiker am Markusdom in Venedig war er einer der bedeutendsten Musiker der Venezianischen Schule. Dessen Canzonentyp umfasste zwei – in Zeitmaß, Rhythmus und Satzbild – gegensätzliche Teile. Diese kontrastierten gegeneinander, mal monodisch-melodisch, mal lebhaft polyphon in verschiedenen Takten. Andere Werke wie das Trio a-moll op. 1 Nr. 3 von Dietrich Buxtehude (1637-1707) wiesen die kontrastreiche Struktur einer barocken Instrumentalsonate auf. Die drei Musikerinnen konnten diesen Typus mit dem gegensätzlichen Charakter genial improvisiert klingen lassen in ihren Überleitungen und dramatischen harmonischen Färbungen, chromatischen Figuren und teilweise abrupten Schlüssen. Seinerzeit prägte man für diesen aus Norditalien stammenden Stil den Namen Stylus phantasticus, der seinen Höhepunkt im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert dann allerdings norddeutschen Orgelkomponisten zu verdanken hatte. Es sei, so entnahm es Luisa Klaus einer alten Quelle, „die allerfreieste und ungebundenste Setz-, Sing- und Spielart, „da man bald auf diese, bald auf jene Einfälle gerät, da man sich weder an Worte noch an Melodie, obwohl an Harmonie bindet“.

Da es damals, vor allem im Barock, die Musiker nicht so besonders ernst nahmen mit Herkunft und Genauigkeit des Nachspielens, wurden auch immer mal die Besetzungen variiert. Das tat passenderweise auch das Trio am Sonnabend und benannte es augenzwinkernd wie die Flötistin als „flexiblen Umgang mit dem ursprünglichen Notentext“. So intonierten sie eigenwillig das von Andreas Hammerschmidt (1611-1675) verfasste „O frommer Gott“ aus dessen „Musikalische Andachten“.

Ein wunderbares Solo gab Danica Buric zum Besten mit Johann Jakob Frobergers (1616-1667) Partita „Auff die Maÿerin“ – oder im amüsanten ausführlichen Titel „Hylas will kein Weib nicht haben“. Das Cembalo, das sie sich mitgebracht hatte, wirkte etwas ungewöhnlich. Es sei ein Reisecembalo, gab Buric zu – bestehend aus drei kleinen flachen Cembali, sehr handlich zum Mitnehmen und zum Spielen einfach auf einen Tisch zu legen.

Für den krönenden Abschluss hatten die Drei das „Trio in c-moll TWV 42:c5“ ausgesucht mit seinen vier Sätzen Adagio, Vivace, Affettuoso und Allegro. Ein Werk des Wahl-Hamburgers Georg Philipp Telemann (1681-1767), der gern einfallsreich Klangfarben einsetzte und vor allem in seinem Spätwerk auch ungewöhnliche harmonische Effekte.

Für Kirchenvorsteherin und Organisatorin Christa Carstens war das Konzert ein Erfolg, ein sozusagen ausverkauftes Ereignis zu Corona-Bedingungen in die Kirche geholt zu haben. „Immerhin war es mit 39 Personen maximal besetzt.“

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