Landsitz Wachendorf

Bei den Hühnern lässt es sich leben

Kunst auf dem Land oder in der Stadt – René Rameil hat sich für das ländliche Wachendorf entschieden. Warum er seinen Entschluss nicht bereut und was die Menschen unterscheidet.
03.08.2018, 12:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Lena Mysegades
Bei den Hühnern lässt es sich leben

Der Hahn auf der Bank: René Rameil genießt sein Leben auf dem Land und die damit einhergehende Ruhe.

Janina Rahn

Syke-Wachendorf. Er lebt bei den wilden Hühnern, nicht bei den verrückten Hühnern. Gemeint ist René Rameil, Hausherr des Landsitzes Wachendorf. Genau genommen bei Huhn Sechs, Moni, die alte Dame und Priscilla. Seit zwei Jahren hat René Rameil sich für ein Leben auf dem Land entschieden und Großstädten wie Berlin, Köln und Hamburg den Rücken zugekehrt. Viel Platz, viel Natur und eben auch dreimaliges Vogelgefieder. Dabei ist Kunst doch eigentlich etwas für verrückte Hühner? Denn Kunst ist eben nichts Alltägliches, sondern eigen und oft Geschmacksache. „Ich erlebe es auf jeden Fall, dass die Menschen auf dem Land der Kunst gegenüber nicht so aufgeschlossen sind. Unsere Nachbarn, die mögen uns mittlerweile um unsertwillen. Dennoch sind sie noch nicht zu der momentan auf dem Landsitz Wachendorf laufenden Ausstellung ,Kunst-Europäisches Haus-Wir' gekommen“, sagt Rameil.

Diese Offenheit gegenüber Kunst würde in der Stadt schon mehr gelebt werden. Dennoch ist die Aufmerksamkeit, die Rameil erfährt auf dem Land größer. „In der Stadt geht man mehr unter als Kunstschaffender“, erklärt Rameil das Phänomen. „Das liegt ja auch weniger an uns, als an dem Ort Syke, dass wir hier viel Beachtung erfahren“, meint er bescheiden. Dennoch, der gebürtige Düsseldorfer weiß: „Die Menschen, die zu uns kommen, sagen danach, dass sie sich jetzt besser fühlen als vorher.“ Das habe sicher nicht nur mit dem Ort zu tun, sondern auch mit den Menschen, die in ihm leben, gibt der Künstler zu.

Aber auch der Ort selber ist entscheidend. Denn der Landsitz Wachendorf strahlt viel Ruhe aus. Die Unaufgeregtheit der Natur. Rameil sagt:“ Die Seele braucht Raum, um sich zu entfalten.“ Und gerade als Künstler braucht es die Ruhe, um schaffen zu können. „In der Stadt ist das Leben einfach schneller. Ständig holt das Gefühl, seine eigenen Ansprüchen nicht zu genügen, den Menschen in der Stadt ein.“ Deshalb habe er auch mehr geschafft, seitdem er hier in Wachendorf ist, meint der Zeichner. "Ausstellungen, Werke, da habe ich vorher in der Stadt einfach nicht so viel geschafft. Meine Kollegen und Freunde in Bremen sind dann auch schon mal beeindruckt, was bei mir in den zwei Jahren alles passiert ist", berichtet René Rameil. Die aktuelle Ausstellung zum Gedenken an Rameils Professor Wolfgang Schmidt läuft noch bis zum 18. August und trotzdem ist schon eine neue Ausstellung geplant. Diesmal eine Gemeinschaftsausstellung mit Rameils langjährigem Freund und ehemaligem Kunstlehrer Karl-Heinz Heming. Der Kunstlehrer ist heute Holzbildhauer.

René Rameil hat zum neuen Schuljahr eine Lehrstelle in der Waldorf-Schule Bruchhausen-Vilsen gefunden. Dort wird er Kunst und Werken unterrichten. Egal, ob ein Künstler auf dem Land oder in der Stadt lebt: Für Kunstschaffende ist es schwierig, ihren Lebensunterhalt nur mit der Kunst zu bestreiten. Eine Lehrtätigkeit kommt dann vielen zu Gute. „Nach dem Abschluss des Diploms in Kunst hatten die Lehrkräfte uns gesagt, dass drei von hundert Künstlern davon leben können. Heute heißt es, dass es nur noch einer von hundert ist. Die Kunst ist eben ein viel bewundertes aber wenig unterstütztes Feld“, klärt Rameil auf. Deshalb sei es für Künstler auch wichtig, Kontakte zu pflegen. Das kann René Rameil. Er ist ein offener Künstler und widerlegt damit das häufige Klischee, Maler und Zeichner seien introvertiert.

„Ich war nicht immer so aufgeschlossen, früher habe ich in der Schule gestottert. Deshalb dachte ich auch nie, dass ich Lehrer werde. Doch dann habe ich entdeckt, dass Sprache ein wunderbares Element sein kann", gibt René Rameil zu. Ihm würden jetzt immer Formulierungen in den Sinn kommen, bei denen er denke, das könnte er bei einer Ausstellung oder einer Führung anbringen. In der Vortragsreihe „Kunst einfach einfach“ bringt Rameil zudem Interessierte in der Stadtbibliothek Syke die Kunst näher. Das gleiche Angebot möchte der Wachendorfer übrigens auch ab Oktober in Bruchhausen-Vilsen anbieten. Projekte, die der ehemalige Großstädtler alle auf dem Lande realisieren kann. „Aus Bremen wollte ich zum Schluss raus. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen von der Hochschule für Gestaltung zwar vom Wandrahm in den Speicher umgezogen sind, trotzdem aber die gleichen Leute auf dem gleichen Posten saßen." Hier in Wachendorf sitzt Rameil auch gerne noch in fünf Jahren, wie er sagt. Auf seinem Gartenstuhl, den Erfolg genießend, mit Priscilla, Huhn Sechs, Moni und der Alten Dame zu seinen Füßen.

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