Landkreis Diepholz will die Okeler Sandgrube an die neuen europäischen Richtlinien anpassen

Blau, blau, blau blüht der Enzian

Syke-Okel. „Jaja, so blau, blau, blau blüht der Enzian.“ So hat es Heino einst im Jahre 1972 gesungen.
18.07.2015, 00:00
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Blau, blau, blau blüht der Enzian
Von Micha Bustian

„Jaja, so blau, blau, blau blüht der Enzian.“ So hat es Heino einst im Jahre 1972 gesungen. Nun: Der Schlagerbarde nahm nicht an der Natura-2000-Exkursion durch die ehemalige Okeler Sandgrube am Donnerstagabend teil. Aber blau blühenden Enzian gab es dort durchaus zu sehen. Lungenenzian, um genau zu sein. Sehr selten und „blüht nur, wenn es sonnig und warm ist“, wie Anni Wöhler-Pajenkamp von der Syker Ortsgruppe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) wissen ließ. An die 40 Besucher hingen dabei an ihren Lippen. Eingeladen in dieses naturgeschützte Kleinod hatte indes der Fachdienst Kreisentwicklung im Landkreis Diepholz.

Dessen höchster Repräsentant – Landrat Cord Bockhop – hatte deshalb extra seinen Feierabend nach hinten verlegt, reiste mit Motorrad an. Auch Sykes Bürgermeisterin Suse Laue, ihre ehrenamtliche Stellvertreterin Edith Heckmann, Okels Ortsbürgermeister Jürgen Schmock und diverse Syker Ratsmitglieder hatten den Weg an die Kreisstraße 121 gefunden. Das Interesse war groß. Weil das Betreten dieses von der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) geschützten Areals einerseits sonst nur den Mitgliedern des Nabu gestattet ist. Und weil andererseits die Naturschutzgebietsverordnung an die FFH-Richtlinie der Europäischen Union angepasst werden muss, da die Okeler Sandgrube „der aktuellen Verordnung nun nicht mehr entspricht“, wie Helen Schepers vom Team Naturschutz im Landkreis Diepholz mitteilte.

Das 3,6 Hektar große Gelände – ehemals Baumannsche Grube – steht seit 1993 unter Naturschutz. Von der Kreisstraße 121 aus ist es kaum zu entdecken, obwohl es direkt angrenzt. Erst wenn man auf den zwischenliegenden Wall klettert, sieht man den von Birken und Schilf umrandeten Teich, der laut Aussagen von Jürgen Schmock „13 Meter tief und nicht ungefährlich“ ist. „Da ist auch schon ein Okeler Kind drin ertrunken“, warnt er potenzielle Badegäste.

Die allerdings müssten – wenn sie denn erwischt werden – mit einem gehörigen Rüffel rechnen. Denn für Otto und Elfriede Normalbürger ist das Betreten des Naturschutzgebietes verboten. Denn bei aller idyllischen Optik von reetumstelltem Wasser mit Baumgrün drumherum sind die Stars der Okeler Sandgrube eher zwischen zwei und fünf Zentimeter groß. So der Fadenenzian, der gewöhnliche Wassernabel, die Flutende Moorbinse, der gewöhnliche Pillenfarn und der Europäische Strandling. Da ragt der blau blühende Lungenenzian schon deutlich drüber weg. Genau wie die Glockenweide oder der Königsfarn.

Doch gegen Schilf, Erlen und Birken sind sie alle Zwerge. Und eben da sieht der Nabu, dem die Pflege der ehemaligen Sandkuhle übertragen wurde, das Problem. Bäume und Schilf müssten möglichst im frühen Stadium regelmäßig entfernt werden, damit sie den botanischen Raritäten nicht den Raum zum Leben nehmen. „Zwischenzeitlich hatten wir uns auf die Entfernung der Birken konzentriert“, erzählte Anni Wöhler-Pajenkamp. „Jetzt steht alles voller Schilf.“

Zudem weist Iris Richter vom Team Naturschutz darauf hin, dass „dies hier ein nährstoffarmes Biotop“ ist. Es gelte also, weiteren Nährstoffeintrag zu verhindern, damit die pflanzlichen Kostbarkeiten in der Okeler Sandkuhle weiter existieren können. Die niedersächsische Strategie für Arten und Biotopschutz reihe die Okeler Sandgrube in zwei Lebensraumtypen ein. Erstens: nährstoffarme Stillgewässer mit Strandlings- und Zwergbinsenvegetation. Zweitens: Torfmoor-Schlenken mit Schnabelriedgesellschaften. Diese gelte es zu pflegen und zu erhalten. „Dafür müssen wir neue Verbote erlassen. Und jeder soll nachvollziehen können, worum es uns geht.“ Detlef Tänzer, Leiter des Fachdienstes Kreisentwicklung, ergänzte: „Gelder kriegen wir nur für die Pflege dieser Lebensräume.“

Doch nicht nur im botanischen Sinne ist die Okeler Sandgrube eine Schatzkiste – auch im zoologischen. So berichtete Rainer Müller vom Nabu Syke, dass er vier Arten gefunden hätte, die auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tieren stünden: unter anderem die Nordische Moosjungfer, die zarte Rubinjungfer und die Westliche Keiljungfer – allesamt Libellen. Auch die eigentlich nicht einheimische Feuerlibelle habe er schon entdeckt.

Anni Wöhler-Pajenkamp indes warnte die Besucher, nicht auf eine Hosenbiene zu treten. Dieses Insekt sammelt immer gerade so viel Pollen, wie nötig sind, um eine einzige Made zu ernähren. Auch der Sandlaufkäfer verstecke sich in den Löchern im Boden. Beide sind selten. Dann drehte sich die Frau vom Nabu um und verteilte ein Lob an Detlef Tänzer. Der hatte nämlich gerade nebenbei zwei kleine Birken samt Wurzeln aus dem morastigen Boden gerupft. Gekusselt, wie die Fachleute sagen. Für Anni Wöhler Pajenkamp „eine gute Idee“.

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