Blaue Flügel

Fliegen sie noch?

Vor drei Jahren war die Idee geboren, in Syke knapp 80 blaue Flügel an Gebäude oder Laternen anzubringen, um mehr über Geschichte und Menschen der Hachestadt zu erfahren. Aber das Projekt zieht sich.
16.06.2020, 16:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Dagmar Voss

Syke. Wenn es nach den Ideengebern Lutz Felsmann, Hermann Greve und Peter Jahnke gegangen wäre, dann hätte die Stadt jetzt rund 80 blaue Flügel. Vor drei Jahren hatten Ortsbürgermeister Jahnke und Felsmann, Kulturpreisträger des Landkreises in 2013, den Plan ausgeheckt, die Innenstadt neu zu beleben. Schließlich soll die Hauptstraße die „Pulsader der Syker Innenstadt“ sein – nach Felsmanns Meinung. Und Stadtarchivar Greve war dem deutlich zugetan, denn immerhin gibt es eine Vielzahl von Gebäuden und Plätzen, die sehr geschichtsträchtig sind.

Es ging ihnen also um das Blau einerseits und die Flügel andererseits. Bis zu 80 Flügelpaare aus Aluminium, im sogenannten Syker Blau beschichtet, sollten bei Könenkamp & Eickhoff hergestellt und als auffällige Zeichen vom Bahnhof bis zum ehemaligen Gesundheitsamt an der Schloßweide an verschiedenen Hauswänden, Pfählen oder Schildern befestigt werden. Die Flügel sollen an wichtige historische Ereignisse, Menschen oder Gebäude erinnern. Mit ein paar Informationen und vor allem einem QR-Code gespickt, sollen sie Interessierte wissen lassen, was früher in Syke passiert ist oder wer in einem bestimmten Haus gewohnt hat.

Soweit der Gedanke, den die Ideengeber damals entwickelt hatten. Nun fällt dem geneigten Besucher der Stadt allerdings auf, dass es nur sehr wenige Flügel gibt und auch der QR-Code funktioniert teilweise nicht. Es sollen aktuell gut 30 Flügel sein.

Das ist nicht das, was geplant war. Jahnke meint: „Ja, wir wissen um diesen Zustand, es gab da einige Probleme.“ So mussten in den vergangenen Jahren einige Flügel wieder abgebaut werden wegen des Abrisses der entsprechenden Häuser. Die bei der Kirche durften nicht so einfach angebracht werden, da mussten langwierige Genehmigungsverfahren laufen. „Nicht zuletzt bedarf es auch immer einiger Anbringer – schließlich ist das nicht immer so einfach wie bei den niedrig hängenden, da hatten wir Schüler zu Hilfe – aber für manches brauchten wir tatsächlich die Genehmigung der Stadt plus einen Steiger, wenn beispielsweise Flügel an Laternenpfählen angebracht werden müssen wie bei der Avacon“, erklärt Jahnke. „Manchmal ist alles ein bisschen schwieriger und dauert länger, als man es erwartet hat.“

Es gibt also mittlerweile eine Vielzahl von Informationen, die Hermann Greve zusammengetragen hat. So zum Beispiel über den Flügel Nummer 1, der bei der heutigen Avacon Am Winklerfelde hängt: „Der Gebäudekomplex ging aus der um 1900 gegründeten Maschinen- beziehungsweise Motorenfabrik Hans hervor, die spätestens 1906 von Okel nach Syke verlegt worden war. Ihr Eigentümer, Friedrich Johannes Meyer, hatte in einem kleinen Fabrikgebäude auf seinem Okeler Gutshof zunächst Fahrräder und Blitzableiter produzieren lassen, war dann jedoch in die Herstellung von Motoren eingestiegen. Durch den Umzug auf das neue Betriebsgelände in der Nähe des Syker Bahnhofs erhielt das expandierende Unternehmen eine deutlich günstigere Verkehrsanbindung.“ Später wurde das Gebäude erst vermietet, Anfang 1914 teilweise zerstört. „Albert Borchers ließ das Fabrikgebäude wieder instand setzen, um es unter anderem als Festhalle für die Syker Pferderennen nutzbar zu machen.“ Das und noch viel mehr kann man dazu erfahren.

Oder über Wessels Hotel, das wurde 1895/96 für den Gastwirt Hermann Wessel, seine Ehefrau und seine Stieftochter Lina Bomhoff errichtet. „Schon in dem abgerissenen Vorgängerbau war seit Jahrzehnten Gastronomie betrieben worden. Offenbar galt das Haus zeitweise als bevorzugte Adresse unter Wandergesellen. Mit dem neu eröffneten Hotel, insbesondere mit dem geräumigen Saal im Obergeschoss und dem historistischen Outfit, setzte Hermann Wessel Akzente in der gastronomischen Landschaft des beliebten Ausflüglerorts. Konkurrenten sollten ihm schon bald durch den Bau eigener Festsäle nacheifern. Von 1914 bis 1919 residierte in zwei Räumen des Hotels auch die Verwaltung des Fleckens Syke.“

Auch über die Gebäude der Volkshochschule an der Waldstraße ist einiges zu erfahren: „Um 1768 erwarb der Vogt und spätere Postspediteur Matthias Hartmann das Gelände der heutigen Hausgrundstücke Waldstraße 3 und 1 sowie Nienburger Straße 5. Kurz darauf ließ Hartmann hier ein Wohnhaus und eine Scheune errichten. Ein Großteil der Bausubstanz dieser Scheune ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Haus Waldstraße 3 erhalten geblieben. Wann das Anwesen Standort der Syker Posthalterei wurde, ist unklar. Vielleicht schon unter Matthias Hartmann, ganz sicher jedoch seit dem Ende der 1820er-Jahre, als der Posthalter Carl Balk das inzwischen erweiterte Gebäudeensemble kaufte.“

Bei so vielen historischen Details möchte man auch als Bewohner Sykes gern mehr hören und lesen. Jedoch musste wegen Corona ein Teil der Arbeiten zur Anbringung und zur Fertigstellung zweier neuer Flügel – Plaggenhof und Vorwerk laut Jahnke – erstmal ruhen.

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