Vortrag zum britischen EU-Austritt Brexit und die Folgen

Günther Schwarz ist ein "Brexit-Flüchtling". Fast 40 Jahre lebte er auf der Insel, nach dem Referendum zog er zurück nach Deutschland. Im Kreismuseum schilderte er seine Sicht des EU-Ausstiegs der Briten.
08.10.2021, 17:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Dagmar Voss/dv

Syke. Ein spannendes und zugleich schonungsloses Konzentrat der Ereignisse rund um den Brexit (den Austritt von Großbritannien aus der EU) bekamen die Gäste am Donnerstagabend im Kreismuseum zu hören. Immerhin gerade hochaktuell bei dem, was sich da zurzeit abspielt mit leeren Supermarktregalen und fehlenden Lastwagenfahrern. Der Verein Rund ums Syker Rathaus (RuSR) hatte Günther Schwarz eingeladen, um aus seiner persönlichen Sicht die Ereignisse zu schildern. „Bei der Planung dieses Abends im letzten Jahr haben wir ja noch nicht geahnt, wie aktuell das werden könnte“, sagte Vereinsvorsitzender Johannes Huljus zur Begrüßung.

Als „Brexit-Flüchtling“ bezeichnete sich der geborene Deutsche Schwarz, der sein ganzes Berufsleben in England verbracht hatte – und darüber hinaus noch etliche Jahre. Er gab, unterstützt von einigen Bildern per Beamer, eine Insider-Sicht wieder, wie man sie so scharf zusammengefasst wohl selten live erleben kann. Schwarz sei froh, als Neu-Kirchweyher nun wieder in Deutschland zu leben: „Ich bedaure die Menschen, die jetzt die Folgen des Brexits zu tragen haben.“ Und das sei überhaupt nicht lustig.

Genauso wenig wie die Vorgänge, die im Vorfeld zu diesem unsäglich knappen Referendum pro Austritt geführt hatten: die Manipulationen über die Regierung, über Facebook und einige Presse-Medien. So beispielsweise des Murdoch-Imperiums, das in den USA und Großbritannien die Mehrheit der Presse besitze und seine Hetze vor allem gegen Europa herausbrachte. „In der Zeitungslandschaft sind von den zehn im Land erscheinenden Tageszeitungen nur zwei, denen man noch halbwegs Glauben schenken kann“, so Schwarz. Das seien der Guardian und der Independent. „Alle anderen sind Europa-, Frauen- und Minderheitenfeindlich.“

Schon früh habe Schwarz als Mitglied der Labour Party versucht, klarzustellen, was eigentlich Europa alles zu verdanken sei. Er habe dazu Zettel mit einer Liste „What did the EU ever do for us?“ (Was hat die EU jemals für uns getan?), aufgestellt von Simon Sweeney vom Guardian, immer wieder verteilt – aber Facebook beispielsweise sei halt stärker geworden. Die 38 Jahre, die er westlich von London in einem Städtchen von der Größe Weyhes gelebt und gearbeitet hatte, wurden gegen Ende immer unangenehmer. So waren EU-Ausländer mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis plötzlich gezwungen, innerhalb einer Woche einen neuen Antrag dazu zu stellen, andernfalls wären sie ausgewiesen worden. „Da musste ich vielen Freunden helfen, das ging nur Online und war ziemlich kompliziert.“ Sogar Zahlen wurden da gefälscht, angeblich lebten offiziell drei Millionen Menschen mit Aufenthaltsgenehmigung in England, aufgrund der Anträge wurden es dann plötzlich sechs Millionen.

Was zurzeit vor sich gehe, sei noch schlimmer, als man hier aus den Medien entnehmen könne. Nicht nur fehlt allenthalben Fachpersonal wie die besagten LKW-Fahrer, sondern auch Ärzte, Krankenpflegerinnen, Erntehelfer; es „verfaulen Lebensmittel auf den Feldern“ und die Wirtschaft sei eigentlich keine mehr. Investitionen in Produktionsstätten werden so gut wie nicht getätigt und in den alten Industriegebieten Mittel- und Nordenglands komme man sich vor „wie in einem Dritte-Welt-Land.“ Dort sei die Armut an jeder Ecke sichtbar. Außerdem könnten nun sehr viele Briten bemerken, dass selbst Auslandsreisen quasi unmöglich werden wegen der Visa-Vorschriften.

Verschärft wurde das alles im Vorfeld dadurch, dass in der britischen Gesellschaft ausgerechnet Banker das höchste Ansehen genießen, erst viel später kommen Ingenieure oder Facharbeiter. Die Diskriminierung aller Ausländer gipfelte schließlich, wie Schwarz es ausdrückte: „In Mord- und Totschlag.“

„Was wir von hier aus sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs, die Konsequenzen des Austritts sind richtig dramatisch“, erklärte Schwarz. Das hatten all diejenigen Menschen, zuletzt in 2016 gut eine Million, die zu Anti-Brexit-Demonstrationen nach London gekommen waren, wahrscheinlich geahnt. Mit drastischen Worten konnte man das als Aufkleber auf Caps sehen: „Bollocks to Brexit.“ Übersetzt ungefähr „Leck mich, Brexit.“ Erst nach gut 90 Minuten sowie einigen Diskussionen und Nachfragen endete dieser informative Abend.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+