Bürgerin des Jahres

Ein Herz für Menschen

Ingeborg Petersilge ist Sykes Bürgerin des Jahres. Mit ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrer liebenswürdigen Art hat sie die Herzen vieler Syker erobert.
25.07.2021, 15:07
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Ein Herz für Menschen
Von Sarah Essing
Ein Herz für Menschen

Ein Korb voller Bücher für die Syker Bürgerin des Jahres: Suse Laue (rechts) zeichnete Ingeborg Petersilge aus.

Vasil Dinev

Syke. "Außergewöhnlich", "liebevoll" und "schon lange preisverdächtig". Mit diesen Worten ehrte Gabriele Beständig, Sykes stellvertretende Bürgermeisterin, in ihrer Laudatio die Syker Bürgerin des Jahres: Ingeborg Petersilge. Die 93-Jährige wohnt seit 1998 in der Hachestadt und hat durch ihre helfende Hand, ihren unermüdlichen Einsatz für andere, ihren unerschütterlichen Optimismus und ihre liebenswürdige Art die Herzen vieler Syker erobert.

Orientalische Lautenklänge untermalten die munteren Gespräche an den Tischen in der Alten Posthalterei. Eigentlich findet die Ehrung eines Bürgers oder einer Bürgerin in einem größeren Rahmen während des Neujahrsempfangs der Stadt statt, erinnerte Sykes Bürgermeisterin Suse Laue die anwesenden Gäste. Coronabedingt fiel der Neujahrsempfang jedoch aus. Doch "jetzt wollen wir unsere Bürgerin des Jahres feiern", sagte sie. Dazu hatten sich zahlreiche Gäste eingefunden. Familie, Freunde, Mitglieder des Fördervereins der Bücherei, in dem Ingeborg Petersilge rege tätig ist, das Team der Stadtbibliothek, Wegbegleiter aus der Flüchtlingshilfe und Mitglieder des Rates überbrachten Glückwünsche, Blumensträuße und einen Präsentkorb voller Bücher.

"Schrecklich aufgeregt" sei sie, bekannte die 93-Jährige. Sie freue sich sehr über diese Auszeichnung, auch wenn sie es nicht so recht glauben konnte. "Ich bin überzeugt, sehr viele andere könnten hier auch sitzen und hätten diese Ehre verdient", sagte sie. Eine Ehre, die "keine Selbstverständlichkeit" sei. Wie so manches nicht mehr, seit dem Beginn der Corona-Pandemie. 

Immerhin habe sie gelernt, dass man vieles, von dem man immer dachte, dass man es braucht, gar nicht brauche. Diese Erkenntnis wünsche sie auch anderen. Viel wichtiger, so Ingeborg Petersilge, sei ein gutes Zusammenleben. "Man muss ja nicht jeden umarmen, herzen oder knutschen, aber muss man andere deshalb gleich hassen?", stellte sie als rhetorische Frage in den Raum. "Ameisen treten sich sicher auch mal auf die Füße", ohne gleich übereinander herzufallen, fand sie ein Bild aus der Natur, um ihrem größten Wunsch "für alle" Ausdruck zu verleihen: "Ein gutes Leben."

Ingeborg Petersilges Leben begann 1928 in Berlin. Zu einer Zeit, in der es vielen Menschen gar nicht gut ging, erinnert Gabriele Beständig in ihrer Laudatio. 1942 wurde die damals 14-Jährige nach Süddeutschland umgesiedelt. Als zwei Jahre später auch die neue Bleibe in Heilbronn durch Bomben zerstört wurde, endete für Ingeborg Petersilge die Schulzeit und die Kindheit.

Sie absolvierte Ausbildungen zur Lehrerin, zur Kindergärtnerin und zur Sozialarbeiterin ehe sie 1961 in zweiter Ehe Gustav Petersilge heiratete. Sie bekamen drei Kinder und fanden in einem Reihenhaus in Mannheim ein Zuhause – 37 Jahre lang. Gesundheitliche Gründe veranlasste das Paar sich mit einer Wohnung im betreuten Wohnen räumlich zu verkleinern. So kamen die beiden nach Syke. 2010 verstarb Gustav, doch Ingeborg blieb nicht allein. "Ingeborg hat immer Menschen gefunden", sagte Gabriele Beständig. "Für Menschen, die ihr wichtig sind, wird sie die Tür nie schließen." Das zeigte Ingeborg Petersilge bei den Seniorennachmittagen der Kirchengemeinde und Besuchen im Seniorenheim an der Waldstraße. Sie unterhielt mit Mandalas, Spielen, Filmen und Lesungen – immer wieder Lesungen. Als Mitglied im Förderverein der Stadtbibliothek und Lese-Omi, "mit Begeisterung auf beiden Seiten."

Als 2015 die ersten Flüchtlinge nach Syke kamen, zögerte Ingeborg Petersilge nicht. Sie trug sich in die Liste der Hilfsinitiative ein, ging jeden Tag ins Gemeindehaus, um Deutsch zu lehren. Sie schloss Freundschaft mit einer syrischen, einer irakischen, einer iranischen Familie. Zusammen wurden Geburtstage gefeiert, gekocht und auf Arabisch und Deutsch "Gebete in den Himmel geschickt". "Für Ingeborg sind es keine Flüchtlinge, sondern Friedensuchende", unterstrich Gabriele Beständig.

Jeden Tag sei Ingeborg Petersilge im Begegnungscafé gewesen – bis zum 22. April 2020. Das Haus, in dem sich ihre Wohnung befand, brannte aus. "Selbst in diesen schweren Monaten bist du immer positiv denkend, hilfsbereit und aufmunternd anderen gegenüber geblieben", zeigte Gabriele Beständig sich beeindruckt. Alle wünschten sich daher, dass sie bald wieder in ihre Wohnung nach Syke ziehen kann. "Damit Du endlich wieder allen Menschen auf kurzem Weg begegnen kannst, die Dir in den Jahren in Syke ans Herz gewachsen sind."

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