Geschichtswerkstatt

Bürgerwissenschaftler forschen weiter

In Kooperation mit der Volkshochschule forschen geschichtsinteressierte Syker weiter zur Geschichte der Stadt. Unter Anleitung von Historiker Ralf Weber widmen sie sich nun der Vielfalt des ländlichen Lebens.
03.12.2019, 17:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Sarah Essing
Bürgerwissenschaftler forschen weiter

Die Geschichtswerkstatt des Kreismuseums in Kooperation mit der Volkshochschule widmet sich in diesem Halbjahr den Themen rund um das "ländliche Leben in und um Syke".

Vasil Dinev

Die Ausstellung zum Gaststättenwesen ist beendet und war ein voller Erfolg. Und schon hat die Geschichtswerkstatt des Kreismuseums in Kooperation mit der Volkshochschule (VHS) Landkreis Diepholz das nächste Thema im Blick. Historiker Ralf Weber und acht „Bürgerwissenschaftler“, wie er die engagierten Geschichtsinteressenten nennt, haben sich dieses Mal dem Thema „Ländliches Leben und Landwirtschaft in Syke und Umgebung in früheren Zeiten“ verschrieben.

„Jeder hat sein eigenes Projekt, sein eigenes Thema“, erläutert Ralf Weber die Arbeitsweise des Kreises, der sich jeden Freitag ab 15 Uhr im Kreismuseum trifft. Ein Leitfaden hilft den Heimatforschern bei der Erarbeitung. Denn wie schon beim Gaststättenwesen sollen auch die Ergebnisse dieser Geschichtswerkstatt in einer Ausstellung samt Buch und Film präsentiert werden. „Ich leite dabei an und versuche, das Erforschte in den historischen Kontext zu setzen.“

Der Wandel der Landwirtschaft

Der Kontext ist in diesem Fall die rasante Entwicklung, die gerade die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat – erst die Mechanisierung durch Innovationen in der Landtechnik, dann die Chemisierung, etwa durch die Einführung synthetischen Stickstoff-Düngers. Um 1900 waren rund 60 Prozent der Erwerbstätigen noch in der Landwirtschaft tätig, erläutert Ralf Weber. Heute gibt es in ganz Deutschland nur noch rund 400 000 landwirtschaftliche Betriebe. Und auch im Landkreis Diepholz nahm und nimmt die Zahl der Haupt- und Nebenerwerbs-Landwirte immer weiter ab.

Doch es geht bei dieser Geschichtswerkstatt nicht allein um die Landwirtschaft. Die Themen für das ländliche Leben in und um Syke sind vielfältig. „Kurt Früchtenicht“, so Ralf Weber weiter, „forscht zum Beispiel zum Thema Tabakanbau.“ Ulrich Dannemann hingegen greift die Lebensgeschichte eines ukrainischen Zwangsarbeiter auf, der 1943 als 17-Jähriger in Kriegsgefangenschaft geraten und nach Syke verschleppt worden war. „Er hat Glück gehabt“, sagt Dannemann über Andry Klischenko. „Er hat ordentlich was zu essen gekriegt und war wohlgelitten bei der Familie Vogelsang.“ Zur Hochzeit des Sohnes der Familie hat der Ukrainer sogar die Kutsche gefahren. „Im Frack und mit Zylinder.“ Nach dem Krieg verschlug es Andry Klischenko nach Großbritannien und Kanada. Der Kontakt zu den Sykern riss aber nicht ab. Er schrieb Briefe und besuchte „Oma Dora“ und „Opa Hermann“ 35 Jahre nach dem Kriegsende.

Die Schweinezucht in Syke

Beschäftigt man sich in Syke mit dem ländlichen Leben, so führt kein Weg an den Schweinen vorbei. Das weiß auch Gästeführer Ernst Bochnig, der eigens eine Führung zur Schweinezucht in Syke anbietet. „Die Führungen dazu sind stark gefragt. Sie war mehrfach ausgebucht in diesem Jahr“, weiß er zu berichten. In der Geschichtswerkstatt will er nun mehr erfahren. „Die großen Bauernhäuser in Syke entstanden hauptsächlich rund um 1900. Das war die Zeit, als die Syker Bauern mit ihren Schweinen reich wurden.“ Und zu Syke und den Schweinen gibt es zahlreiche Referenzen wie Zeitungsartikel, historische Schriften, die er als Gästeführer fleißig sammelt. „Ich habe zu Hause zehn Aktenordner nur mit Artikeln zur Syker Schweinezucht.“

Den Paarhufern widmet sich auch Rudolf Legenhausen - allerdings mit einem etwas anderen Hintergrund. Sein Vater, Gastwirt in Gödestorf, hatte von seinem Vater und Großvater eine Schweinezucht geerbt. „Morgens stand er auf, um die Schweine zu füttern. Dann legte er sich wieder hin, um bis abends hinter dem Tresen zu stehen“, kann er sich noch an diese doppelte Arbeit seines Vaters erinnern. Doch damit nicht genug. „Mit den Schweinen sind mein Vater, Großvater und Urgroßvater in ganz Deutschland unterwegs gewesen“, sagt er. Zu Landwirtschaftsschauen auf denen die größten, schönsten, besten Schweine ausgezeichnet wurden. Eine Urkunde der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) aus dem Jahr 1903 legt beredtes Zeugnis davon ab.

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