Christuskirchengemeinde Syke

„Es wird ein Wieder-Herantasten“

Seit zehn Jahren ist Christian Kopp Pastor in Syke. Er hat viel erlebt, schaffte es mit der Kletteraktion an der Christuskirche bis in die Süddeutsche Zeitung.
04.05.2021, 07:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Dagmar Voss
„Es wird ein Wieder-Herantasten“

Mann mit Mut: Im Dezember 2019 übte Christian Kopp (oranger Helm) bei Steady Climbing Industrieklettern. Er hatte eine Wette verloren und musste an der Christuskirche in Syke den Turm erklimmen.

Michael Braunschädel

Zehn Jahre Kirchengemeinde Syke, wie geht es Ihnen damit, Herr Kopp?

Christian Kopp: Prima! Und ich staune, dass es schon zehn Jahre sind. Als ich die Stelle antrat, dachte ich noch: Hier bist du jetzt vielleicht für acht oder zehn Jahre, und dann schaust du dich mal um und wechselst vielleicht. Das ist im Pfarramt durchaus üblich und oft auch aus vielerlei Gründen gut. Aber für mich passt in der Syker Kirchengemeinde einfach auch weiter so vieles: das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, und die Resonanz, die ich in meiner Arbeit erfahre. Da sind die Mitarbeitenden, die ich sehr schätze, die Kolleginnen und Kollegen vor Ort und in der Region. Und dann sind da vor allem die Ehrenamtlichen, die sich bei uns einbringen und mit denen ich gerne zusammenarbeite. So freue ich mich etwa darüber, dass in Syke seit vielen Jahren das wichtige Amt des Kirchenvorstandsvorsitzes nicht in der Hand des Pastors, sondern in ehrenamtlicher Hand liegt. So gestalten wir unser Miteinander gemeinsam hier vor Ort, bringen unsere jeweiligen Stärken ein. Vielleicht sind die zehn Jahre auch deswegen so gut und so schnell vergangen – und darum dürfen es dann gerne auch noch ein paar mehr sein.

Was gab es an außergewöhnlichen, unerwarteten Ereignissen für Sie?

Das Pfarramt besteht größtenteils aus dem Konfrontiertsein mit unerwarteten Ereignissen. Das sind manchmal dramatische. Gleich in meiner ersten Woche als Pastor in Syke wurde ich zu einem Notfallseelsorge-Einsatz gerufen. Da hatte ein Mensch in schwerer Not Suizidabsichten gegenüber den Einsatzkräften vor Ort geäußert. Ich weiß bis heute, wie ich da vor der Tür stand und dachte: „Gott, steh mir bei, dass ich diesem Mann jetzt irgendwie helfen kann!“ Aber dann gibt es auch wieder so viel schönes und lustiges Unerwartetes: „Hätten Sie und Ihre Gemeinde Lust, bei einem Youtube-Video für die Stadt Syke zum Lied ‚Happy’ mit dabei zu sein?“ Aber klar waren wir dann mit dabei und schwangen im Talar das Tanzbein. Und dass ich im Advent 2019 mit der Erklimmung des Turmes der Syker Christuskirche auch in der Süddeutschen Zeitung lande – noch über einer Meldung zu Brad Pitt! – das war natürlich etwas ganz Besonderes.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in diesen schwierigen Zeiten?

Zum einen gibt es gerade pandemiebedingt so viele organisatorische Fragen, in die ich eingebunden bin, und die es zusammen mit dem Kirchenvorstand zu klären und umzusetzen gilt: Was sind die aktuell von der Bundes- oder Landesregierung und der Landeskirche gesetzten Vorgaben, und wie können wir sie in unserer Gemeinde umsetzen? Die Syker Kirchengemeinde kümmert sich ja nicht nur um Seelsorge, Gottesdienste, Gemeinschaft und Unterricht, sie ist ja zum Beispiel auch Arbeitgeberin von einer Vielzahl von Menschen in Gemeindehaus und Kirche, auf unserem Friedhof, dem Kindergarten, der Diakoniepflegedienststation. Zudem besteht ein Schwerpunkt meiner Arbeit gerade im Kontakthalten zu Gemeindegliedern an sich - weil die Alltagsbegegnungen gerade stark reduziert sind. Briefe, Mails, Telefonate oder auch Videobotschaften müssen manchen Besuch kompensieren. Aber zum Glück sind ja auch physische Begegnungen mit viel Vorsicht und Abstand hier und da möglich. Und dann gibt es viele Arbeitsbereiche, in denen zwar manches unter anderen Bedingungen, aber vieles auch irgendwie vertraut stattfinden kann: der wöchentliche Konfirmandenunterricht zum Beispiel oder die Gottesdienste, Trauerfeiern und anderes mehr.

Haben Sie Pläne für eine „Wiedereingewöhnung“ in eine Zeit ohne Einschränkungen?

Zuerst einmal würde ich gerne ein Gemeindefest feiern, das der Hochzeit zu Kana in nichts nachsteht – unbeschwert, mit Musik und Tanz und Wein bis zum Schluss. Und dann freue ich mich auf Heiligabendgottesdienste, wie wir sie kennen: mit einer pickepackevollen Kirche, in der alle miteinander selig „O du Fröhliche“ singen. Aber es wird in vielem sicher ein Wieder-Herantasten werden. Reichen wir uns wieder beim Abendmahl die Hände zum Friedensgruß und zum Zeichen der Gemeinschaft – ohne Sorgen um Ansteckung? Gibt es überhaupt noch alle Gemeindegruppen, die wir vor den Lockdowns hatten, oder formieren sich ganz neue Kreise? Für vieles können wir noch gar keine echten Pläne machen. Aber wir werden es hoffnungsvoll und munter angehen.

Ist Humor eine Ihrer besonderen Eigenschaften?

Menschen, die es schaffen „trotzdem“ zu lachen, trotz mancher Traurigkeiten und Ärgernisse, sind ein Vorbild für mich. Ich denke an die großartigen Zeilen von Hanns Dieter Hüsch: „Was macht, daß ich so fröhlich bin / in meinem kleinen Reich? / Ich sing und tanze her und hin / vom Kindbett bis zur Leich […] Was macht, daß ich so unbeschwert / und mich kein Trübsinn hält? / Weil mich mein Gott das Lachen lehrt / wohl über alle Welt“. Das versuche ich, so gut ich kann, zu leben und an andere weiterzugeben. Aber ich brauche dabei auch selbst Menschen an meiner Seite, die mich in meinem Verzagen immer wieder an diesen tieferen Humor erinnern. Denn auch das ist der Sinn und die Aufgabe in unserem Glauben: von dem Gott zu erzählen, der uns das Lachen lehrt.

Das Interview führte Dagmar Voss

Info

Zur Person

Christian Kopp

ist 1977 im hessischen Herborn geboren, studierte evangelische Theologie in Marburg, Prag und Kiel. Er absolvierte zwei theologische Examina. Kopp landete für sein Vikariat in der Felicianus-Kirchengemeinde Weyhe, seit 2011 ist er Pastor in der evangelisch-lutherischen Christuskirchengemeinde Syke. 2014 legte er seine Dissertation im Fachgebiet Systematische Theologie nach, darf seitdem den Doktortitel führen. Christian Kopp ist verheiratet, hat eine Tochter – und einen Hund.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+