Kiezsafari mit Travestiestar Olivia Jones: Syker Landfrauen machen die sündigste Meile der Welt unsicher Das gibt's nur auf der Reeperbahn bei Nacht

Landkreis Diepholz·Hamburg. Freitagnachmittag, irgendwo auf der sechsspurigen Autobahn Richtung Hamburg. Poldi steuert seelenruhig den Bus, lässt sich von 25 Landfrauen an Bord nicht aus der Fassung bringen. Die lassen es sich bei Käsepieksern und Dosenprosecco so richtig gut gehen. Landfrauen-Chefin Birgit Thalmann greift zum Mikro und zitiert den englischen Schriftsteller Laurence Stern: "Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung." Na denn! Bei einer Vorstandssitzung sei ihnen die Idee gekommen, einmal St. Pauli bei Nacht zu besuchen, mit Olivia Jones über die rote Meile zu schlendern, erinnert sich Birgit Thalmann.
15.08.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Landkreis Diepholz·Hamburg. Freitagnachmittag, irgendwo auf der sechsspurigen Autobahn Richtung Hamburg. Poldi steuert seelenruhig den Bus, lässt sich von 25 Landfrauen an Bord nicht aus der Fassung bringen. Die lassen es sich bei Käsepieksern und Dosenprosecco so richtig gut gehen. Landfrauen-Chefin Birgit Thalmann greift zum Mikro und zitiert den englischen Schriftsteller Laurence Stern: "Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung." Na denn! Bei einer Vorstandssitzung sei ihnen die Idee gekommen, einmal St. Pauli bei Nacht zu besuchen, mit Olivia Jones über die rote Meile zu schlendern, erinnert sich Birgit Thalmann.

"Sind sie denn jetzt völlig mit Euch durchgegangen?" - die Sprüche ihrer schärfsten Kritikerinnen hat sie noch heute im Kopf. Tja, wer nicht will, der hat wohl schon! Nach dem Vorglühen im Pussak-Bus und der kurzen Raucherpause an der Raststätte Ostetal haut Birgit Thalmann einen frivolen Witz nach dem anderen raus. "Wenn wir in die Heide fahren, kann ich so was nicht erzählen", prustet sie ins Mikro. Zum Glück herrscht Anschnallpflicht im Bus, und Poldi erwähnt noch mal, dass die Damen die Fußstützen von unten in die gewünschte Höhe einstellen sollen.

Rund 500 Mitglieder haben die Syker Landfrauen, die Frauen kommen überwiegend aus Stuhr, Weyhe und Syke. Im Tandem mit Ines Michalowski aus Leeste zieht die Schnepkerin Birgit Thalmann die Strippen des Landfrauenvereins. Doch die Frauen vom Lande verbringen nicht nur spaßige Mädelsabende auf St. Pauli, sondern widmen sich auch ernsthafteren Fragestellungen, beispielsweise wie Kochkäse hergestellt wird.

"Bei wem war der Storch noch nicht da?", schallt es kurz vor Hamburg von hinten durch den Bus, als die Damen einen Adebar auf der Wiese entdecken. "Wir sind doch noch nicht im Klimakterium", muss Busfahrer Poldi Kritik einstecken, dass aus den Düsen nur heiße Luft kommt. "In acht Minuten erreichen wir unser Ziel", liest Reiseleiterin Birgit vom Navi ab. "Schnell noch den Lippenstift nachziehen", tauschen die Damen untereinander wertvolle Tipps aus.

Dass die Welt manchmal unfassbar klein sein kann, wird einmal mehr in der urigen Kiezkneipe Herzblut von St. Pauli deutlich. Mitinhaber Mark Altenburg ist doch tatsächlich ein alter Bekannter aus Schulzeiten von Birgit Thalmann. Als sich die Damen mit Pasta und Salat stärken, fällt ihnen plötzlich die große BH-Sammlung, welche dekorativ über der Theke platziert ist, auf. "Meinen kriegen die nicht. Ich hab heute extra einen teuren für 44 Euro an", ertönt es zur Belustigung aller vom anderen Ende des Tisches.

Dafür gibt es aber eine Hawaii-Kette von "Cindy", wie die Landfrauen liebevoll die junge Frau mit dem ausgepolsterten Hinterteil und dem rosafarbenen Trainingsanzug nennen. Die feiert ihren Junggesellinnen-Abschied auf dem Kiez, zieht von Tisch zu Tisch und verkauft brav die Scherzartikel ihrer Freundinnen. "Meine Mama ist auch bei den Landfrauen. Hatten Sie auch ein Huhn bei der Landesgartenschau in Norderstedt?", erkundigt sich eines von "Cindys" Mädels bei Birgit Thalmann. "Nein, wir haben aber eine Blumenbiene gepflanzt", entgegnet die Schnepkerin.

Nicht Warten auf Godot, sondern Warten auf Olivia heißt es dann kurz vor 21 Uhr an der U-Bahn-Station St. Pauli. Während einige Meter weiter das Leben auf dem Hamburger Dom tobt, rätseln die Syker Landfrauen, ob sie denn nun auch gleich erscheine, der Oliver, die Olivia, die Jones. Eine Ampelkreuzung weiter stolziert sie auch schon mit Headset, blonder Perücke und schwarzen Stiefeln über die Straße. Bodyguard Dr. Bob und "Praktikant" Sven Florijan im Gepäck. Zur Freude der Landfrauen, kümmern sich Jean Rogers und Olivias "schwule Ananas" Sven Florijan um die anderen Kieztouristen. Die Mädels aus dem Nordkreis werden also exklusiv von Olivia Jones über die sündigste Meile der Welt geführt.

"Ihr seid ja geile Mäuse. Seid Ihr der Swingerclub Syke oder etwa doch ein lesbischer Kegelclub?", sorgt die Jones gleich zu Beginn für gute Stimmung. Den mitgereisten Reporter hält sie übrigens für einen Vertreter des Syker Tageblattes. So viel dazu. Oliva versichert den Landfrauen, dass jede von ihnen einen Tagesabschnittspartner finden werde und startet die große Kiezsause. Damit auch keines der Mädels vom Land auf St. Pauli abhanden kommt, hat Dr. Bob die Damen vorsorglich mit dem Aufkleber "Großwildjäger auf Tour" ausgestattet. "Die vom Land sind die schlimmsten", murmelt Olivia Jones, als sie mit den Nordkreislerinnen einen Sexshop ansteuert. Busfahrer Poldi, von ihr zärtlich "Silberpudel" genannt, rät sie, dort ordentlich Spielzeug einzukaufen, schließlich habe er ja 25 Frauen dabei.

Was wäre ein Besuch auf dem Kiez ohne einen Abstecher zur kultigen Esso-Tankstelle? Das denkt sich auch Olivia, betritt den Shop und kommt mit einer Kiste Astra und einer Banane zurück. "Husch, husch", Olivias kecke Aufforderung, schnell zur nächsten Sehenswürdigkeit auf der roten Meile weiterzugehen - diesen Spruch werden die Landfrauen wohl noch lange in den Ohren haben. Im St.-Pauli-Museum erinnert eine Sonderausstellung an das Leben der berühmten Prostituierten Domenica. Während Busfahrer Poldi und der mitgereiste Reporter mit Dr. Bob hinter der Absperrung verschwinden und über die Herbertstraße flanieren, unterhält Olivia die Mädels in einer urigen Kiezkneipe. "Die Zigarette davor oder danach?", rätselt die Jones über die Rauchgewohnheiten der Herren. Auf die Frage, ob sie denn auch eine gute Landfrau abgeben würde, antwortet die Jones: "Klar. Ich komm ja auch vom Land, aus Springe." Apfelkuchen backen und mal eben feucht durchwischen sei für sie überhaupt kein Problem, brüstet

sich die nach eigenen Angaben "2,30 Meter mit Deko" große Drag Queen.

"Hier könnt Ihr sonntags in zehn Minuten zum Fischmarkt runterpurzeln", gibt sie den Landratten am Hans-Albers-Platz einen Ausflugstipp mit auf den Weg. "Husch, husch", treibt Olivia die lustige Horde zum Silbersack, wo Wirtin Erna auch noch mit 86 Jahren hinter dem Tresen stehe und auch Jan Fedder oft anzutreffen sei. Kurz vor dem Einbiegen in die Große Freiheit, wo die Pilzköpfe aus Liverpool im legendären Starclub ihre Karriere eingeläutet haben, schaut Landfrau Erika der Jones beim Schaulaufen sichtlich angetan hinterher: "Wie schön die sich bewegen kann." Weniger geschmeidig geht es dagegen später im Boxring in der Kultkneipe Zur Ritze zu. Den krönenden Abschluss ihrer Kiezsafari erleben die Landfrauen schließlich in Olivias Bar. Dort ziehen ihre wilden Jungs für die Großwildjägerinnen blank. Ob beim Strip auch tatsächlich das letzte Höschen gefallen ist, darüber lassen sich die Damen nicht aus. Eine Landfrau schweigt und genießt, oder wie war das noch gleich?

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