Ehemaliger DFB-Schiedrichter Peter Gagelmann zu Gast

Der richtige Ton macht die Musik

Der ehemalige DFB-Schiedrichter Peter Gagelmann stattet dem SV Bruchhausen-Vilsen einen Besuch ab und spricht mit dem Publikum über seine Zunft – und über Ex-Profi Mario Basler.
28.04.2017, 16:58
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Von Stephan Stegmann

Bruchhausen-Vilsen. Der ehemalige DFB-Schiedrichter Peter Gagelmann stattet dem SV Bruchhausen-Vilsen einen Besuch ab und spricht mit dem Publikum über seine Zunft – und über Ex-Profi Mario Basler.

Der Fußball wird sich in naher Zukunft grundlegend ändern – und damit auch das Schiedsrichterwesen. Das ist die Grundannahme, zu der Ex-Bundesliga-Spielleiter Peter Gagelmann im Laufe seines Gastbesuchs beim SV Bruchhausen-Vilsen im Gasthaus Mügge gelangte. Reichlich Erfahrung, die ihn zu solch einer Annahme bringt, häufte der Bremer Referee in seinen 30 Berufsjahren an. Aufgrund von Knieproblemen und „weil ich von da an für ’nen Groschen zu Werder-Spielen durfte“, schlug der damals 16-Jährige den Weg mit der Pfeiffe ein, „auch wenn ab und an das Fußballerbein juckte. Aber von meiner Zeit in Diensten des ATSV Sebaldsbrück bis zu meinem Karriereende im Juni 2015 hatte ich Spaß auf dem Platz“, bescheinigte Gagelmann, der mit 47 Jahren aus seiner Zunft austrat.

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In einem Land mit aktuell etwa 80.000 Schiedsrichtern arbeitete sich Gagelmann emsig von den Kreisliga-Plätzen bis weit nach oben. Er leitete 214 Bundesligaspiele, sogar auf die Fifa-Liste der Referees gelangte er kurz: „Allerdings nur eineinhalb Wochen, weil ich das neu eingeführte Höchstalter um drei Monate überschritt.“

Was vom ständigen Auf und Ab auf dem Rasen für den Unparteiischen blieb, der inzwischen die Bundesliga-Berichterstattung in Unterföhring begleitet, sind „meistens schöne Erinnerungen“. Einige Anekdoten teilte er mit dem Publikum aus Nachwuchs-Referees und aktiven Vilser Sportlern, die dahingehend etwa von wissen ihm wollten, wie sich ein Schiedsrichter auf dem Feld am besten Gehör verschafft.

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„Die richtige Kommunikation ist alles“, entgegnete Gagelmann, für den bereits die Anrede auf dem Platz entscheidende Wirkung habe. „Einen Thomas Helmer hätte ich nie geduzt, da war die förmliche Ansprache als Zeichen des Respekts gefragt.“ Einen Deut burschikoser spielte sich allerdings die Konversation zwischen Gagelmann und Ex-Bundesligaprofi Mario Basler ab. Wenn Basler kurz vor einer Verwarnung stand, habe der Referee schon mal sagen müssen: „Mario, lass den Scheiß, sonst fliegst du.“ Und das nicht etwa, weil er Basler nicht gemocht hätte, sondern: „Weil er das auf Anhieb verstanden hat.“ Die Spielleiter – Gagelmann vermeidet bewusst das Wort Schiedsrichter, denn: „Wer will schon mit dem Gericht zu tun haben?“ – seien heute mehr denn je auf das nötige Fingerspitzengefühl angewiesen, auch darauf, „den richtigen Ton zu treffen“.

Des Weiteren bedürfe es einer gehörigen Portion Durchsetzungsvermögen und mitunter eines „dicken Fells“, um sich den Weg in die oberen Spielklassen zu bahnen. „Die unterscheiden sich gewaltig. Zwar ist der Sprung von der Niedersachen- in die Regionalliga oder von der 3. in die 2. Liga eher marginal, doch zwischen der 2. und 1. Bundesliga liegen in Sachen Spieltempo und Anforderungsprofil auch für die Spielleiter Welten.“ Und die könnten mit neuen Analyseverfahren wie dem Videobeweis zusätzlich ins Wanken geraten, schätzte Gagelmann, der sich dennoch für die Einführung technischer Hilfsmittel stark machte. „Eigentlich bin ich in solchen Dingen Traditionalist. Doch es kann auch nicht sein, dass 80 000 Fans im Stadion schon die Abseitsstellung auf ihrem Smartphone sehen, während der Eine mit der Pfeiffe auf dem Platz als letzter davon erfährt.“

Dass selbst solche Mittel nicht ausschließlich einhellige Meinungen zutage fördern, musste Gagelmann kürzlich am eigenen Leibe erfahren, als sich Bayer Leverkusens Bundesliga-Manager Rudi Völler über eine Gagelmannsche Fernseh-Analyse launisch-kränkend echauffierte und den ehemaligen Schiedsrichter höhnisch als „Pflaume“ titulierte. „Doch besagter Manager hat persönlich angerufen und sich entschuldigt“, deswegen sei die Sache vom Tisch, erklärte der Ex-Referee. „Wie man daran gut erkennt, wird auch in Zukunft, trotz aller Neuerungen, die subjektive Wahrnehmung oft unterschiedlich sein.“ Einig war er sich mit dem Publikum dahingehend, das Schiedsrichterwesen weiter ankurbeln zu wollen. „Das ist nötig, weil es eine verantwortungsvolle Aufgabe ist, der alle Klubs nachkommen müssen.“ Immerhin hätte der Leistungsdruck für Unparteiische auch gute Seiten: „An ein Spiel wie Borussia Dortmund gegen Bayern München im Pokalfinale 2012 werde ich mich immer erinnern, weil ich auf dem Rasen hautnah dabei war. Und wer würde das nicht selbst auch gern von sich sagen.“

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