Das Stück „Mitten in Amerika“ lässt 200 Besucher und Kathrin Wilken nachdenklich nach Hause gehen

Der Wilde Westen ist näher als man denkt

Syke. Am Ende standen die vier Akteure auf der Bühne, den Blick schweigend in die Ferne gerichtet. Sie hingen der kurz zuvor gehörten Vision nach, der Vision von Büffeln, die sich wieder in der Mitte ausbreiten, während die Menschen an den Rand ziehen und die große Mitte frei halten – so wie es früher war, mitten in Amerika, wie das Theaterstück hieß.
19.03.2016, 00:00
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Von Karsten Bödeker
Der Wilde Westen ist näher als man denkt

Ein Blick ins Ungewisse: Beklemmende Musik von Akkordeon und Hammondorgel symbolisierten den dreckigen Westen.

Udo Meissner

Am Ende standen die vier Akteure auf der Bühne, den Blick schweigend in die Ferne gerichtet. Sie hingen der kurz zuvor gehörten Vision nach, der Vision von Büffeln, die sich wieder in der Mitte ausbreiten, während die Menschen an den Rand ziehen und die große Mitte frei halten – so wie es früher war, mitten in Amerika, wie das Theaterstück hieß. Dann zogen die Darsteller singend in den Sonnenuntergang ans Ende der Bühne des Syker Theaters. Dann gab es Applaus.

Soweit alles normal, und doch war der Theaterabend anders als sonst gewesen. Zum einen waren nur gut 200 Plätze besetzt – Negativrekord in dieser Spielzeit. Zudem waren zur Pause einige Zuschauer gegangen, vielleicht aus Langeweile, vielleicht mit Unverständnis, vielleicht, weil es ihnen nicht gefiel – wahrscheinlich hing es mit der Form des Erzähltheaters zusammen. Tatsächlich war diesmal die Geschichte um das Stück ebenfalls eine unübliche. Denn normalerweise wird „Mitten in Amerika“ im Theater am Rand aufgeführt, einem Holzbau, der im Sommer zur Open-Air-Bühne wird, wo schon mal die Darsteller durchs mannshohe Gras auf die Bühne kommen und wo das Ambiente ein anderes ist als im üblichen Theatersaal wie in Syke und sonst wo. Nun ist die eine Bühne nicht gänzlich ungeeignet, aber doch ein anderes Ambiente und etwas zu groß für die sparsame Ausstattung mit einem alten Ölfass zum Sitzen, einem Schemel und einer Hammond-Orgel.

Das Theater am Rand liegt in einem kleinen Ort im Oderbruch und wird betrieben von Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann. Letzterer ist nicht der Sohn des großen Schauspielers, aber selbst im Fernsehen als Arzt in der Sendung „In aller Freundschaft“ bundesweit bekannt. „Wir gehen vielleicht zehnmal im Jahr auf Tournee“, verriet Rühmann hinter der Bühne. Die große Bühne und der große Saal seien ein interessantes Experiment gewesen, ob man das Publikum mitreißen könne. Ob das gelungen sei, beantwortete er mit einem Satz: „Im ersten Teil hatten wir unsere Zweifel, aber in der Pause schienen sich die Zuschauer gegenseitig Mut gemacht zu haben.“ Tatsächlich dauerte es etwas, bis sich das Publikum in das Stück hineingehört hatte. Schließlich wurde ein Roman in kurzen Episoden erzählt, eine Geschichte, die Annie Proulx geschrieben hat. Eine Geschichte, die in den Panhandle-States Oklahoma und Texas, die eben wie ein Pfannenstiel aussehen, spielt und in der mehrere schrullige Gestalten auftauchen. Eine Geschichte, die die Besiedelung des Wilden Westens beschreibt, den ersten Stacheldraht, den Konflikt zwischen Farmern und Viehaltern, die Suche nach Öl, in der es Loser und Winner gibt.

Im Mittelpunkt stand Bob Dollar, den die Eltern vor dem Gemischtwarenladen des Onkels ausgesetzt hatten. Als junger Erwachsener sollte Bob Ländereien für große Schweinemästereien ankaufen. Es ging um die Natur und den Umgang mit ihr, und das Publikum merkte irgendwann, dass die Geschichte zwar in Amerika spielte, „aber sie betrifft auch unser Leben, und wir sind jeden Tag damit konfrontiert“, meinte Rühmann, dem diese Botschaft ein glaubhaftes Anliegen ist. Und so wurden auch auf der Syker Bühne drastische Details geschildert. Die Rede war von Fabrikschweinen, Tierkasernen und Gestank aus Kot, Urin und Erbrochenem. Die Darsteller erzählten so gekonnt, dass dem Publikum allein durch Worte die Bilder (und nicht nur die idyllischen des Wilden Westens) vor Augen kamen. Das war zeitweise beklemmend erhellend und wurde durch die bewusst schräge, beinah Schmerzen verursachende Musik Morgensterns an Akkordeon und Hammondorgel verstärkt.

Die Theaterform war gar nicht mal besonders experimentell, sondern nur eine andere Form. Besucher, die eventuell ein Boulevardstück erwartet hatten, müssen solche Szenen auch mal aushalten. Genau so gehört zur Bühnenwelt, dass mal Text vergessen und Stichworte zugeflüstert werden. Das passierte der als Ersatz eingesprungenen Ramona Kunze-Libnow vor der Pause einige Male. Es war zwar unüblich, störte das Stück aber nur unwesentlich. Die Charaktere waren skurril. Da war der nur auf Gewinn eingestellte und durchtriebene Chef Ribeye Cluke, der eingewanderte Holländer Habakuk van Melkebeek, der sich erst von H. H. Pott übers Ohr hauen ließ, um dann mit Öl seine Millionen zu machen, da waren heruntergekommene Cowboys, sture, schrullige, und sympathische Typen. Rühmann, Kunze-Libnow, Morgenstern und dem herrlich schrägen Jens-Uwe Bogadtke gelang es durch ihr Spiel, die Welt des Westens vor den Augen der Besucher entstehen zu lassen. Auch die Übertragung in die Gegenwart gelang.

Kathrin Wilken und ihre Kolleginnen von Stadt und Kultur mögen weiterhin den Mut haben, solche Stücke neben dem normalen Programm nach Syke zu holen, denn man darf auch mal nachdenklich nach Hause gehen. Die Theaterlandschaft wird dadurch reicher. Und auch das Syker Publikum, das mit anderem als Mainstream immer mal wieder fremdelt, wird sich auf ungewöhnliche Stücke einlassen, diese aushalten und sie dann als normal betrachten. Visionen wird man ja haben dürfen.

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