Interview mit Rudolf Diegruber, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft für Qualitätstiere Syke-Bassum "Deutsche können unbeschwert einkaufen"

Seit 81 Jahren gibt es die Erzeugergemeinschaft für Qualitätstiere Syke-Bassum, für 2009 verkündete sie jüngst das beste Ergebnis aller Zeiten. 936785 Tiere im Gesamtwert von 95,8 Millionen Euro wurden umgesetzt. Und für 2010 deutet sich an, dass die Millionengrenze bei den Tieren geknackt wird. Profitieren die Qualitätstiererzeuger dabei auch vom aufkommenden Unmut der Bevölkerung gegen Massentierhaltung ? Geschäftsführer Rudolf Diegruber sprach darüber mit Micha Bustian.
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Seit 81 Jahren gibt es die Erzeugergemeinschaft für Qualitätstiere Syke-Bassum, für 2009 verkündete sie jüngst das beste Ergebnis aller Zeiten. 936785 Tiere im Gesamtwert von 95,8 Millionen Euro wurden umgesetzt. Und für 2010 deutet sich an, dass die Millionengrenze bei den Tieren geknackt wird. Profitieren die Qualitätstiererzeuger dabei auch vom aufkommenden Unmut der Bevölkerung gegen Massentierhaltung ? Geschäftsführer Rudolf Diegruber sprach darüber mit Micha Bustian.

Frage: Wo kaufen Sie Fleisch und Wurst ein?

Rudolf Diegruber: Den Einkauf tätigt meine Frau. Sie kauft bei Aldi und anderen

Supermärkten und bestimmte Produkte auch beim Ladenschlachter. Ich habe meiner Frau gesagt, dass man mehr Hygiene als bei abgepackter Ware nicht haben kann. So wie auf dem Wochenmarkt, wo beispielsweise Wurst und Schinken häufig mit bloßen Händen angefasst werden - das wäre bei fleischproduzierenden Betrieben gar nicht möglich. Das gefällt mir am Verkauf auf dem Wochenmarkt nicht.

Kaufen Sie auch Bioprodukte?

Meine Frau kauft Gemüsesäfte und Joghurt aus dieser Schiene.

Wie definiert sich ein Qualitätstier ?

Ein Landwirt muss nach bestimmten Regeln seine Tiere produzieren. Sie werden von einem Qualitäts- und Sicherheitssystem vorgegeben. Dazu gehören unter anderem die Einhaltung der Schweinehaltungshygieneverordnung, die Tierschutztransportverordnung und so weiter. Es werden von neutraler Hand Futterproben genommen und untersucht. Die Teilnahme am Qualitäts- und Sicherheitssystem ist keine Pflicht, aber wer mit uns Geschäfte machen will, muss da mitmachen.

Und wie sieht es mit dem Zufüttern von Medikamenten aus, beispielsweise Antibiotika?

Dafür gibt es gesetzliche Vorschriften. Jeder Landwirt muss ein Medikamentnachweisbuch führen. Damit war es früher getan, inzwischen wird der Nachweis regelmäßig überprüft. Generell, als sogenannte Prophylaxe, wird also gar nichts gegeben. Um die Gesundheit der Tiere besser zu schützen, wurde im Oktober dieses Jahres eine Tiergesundheitsagentur gegründet. Sie prüft unter anderem bestimmte Erreger im Rahmen eines Tiergesundheitsmanagementsystems ab. Dazu wird ab 1. Januar auch eine Datenbank errichtet. Wenn beispielsweise Blut- und Kotproben genommen werden, kommen die Ergebnisse in die Datenbank und sind dort für jedermann einsehbar. Anhand der Viehverkehrsnummer wäre dann hieb- und stichfest belegbar, welches Tier von welchem Hof welchen Erreger hat. Das fördert Transparenz und Vertrauen. Wir suchen noch weitere Erzeugergemeinschaften und Viehhandelsorganisationen, die sich an der Tiergesundheitsagentur beteiligen. Das ist allerdings nicht so einfach, der Föderalismus in

Deutschland schlägt da Kapriolen.

Was ist für Sie eigentlich Massentierhaltung?

Eine Masse kann man schlecht definieren. 5000 Schweine können hinsichtlich Haltung, Fütterung und Stallklima tierschutzgerechter gehalten werden als zwölf auf einem Biohof. Die Veterinäre werden Ihnen bestätigen, dass ein Spaltenboden besser ist als ein Boden ohne Flüssigkeitsablauf, nur mit Streu versehen. Wichtig ist: Artgerecht muss es sein, Tierschutz ist die oberste Maxime. Die staatlichen Veterinärämter und noch weitere Institutionen prüfen die Einhaltung der Vorschriften. Es finden fünf bis sechs Prüfungen in den landwirtschaftlichen Betrieben pro Jahr statt, oft werden die gleichen Dinge mehrfach geprüft. Das ist für die Landwirte natürlich frustrierend.

Und wenn sich der Landwirt nicht an die Vorgaben hält?

Das wagt keiner. Auf den Schlachthöfen werden Kontrollen durchgeführt. Es kann problemlos zurückverfolgt werden, woher das Tier kommt. Da gibt es sofort eine Rückkopplung.

Leiden die Fleischproduzenten an Preisdruck von außen?

Der Druck aus Europa ist nicht sehr groß. In Deutschland gibt es im Vergleich zu den übrigen Ländern niedrige Löhne in der fleischverarbeitenden Industrie. Das ist zurückzuführen auf das Einbeziehen von osteuropäischen Arbeitskräften. Vor allem die fleischverarbeitende Industrie ist sehr modern ausgerüstet und schlagkräftig, sie liegt mit ihrem Know-how an der Spitze Europas. Zudem sind die Logistikkosten günstig, da wir nah am Wachstumsmarkt Osteuropa liegen. Wir sind damit sehr wettbewerbsfähig. 30 bis 35 Prozent der Produktion gehen in den Export, 70 Prozent davon bleiben in Europa. An der Preisschraube kann hier niemand mehr drehen.

Wo sollten die Verbraucher in Deutschland ihr Fleisch kaufen?

Die Deutschen können unbeschwert einkaufen gehen, insbesondere in den Supermärkten Aldi, Lidl, Rewe und so weiter. Jeder, der in der fleischverarbeitenden Industrie arbeitet, muss Schutzkleidung tragen, dazu gehören Haarnetze, Mundschutz und Overalls. Die Messer müssen nach jedem Schnitt desinfiziert werden, die Hände bei dem Zutritt in die Produktionshalle auch. Zum Vergleich: Nehmen Sie da mal eine Probe aus Ihrem Kühlschrank und untersuchen Sie die Keimbelastung - das Ergebnis

werden Sie nicht so schön finden.

Haben Rinderwahnsinn und Schweinegrippe mit ihren Konsequenzen für eine größere Vorsicht gesorgt?

Viele Dinge sind nach BSE geschehen. Es gibt harte, wasserdichte Kontrollen, jede Wurstpackung ist bis zum Erzeuger zurückzuverfolgen. Tiermehle dürfen nach wie vor nicht verfüttert werden, Gehirn und Rückenmark werden weiterhin nicht verarbeitet. Obwohl aus wissenschaftlicher Sicht einige immer noch durchgeführte Maßnahmen nicht begründet sind, lassen wir weiterhin mehr Vorsicht walten. Jedes Risiko muss ausgeschlossen werden.

Was kann der Landwirt dazu tun?

Jeder Landwirt, der Schweine hält, hat einen Vorraum mit Waschgelegenheit, Besucherstiefeln und Schutzkleidung, damit von außen keine Erreger hereingetragen werden. Doch der Blick für Hygiene muss immer wieder geschärft werden. Allgemein gilt: Je größer der Betrieb, desto perfekter die Umsetzung der Vorschriften.

Was würden Sie sich vom Gesetzgeber wünschen?

Das Regelwerk ist okay. Ein bisschen weniger Bürokratie, weniger Hemmnisse beim Export und eine bessere Koordination der Prüfungen wären gut. Wenn unser Tiergesundheitsmanagementsystem im Rahmen der Tiergesundheitsagentur greift, hat uns die Landesregierung ein Entgegenkommen im Bereich Prüfungen bei den landwirtschaftlichen Betrieben in Aussicht gestellt. Was die Tiertransporte angeht, sind die Gesetze okay. Übrigens, Kinder haben in den Schulbussen weit weniger Platz und

sind damit bei der Beförderung deutlich größeren Gefahren ausgesetzt als beispielsweise die Tiere in einem Schweinetransporter. Wir wünschen uns eine deutsche Gesetzgebung, die sich an den EU-Vorgaben

orientiert und diese nicht - wie so oft - noch verschärfen will. Es geht letztlich um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe.

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