Tatjana Gutwein und das "Mermaiding"

Die große Meerjungfrau

Auftritt Tatjana Gutwein: Die 44-Jährige rollt penibel ihre Plastikmatte am Rande des Nichtschwimmerbeckens im Syker Hallenbad aus. Dann wird sie zur Meerjungfrau.
23.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die große Meerjungfrau
Von Micha Bustian
Die große Meerjungfrau

Hoch mit der Flosse: Tatjana Gutwein ist Sykes Meerjungfrau.

Udo Meissner

Auftritt Tatjana Gutwein: Die 44-Jährige rollt penibel ihre Plastikmatte am Rande des Nichtschwimmerbeckens im Syker Hallenbad aus. Anschließend schlüpft sie in ihr Meerjungfrauenkostüm. Wie eine enge Nylon schmiegt sich die Kunststoff-Schuppenhaut an ihre Beine, die Schwanzflosse sitzt, Tatjana Gutwein gleitet ins Wasser. Präzise in diesem Moment ist für die Mädchen ringsum Schluss mit Schwimmunterricht. Egal, ob Erst- oder Viertklässlerin – diese Nixe muss bestaunt werden.

„Seit ich Kind bin, liebe ich das Meer“, sagt Tatjana Gutwein. Und präzisiert: „Das Schwimmen im Meer.“ Darum habe sie leise „Endlich“ geseufzt, als ihr Ehemann ein Stellenangebot in Bremen annahm. Nach 18 Jahren in Freiburg Nordseeluft schnuppern. Zumindest bei straffem Nordwind. Für die Physiotherapeutin Grund genug, nach Syke umzusiedeln. „Und die Meerjungfrau habe ich mitgebracht“, schmunzelt sie.

Trend aus den USA

In Freiburg sei das Meerjungfrauenschwimmen ein richtiger Trend gewesen, erinnert sich Tatjana Gutwein. Ein Trend, den sie aus dem Breisgau mit an die Hache gebracht hat. Kurse bietet sie im Syker Hallenbad an, dazu Kindergeburtstage mit Foto-Shooting, jüngst hat sie bei einer Aqua-Fun-Night ausprobiert, wie ein Kostümverleih mit Testschwimmen funktioniert. „Das war ein wahnsinniger Ansturm.“ Gerne würde sie feste Kurszeiten eingeräumt bekommen – für Kinder mit Rückenbeschwerden und Schwimmfaule.

Denn den aus Amerika herübergeschwappten Trend des „Mermaiding“ kann Tatjana Gutwein gut mit ihrem Beruf als Physiotherapeutin verknüpfen. Die spezielle Schwimmbewegung, die an das Delfinschwimmen erinnert, beschäftige die gesamte Muskulatur des Rumpfes. „Die Bewegung kommt ausschließlich aus dem Becken, die Beine hängen dann einfach nur dran“. Das sei wirklich anstrengend. „Das ist wie Bauch-Beine-Po im Wasser“, findet die Neu-Sykerin.

Faszination des Unbekannten

Die Faszination vornehmlich junger Mädchen für das Meerjungfrauenschwimmen leitet Tatjana Gutwein aber aus einer anderen Richtung her. „Unter Wasser sieht es immer nach einer ganz eigenen Welt aus. Sogar größere Mädchen kommen zu mir und fragen: Gibt es Meerjungfrauen wirklich? Das Unbekannte, das Fremde macht die Faszination aus.“ In einer Zeit, in der Kinder früh an die Realität herangeführt würden, sei eine kleine Flucht ins Reich der Fantasie eine schöne Abwechslung.

Meerjungfrauen, Nixen, Sirenen, Fischweiber oder Wassergeister – sie sind nicht erst seit Hans Christian Andersen gern genommene Hauptdarstellerinnen in Geschichten. „Die kleine Meerjungfrau“, um bei Andersen zu bleiben, hat ihren Platz auf einem Granitstein am Rande des Hafens der dänischen Hauptstadt Kopenhagen gefunden und schaut sehnsüchtig aufs Meer. Der Zeichentrickfilm „Arielle“ brachte den Zentaur des Meeres abendfüllend in die Kinos, „Splash – eine Meerjungfrau am Haken“ und „H2O – plötzlich Meerjungfrau“ ebenso. Im vierten Teil des Piraten-Epos’ „Fluch der Karibik“ sind Meerjungfrauen Wesen, die es nicht auf Noahs Arche geschafft haben und so lernen mussten, im Meer zu leben. Ihre Tränen versprechen ewige Jugend, ihr Kuss kann einen Seemann vorm Ertrinken retten. Aber: Sie töten die Männer, die sich ob ihres attraktiven Äußeren von ihnen angezogen fühlen.

Verschämte Jungs

So weit würde Tatjana Gutwein natürlich nicht gehen. Sie genießt das Schwimmen auf Nixenart, auch wenn es mit dem Trainieren in Syke noch schwierig ist. „Wenn man mal eine Bahn durchschwimmt, ist das total schön. Das sieht richtig elegant aus.“ Inzwischen hätten sich auch schon erwachsene Frauen bei ihr gemeldet, um sich im „Mermaiding“ auszuprobieren. „Nur die Jungs sind anfangs noch verschämt.“ Dafür werde gerade an einem Haifischkostüm gearbeitet.

Für Tatjana Gutwein reicht die Schwanzflosse aus. Das Posieren auf den Stufen des Nichtschwimmerbeckens scheint damit allerdings nicht einfach zu sein. „So ist das mit einer Meerjungfrau, die auf dem Trockenen liegt“, schmunzelt sie. Für weitere Fragen: t.gutwein@onlinehome.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+