Foto-Ausstellung: Hanse-Wissenschaftskolleg zeigt erstmals Aufnahmen aus der Meeresforschung als Kunstwerke Die Schönheit, die aus der Tiefe kam

Delmenhorst. Es war der Ort, der Gregor Eberli inspirierte. Er weilte als Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK), einem Ort also, an dem Wissenschaft und Kunst in eine symbiotische Beziehung zueinander treten sollen.
11.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die Schönheit, die aus der Tiefe kam
Von Andreas D. Becker

Delmenhorst. Es war der Ort, der Gregor Eberli inspirierte. Er weilte als Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK), einem Ort also, an dem Wissenschaft und Kunst in eine symbiotische Beziehung zueinander treten sollen. Da kam ihm die Idee, diese Unterwasser-Fotos auszustellen, erstmals als Kunstwerke und nicht als Grundlage einer wissenschaftlichen Forschung. Jetzt, bei seinem zweiten Aufenthalt als Gastwissenschaftler in Delmenhorst, hat der Professor für Meereswissenschaften an der Universität Miami (USA) den Plan in die Tat umgesetzt. An diesem Donnerstag wird „Oasen des Lebens in der Tiefsee“ um 19 Uhr im HWK eröffnet. Auf 35 Bildern wird das gezeigt, was Eberli „Tiefseekunst“ nennt.

Zu sehen sind Bilder aus völliger Dunkelheit, aufgenommen in Tiefen zwischen 200 und 1000 Metern. Nicht direkt von Menschen, sondern von Robotern, die die Crew des Zentrums für marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen – kurz: Marum – in die Ozeane hinablassen. Vor einigen Jahren war Eberli mit auf einem der Forschungsschiffe und hat die Bilder zum ersten Mal gesehen. Es ist eine faszinierende Welt, die sich dem Betrachter eröffnet. Zwischen den Kaltwasserkorallen gibt es sehr viel Leben. „Dort findet sich ein Ökosystem mit 1500 Arten. Das einzige, was fehlt, sind Pflanzen, weil ohne Licht keine Photosynthese möglich ist“, erzählt Eberli.

Kuratiert wurde die Ausstellung aus 180 Motiven, die die Bremer Forscher aus ihrem Tausende Aufnahmen umfassenden Archiv zur Verfügung gestellt haben. 35 blieben schließlich über, die Eberli zusammen mit HWK-Kuratorin Monica Meyer-Bohlen in drei Gruppen zusammengestellt hat. In der Eingangshalle werden die Korallen selbst gezeigt. Im Kaminzimmer sind Bilder mit einem gewissen künstlerischen Anspruch zu sehen. „Eine Koralle mit ihren Farben vor dem dunklen Hintergrund, das erinnert an alte niederländische Meister“, schwärmt Eberli. Im ersten Stock geht es sozusagen um die Bewohner der Korallen, um Krebse und Seesterne, um Seelilien und Seeanemonen. „Erstaunlich ist die Farbigkeit. Warum gibt es die in dieser Tiefe?“, sagt Eberli und deutet auf ein Bild mit einem königsblauen Schwamm.

Zur Eröffnung der Ausstellung können die Besucher auch einiges über Kaltwasserkorallen und das Marum lernen. „In der vermeintlich lebensfeindlichen Tiefsee entwickeln sich um die Kaltwasserkorallen regelrechte Oasen, die eine biologische Vielfalt aufweisen, die man dort niemals vermuten würde. Und dass wir solche Oasen immer wieder neu entdecken, zeigt uns, dass wir bisher bei der Erkundung der Tiefsee gerade mal die Spitze des Eisbergs gesehen haben“, schwärmt Dierk Hebbeln vom Marum über das, was er und seine Kollegen bei der Arbeit zu sehen kriegen. Sein Kollege Nicolas Nowald wird dann eher über die technischen Aspekte der Arbeit sprechen. „Wenn man solche Bilder zeigt, werden zur Eröffnung bestimmt Besucher kommen, die wissen wollen, wie das geht“, sagt Eberli.

Er selbst wird nur moderieren an diesem Abend. Aber er könnte auch etwas über das Leben auf einem Forschungsschiff erzählen, auf dem er selbst vor allem nachts arbeitet. So ist der Rhythmus. Nachts wird der Meeresgrund kartiert. „Da fährt das Schiff hin und her wie ein Rasenmäher“, beschreibt es Eberli. Vormittags werden dann die Roboter in die Tiefe gelassen, wenn die zurück sind, werden die Bodenproben genommen. Dann kommt wieder die Kartierungsschicht. Eberli schwärmt von den Möglichkeiten, die die deutschen Forschungsschiffe böten, das Know-how nicht nur der Wissenschaftler, sondern auch der technischen Crew.

Mittlerweile wissen die Forscher, dass die Bestände der Kaltwasserkorallen mindestens genauso groß wie die der Flachwasserkorallen sind. Und vor allem sind sie beständiger. Die Wassertemperatur in so großen Tiefen schwankt kaum, während Zooxanthellen, die die Flachwasserkorallen mit Nahrung versorgen, auf die oberflächlich stärkeren Temperaturunterschiede sensibel reagieren. „Kaltwasserkorallen können mehrere Hundert Jahre alt werden. Sie fressen das, was ihnen die Strömung heranträgt“, erzählt Eberli etwas zur Biologie. In so großen Meerestiefen sinkt organisches Material aus höheren Schichten herab. Eberli beschreibt es wie ein permanentes Herabrieseln, in der Wissenschaft ist von „marine snow“, also Meeresschnee, die Rede. Es ist eine faszinierende Welt, die Geschöpfe von einer erstaunlich großen künstlerischen Kraft hervorgebracht hat, die das Wissenschaftskolleg da zeigt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+