Harald Bösche findet Post seines Vaters über die Ausbeutung der ukrainischen Landwirtschaft im Zweiten Weltkrieg Dokumente einer barbarischen Besatzung

Von Karin Neukirchen-Stratmann und Sascha rühl
20.08.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Neukirchen-Stratmann und Sascha rühl

Martfeld·Münster. Informatik ist das eigentliche Tätigkeitsfeld von Harald Bösche, Professor an der Fachhochschule Münster im Fachbereich Maschinenbau. Harald Bösche stammt aus Martfeld-Loge. In jüngster Vergangenheit hat er sich auf völlig fachfremdem Gebiet getummelt: der Geschichte.

Und das kam so: Auf dem Dachboden fand er die Feldpostbriefe seines Vaters Johann, der als Zivilbeamter der Nationalsozialisten in der Ukraine stationiert war, um dort die Ausbeutung der Landwirtschaft zu organisieren. Es handelt sich um rund 200 Dokumente und zahlreiche Fotografien. Sie zeigen die subjektive Sicht des Beamten der nationalsozialistischen Zivilverwaltung auf den Besatzungsalltag in der Ukraine zwischen 1942 und 1943. "Für uns ist das ein wissenschaftlicher Glücksfall. Normalerweise gibt es nur Feldpost von Soldaten im Krieg, hier haben wir eine seltene Sicht aus dem Leben vor der Front", erklärt Dr. Maryna Dubya vom Institut für ukrainische Geschichte in Kiew.

"Wenn die in London Berichte über den Krieg in meinem Ort hätten, würde ich die auch gern sehen, von daher fand ich, die Ukrainer würden sich über diese Dokumente freuen", sagt Harald Bösche. Die Zeitzeugendokumente machte er daraufhin dem deutsch-ukrainischen Jugendforschungsprojekt "Iwankiw" des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster zugänglich.

Dieses Projekt wird seit September 2006 anlässlich des Förderwettbewerbs "Geschichtswerkstatt Europa" durch den Fonds "Erinnerung und Zukunft" der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" und durch die Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Der Fonds "Erinnerung und Zukunft" unterstützt internationale und interkulturelle Projekte, die eine vertiefte Auseinandersetzung der heranwachsenden Generation mit dem nationalsozialistischen Regime und totalitärer Gewaltherrschaft zum Ziel haben. Junge Menschen sollen aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte lernen, bewusst für Völkerverständigung, Demokratie und Menschenrechte sowie den Schutz von Minderheiten einzutreten.

Die 15 Teilnehmer, Schüler des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster und der Allgemeinbildenden Mittelschule Nr. 2 in Iwankiw, beschäftigten sich getrennt voneinander mit dem historischen Material von Harald Bösche und werteten es schließlich gemeinsam aus. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat Harald Bösche nun als Buch im Eigenverlag der Fachhochschule Münster herausgegeben und von Dörte Hengevoß, Studentin am Fachbereich Design, gestalten lassen.

Das 300 Seiten starke Ergebnis trägt den Titel "Meine liebe Elli...!" Die Anrede, mit der Johann Bösche die Briefe an seine Frau beginnt."Ich schreibe augenblicklich ja viel, so brauche ich nicht noch nebenbei ein Tagebuch zu führen, aus meinen Briefen geht ja später das meiste wieder hervor." Diesen Satz schreibt der gelernte Landwirt im August 1942 aus dem besetzten Kiew an seine Frau Elisabeth. Bis zum Einmarsch der Roten Armee im November 1943 versendet er fast täglich Briefe und Fotos in seine niedersächsische Heimat Martfeld-Loge. Er verfasst sie, um "Erinnerungen für später" zu sammeln.

Die historischen Dokumente geben einen Einblick in den Besatzungsalltag aus Sicht der nationalsozialistischen Täter. Nur auf wenigen der Fotografien ist zu erkennen, dass sie während eines brutal geführten Krieges und in einer für die ukrainische Bevölkerung bedrückenden Situation aufgenommen wurden. In den Briefen werden das Leid und die Entbehrungen der Menschen an einigen Stellen deutlicher: "Die Einwohner kommen noch immer barfuß daher. Man muss sich wundern, was die Bewohner alles ertragen", schreibt Bösche beispielsweise am 14. Oktober 1942. Doch nebenbei führte er ein normales Leben, die Missstände der Bevölkerung ließ er nicht an sich herankommen. So schrieb er auch von Jagd- und Angelausflügen in seiner Freizeit.

Die am Forschungsprojekt beteiligten Schüler stellten fest, dass in Bösches Briefen eine kritische Distanz zur verbrecherischen Besatzungspolitik der Deutschen nicht zu erkennen sei. Im Gegenteil belegten sie eine Zustimmung des Schreibers zur nationalsozialistischen Ideologie. Den Auftrag, die ukrainische Bevölkerung für die deutschen Interessen einzuspannen, setzte Bösche in seiner Funktion als "Zivilverwalter der landwirtschaftlichen Flächen" bis zuletzt durch, ohne sein Tun kritisch zu reflektieren: "Wir haben hier augenblicklich sehr viele Aufgaben zu erfüllen, aber dazu sind wir auch hier, um zu schaffen für des Reiches Sicherheit und Ernährung. Ich könnte mir zur Zeit keine schönere Aufgabe vorstellen", schreibt er noch am 14. September 1943, wenige Wochen vor dem Einmarsch der Roten Armee.

In dieser Zeit ließ er in der Ukraine ein Bild von seinem Heimatort malen, auf Grundlage eines kleines Fotos. Der Maler - ein Einheimischer. Seine Söhne wundern sich über die Gelassenheit, mit der ihr Vater seine Verwaltungsarbeit beschreibt und halten fest: "Der ganze Ostfeldzug war ein gigantisches Verbrechen, welches pedantisch verwaltet wurde. Er war ein Teil davon und schreibt über Dinge wie Gehaltsabrechnungen."

Im November fliehen die deutschen Einheiten und Bösche kehrt in seine niedersächsische Heimat zurück, bevor er im Juli 1944 erneut zum Kriegsdienst einberufen wird. Als Flaksoldat gerät er schließlich in englische Gefangenschaft, aus der ihn die Alliierten im Juni 1945 wieder entlassen. Nach dem Krieg nimmt er die Bewirtschaftung seines Hofes bis zu seinem Tod im Jahr 1972 wieder auf.

Das deutsch-ukrainische Gemeinschaftsprojekt leistet mit dem Buch einen Beitrag zur grenzüberschreitenden Aufarbeitung von Geschichte und damit zur internationalen Verständigung und Versöhnung. Herausgeber Harald Bösche stellt mit der Veröffentlichung die privaten Briefe und Fotos der historischen Forschung sowie der Aufklärungsarbeit in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zur Verfügung. Die Sicht auf Land und Leute aus Perspektive der Täter ermöglicht einen in dieser Offenheit seltenen Einblick in das vom Rassenwahn geprägte Selbstverständnis der deutschen Besatzer.

Das Buch kann über die Internetseite der Bibliothek der Fachhochschule Münster erworben werden. Dort finden sich auch kurze Leseproben, die einen ersten Eindruck ermöglichen.

Harald Bösche: "Meine liebe Elli...!" - Fotos, Briefe und Berichte aus der Gebietslandwirtschaft Iwankow (Ukraine) 1942 und 1943, Eigenverlag der Fachhochschule Münster, 29,90 Euro, ISBN 978-3-938137-24-6.

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