Auszubildende gewinnt Wettbewerb Ein Bild für die Geschichtsbücher

Die 21-jährige Auszubildende Anna Müller gewinnt als jüngste Teilnehmerin den Live-Portrait-Contest. Ihre Konkurrenz bestand durchweg aus Profis. Was sie aus der Teilnahme gelernt hat.
10.04.2019, 08:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht

Syke. Sofort beim Betreten fällt er ins Auge. Prominent auf der Theke stellt der eiserne Pokal mit seiner markanten Aufmachung und den auf Milchglas verewigten Gewinnern wahrlich einen Blickfang im Kundenbereich des Fotostudios Ihr Fotograf in Syke dar. Dass der Wanderpokal überhaupt seinen Weg an die Hache gefunden hat, ist Anna Müller zu verdanken. Als jüngste Teilnehmerin der Geschichte des Live-Portrait-Contests (LPC) gewann die 21-jährige Weyherin den in Köln ausgetragenen Wettbewerb.

Ihr Ticket für den LPC löste Anna Müller im vergangenen Jahr, als sie beim vom Bund professioneller Portrait-Fotografen (BPP) veranstalteten Wettbewerb den Gold Award im Bereich Portrait und den Silver Award im Bereich Newcomer einsackte (wir berichteten). Als der BPP ihr dann eine Teilnahme in Köln schmackhaft machen wollte, war Müller zunächst skeptisch. „Ich war mir nicht sicher, weil ich es live noch nie gesehen habe. Ich wusste aber, dass man dafür etwas auf dem Kasten haben muss“, erinnert sich die Auszubildende. Ihre Kollegen und Chef Matthias Strohmeyer haben sie letztendlich überzeugt. „Natürlich habe ich auch überlegt, weil Anna noch in der Ausbildung ist. Aber ich habe ihr das von Anfang an zu 100 Prozent zugetraut“, bestätigt Strohmeyer, der findet, dass Anna Müller „für die Fotografie lebt“.

Mit zwölf Jahren hat Anna Müller ihre erste eigene Spiegelreflexkamera bekommen, wie sie erzählt: „Ich habe mit meiner Schwester zusammen fotografiert und Geschenkpapier als Hintergründe benutzt.“ Kein Wunder, dass Kunst in der Schule schnell zum Lieblingsfach mutierte. Nach der elften Klasse wurde Anna Müller zum ersten Mal bei Matthias Strohmeyer vorstellig, um sich nach einem Ausbildungsplatz zu erkundigen. „Da wurde ich aber weggeschickt, weil Matthias meinte, ich soll erst einmal mein Abi machen.“ Mit dem Abschluss in der Tasche durfte sie dann wiederkommen – und bleiben.

Eine Woche vor dem Wettbewerb erhielt Anna Müller Post mit der Aufgabe. In 55 Minuten mussten die Teilnehmer in Köln unter dem Motto „Musik in Bildern“ mit der Band Chanson Trottoir Fotos für ein Plakat und ein dreiseitiges CD-Booklet erstellen. Alles unter Beobachtung der Jury und des Publikums, live eben. Plötzlich stieg die Aufregung in der bis dato entspannten Nachwuchs-Fotografin, der schlagartig bewusst wurde, „dass es jetzt wirklich nur noch eine Woche ist“. Was die Sache unweigerlich erschwerte: Chanson Trottoir besteht aus sechs Mitgliedern, allesamt mit großen Instrumenten. „Ich hatte mich auf alles andere eingestellt. Und dann eine Band. Das war genau das, was ich überhaupt nicht gut fand“, gibt Anna Müller zu und lacht.

Da kein direkter Kontakt mit Chanson Trottoir aufgenommen werden durfte, stürzte sich die 21-Jährige für ihre Recherche ins Internet, schaute Videos, verschaffte sich ein Bild von der Lage. Um ein Gefühl zu bekommen, hat sich Anna Müller sechs Probanden für Probe-Shootings ins Fotostudio geholt. „Am ersten Abend waren das Badminton-Freunde von Matthias Strohmeyer, und danach hat meine Mutter immer unsere ganzen Nachbarn und Freunde mobilisiert“, erzählt Müller. Waren alle auf einem Haufen, dienten Haarspray-Dosen und Fotografie-Utensilien als „Instrumente“.

Dann war es so weit. Der 30. März stand an – der Tag, an dem es nach Köln ging. Beim LPC ist Anna Müller als eine von insgesamt fünf Teilnehmern ins Feld gezogen. Mit ihr kämpften Profi-Fotografen aus den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz um den ersten Platz. Anna Müller war die einzige Auszubildende. „Alle anderen hatten teilweise 20 bis 25 Jahre ein eigenes Geschäft. Da habe ich schon überlegt, ob ich da überhaupt mithalten kann“, gibt Anna Müller zu, fügt charmant lächelnd an: „Aber am Ende hat es geklappt, irgendwie.“

Gespräche mit den Mitbewerbern und Chanson Trottoir brachen das erste Eis. „Um 9.15 Uhr habe ich die Band kennengelernt. Ich konnte mit den sechs mein Konzept durchsprechen, ihnen von meiner Idee erzählen und Klamotten raussuchen“, skizziert der Fotografen-Nachwuchs. Moment mal, Klamotten? Richtig gelesen. Anna Müller musste das gesamte Bild komponieren und dafür auch die Musiker nach ihrem Geschmack einkleiden. Wenig später wurde Anna Müller als zweite Kandidatin in den großen Saal gerufen. „Ich dachte: ‚Okay, Mist. Jetzt geht es wirklich los‘.“ Doch als sie durch die Tür ging, geriet Anna Müller nach eigenen Worten „in einen Tunnelblick“ und blendete alles Umstehende aus. Anna Müller entschied sich, die Band von hinten durch ihr eigenes Plakat zu brechen. „So hatte ich nicht das Problem mit dem Platz, weil ohnehin alle zusammenrücken müssen“, erklärt das Nachwuchstalent. Für das Booklet hat sie sich an der Geschichte der Band orientiert. Durch ihre Recherche wusste sie, dass Chanson Trottoir mit zwei Mitgliedern startete. „Die wollte ich auf die eine Seite packen, sozusagen als ‚Ursprung‘. Auf die anderen Seiten kamen die anderen Musiker in der Reihenfolge, in der sie zur Band gestoßen sind.“ Mit den Bildern im Kasten ging es nach etwa 30 Minuten zur Bearbeitung an den Computer. „Acht Minuten vor Ende hat sie abgeliefert“, schiebt Matthias Strohmeyer ein. Seiner Meinung nach hat die Unbefangenheit, mit der sein Schützling an die Sache herangegangen ist, einen großen Anteil am Erfolg: „Annas Ziel war es eigentlich nicht, zu gewinnen, sondern diese Herausforderung zu meistern und ihre Idee umzusetzen.“

Auch die Jury sei von ihrer Souveränität begeistert gewesen, was sich auch auf die Punktevergabe niederschlug. Dass Anna Müller die jüngste Gewinnerin in der Geschichte des LPC ist, findet sie ganz locker ausgedrückt „cool“. Was sie aus dem Turnier gelernt hat? „Dass man sich immer etwas trauen sollte.“ Ihr Mut wurde in der Tat belohnt. Zum einen mit einer brandneuen Kamera, zum anderen mit einer namentlichen Nennung auf dem feschen Pokal. Damit reiht sich Anna Müller ein in eine Liste großer Namen wie Olaf Schwickerath (zweifacher Gewinner) oder Eugene van Hoof. Anna Müller freut sich besonders, zur gleichen Riege wie Richard Mayfield zu gehören: „Das ist schon ein ziemlich guter Fotograf. Wenn man mit ihm auf dem Preis steht, ist das schon cool.“

Aktuell befindet sich Anna Müller im dritten Ausbildungsjahr, ist im Mai fertig. Und dann? „Erstmal bleibe ich hier“, verrät sie. Irgendwann wolle sie sich aber mal einen Plan machen. Für die Zukunft sei der Schritt in die Selbstständigkeit ein Thema für sie. „Und ich denke darüber nach, ins Ausland zu gehen.“

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