Syker Kreismuseum

Ein Symbol der Befreiung

Für Gunthild und Haio Zimmermann ist der Scherenschnitt ein Symbol der Befreiung von der Sowjetunion. Ab Sonntag, 5. Mai, können sich Interessierte im Syker Kreismuseum selbst ein Bild machen.
03.05.2019, 10:16
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel

Syke. Der Gesang verstummt. Die traurige Volksweise, ein Dainos, verliert sich im Syker Kreismuseum und leiser, respektvoller Applaus tritt vonseiten der Anwesenden an seine Stelle. Die Hängung zur Ausstellung „Litauischer Scherenschnitt in traditioneller Symmetrietechnik“ endet stilvoll. Die fünf Damen aus Litauen, darunter die neben dem Scherenschnitt auch gesanglich begabte Lina Kabelkaitė, schauen sich, begleitet von Gunthild Zimmermann und einer Übersetzerin, noch einmal um. Sie bilden die Delegation der 19 als Meister ausgezeichneten Künstler aus Litauen, die die Ausstellung möglich machten.

„Entweder Polka auf den Tischen oder betrübt“, beschreibt Gunthild Zimmermann mit Verweis auf das traurige Volkslied ihre eigenen Erfahrungen mit der Dualität der Menschen in dem osteuropäischen Land. Ihr und ihrem Mann, Haio Zimmermann, ist das Zustandekommen der Ausstellung mit mehr als 60 Arbeiten auch mit zu verdanken. Die beiden waren im Baltikum unterwegs und gingen dort ihrem gemeinsamen Interesse – Scherenschnitten – nach. Über persönliche Kontakte fanden sie schließlich ins Gespräch mit der Zentrale in Vilnius, die sich um viele Belange der Künste kümmert. Zusammen mit dem Kreismuseum und den teilnehmenden 18 Künstlerinnen und einem Künstler entwickelte sich von hier die neue Ausstellung. Die 19 Künstler kommen aus ganz Litauen. Die meisten sind zwischen 60 und 70 Jahren alt. Die Jüngste ist 43 Jahre alt.

Einen ersten Einblick in die Art, wie symmetrische Scherenschnitte erstellt werden, bietet sich durch die Besinnung auf die in Kindergärten beliebte Bastelarbeit des Reihenschnitts, auch Leporello genannt. Doch für die Kunstwerke im Kreismuseum bedarf es zwei bis drei Wochen pro Stück, anstatt weniger Minuten.

„Das ist die erste und dabei besonders große Ausstellung in Deutschland“, erklärt Haio Zimmermann stolz. „Ansonsten ist dies nur in Osteuropa in diesem Umfang und in dieser Qualität üblich. So etwas können sie ansonsten bei uns in Westeuropa sehr lange suchen.“

Zwei großformatige Fotografien ergänzen die Scherenschnitte, damit die Besucher auch einen Einblick in die litauische Landschaft bekommen. Kontrastreich wie der Wechsel zwischen Melancholie und Frohlocken sind auch die Scherenschnitte. Grazil und simpel zugleich, sind reichlich Werke mit unterschiedlichsten thematischen Hintergründen zu bestaunen. „Dabei kommt es nicht auf das Filigrane an“, relativiert Haio Zimmermann. „Es geht um die künstlerische Idee“, ergänzt seine Frau Gunthild, die auch selber Scherenschnitte anfertigt.

Das Themenspektrum in den Scherenschnitten ist breit: Von der Milchkannen schleppenden Großmutter über Eheversprechen, Hochzeit, Schwanger- und Mutterschaft bis hin zu Kindern beim Sport zeigen die Scherenschnitte den Alltag der Menschen. Aber auch die Jahreszeiten spielen eine entscheidende Rolle in der traditionellen Kunstform – ebenso wie das religiöse Leben in Kirche und im Privaten. „Der Scherenschnitt ist in Litauen sehr bekannt, er gehört sogar zum immateriellen Kulturerbe Litauens“, erläutert Haio Zimmermann. „Er ist ein Symbol für die Befreiung von den Sowjets. Er verkörpert die Freiheit.“

Die Vernissage zur Ausstellung „Litauischer Scherenschnitt in traditioneller Symmetrietechnik“ findet am Sonntag, 5. Mai, ab 15 Uhr im großen Sonderausstellungsraum des Kreismuseums Syke an der Bundesstraße 6 statt. Neben einleitenden Worten von Museumsdirektor Ralf Vogeding und einem Rundgang durch die Ausstellung mit Gunthild Zimmermann wird auch Rahmenprogramm samt Tanz und Gesang von Volksliedern geboten. Die Ausstellung ist bis zum 16. Juni zu sehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+