Amtsarzt Dr. Egbert Steffen sieht weiter Gefahren durch EHEC / 15 bestätigte Fälle im Landkreis Diepholz "Eine Entwarnung gibt es noch nicht"

EHEC - diese vier Buchstaben sorgen nach wie vor auch im Landkreis Diepholz für ein flaues Gefühl in der Magengegend. Im Interview mit Hauke Gruhn äußert sich Dr. Egbert Steffen, Amtsarzt beim Gesundheitsamt in Diepholz, zum aktuellen Stand der Dinge - und er gibt Einblicke, wie die Behörden hinter den Kulissen zusammenarbeiten, um der Epidemie Herr zu werden.
15.06.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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EHEC - diese vier Buchstaben sorgen nach wie vor auch im Landkreis Diepholz für ein flaues Gefühl in der Magengegend. Im Interview mit Hauke Gruhn äußert sich Dr. Egbert Steffen, Amtsarzt beim Gesundheitsamt in Diepholz, zum aktuellen Stand der Dinge - und er gibt Einblicke, wie die Behörden hinter den Kulissen zusammenarbeiten, um der Epidemie Herr zu werden.

Frage: Herr Dr. Steffen, EHEC ist zurzeit auch zwischen Dümmer und Bremer Landesgrenze das große Thema. Sie sind als Amtsarzt für den Landkreis Diepholz verantwortlich. Wie ist der aktuelle Stand bei den Erkrankungen?

Steffen: Im Landkreis sind 15 Fälle endgültig bestätigt. Die Zahl reduzierte sich, da zwei Fälle anderen EHEC-Erregern zuzuordnen sind. Überwiegend ist der Nordkreis betroffen, überwiegend ältere und weibliche Personen. Das Erkrankungsalter liegt zwischen 13 und 83 Jahren. Teilweise wurde die Infektion offensichtlich außerhalb des Landkreises erworben.

Sprossen sollen inzwischen als EHEC-Ursprung identifiziert worden sein. Ändert das etwas an Ihrer Arbeitsweise?

Wir beobachten weiter alles genau.

Ist landkreisweit ein Trend zu verzeichnen, zum Beispiel, dass EHEC schon wieder auf dem Rückmarsch ist?

Die Meldungen sind in der Tat aktuell rückläufig, die letzte Meldung stammt vom 3. Juni. Zu berücksichtigen ist aber, dass die Meldungen oft mit deutlichem Verzug eintreffen und noch möglich sind. Der Zenit scheint überschritten zu sein, aber eine Entwarnung gibt es noch nicht.

Eines der ersten Todesopfer der EHEC-Darmkeime stammte aus Weyhe. Welche Erkenntnisse haben Sie inzwischen über die Umstände zum Tod der 83-Jährigen?

Zum Schutz der Privatsphäre, aus Gründen des Datenschutzes und um die Zusammenarbeit mit Betroffenen nicht zu erschweren, kann ich keine Auskünfte zu Einzelpersonen geben.

Anders gefragt: Haben die 15 Menschen, die im Landkreis an EHEC erkrankt sind - oder waren - Sprossen verzehrt?

Das kann ich bestätigen. Es waren Leute dabei, die Sprossen gegessen haben.

Wie kann verhindert werden, dass sich der EHEC-Erreger in Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern ausbreitet?

Erkrankte und deren Kontaktpersonen dürfen Gemeinschaftseinrichtungen erst dann wieder betreten, wenn drei Stuhlproben erregerfrei sind. Wichtig ist die Mitwirkung von Gemeinschaftseinrichtungen, dabei neben allgemeinen Hygienemaßnahmen die Händehygiene. Für die Krankenhäuser existieren Hygienerichtlinien, auf die im Zusammenhang mit EHEC noch einmal aktuell hingewiesen wurde.

Wie sind die Dienstwege, wenn ein EHEC-Verdacht aufkommt?

Ärzte, Labore und Krankenhäuser melden die Feststellung von EHEC und den Verdacht auf HUS an das Gesundheitsamt. Das Gesundheitsamt verifiziert die Meldung, befragt Betroffene und Angehörige entsprechend eines landesweiten ausführlichen Fragebogens, führt Umgebungsuntersuchungen durch, informiert und ordnet bei Bedarf Maßnahmen an. Die Meldungen werden mit ergänzenden Daten an das Landesgesundheitsamt weitergeleitet. Im Zusammenhang mit Lebensmitteln wird das Veterinäramt des Landkreises beteiligt.

Es wurde viel über ein Kompetenzgerangel unter den Behörden gesprochen. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen?

Ansprechpartner für das Gesundheitsamt sind das Landesgesundheitsamt und das Sozialministerium in Niedersachsen. Die Zusammenarbeit ist zeitnah, wenn nötig persönlich, kompetent und praktikabel. Natürlich besteht auch ein enger Kontakt zum Veterinäramt des Landkreises.

Ist es für Sie vor Ort ein Problem, dass sich viele verschiedene Behörden mit dem Thema EHEC beschäftigen? Wäre eine zentrale "Seuchenpolizei" die Lösung?

Hier vor Ort besteht kein Problem. Bei der Frage nach Zentralisierung darf nicht vergessen werden, dass die regionalen Verhältnisse und der persönliche Bezug zur Bevölkerung und anderen Beteiligten sehr wichtig sind.

Vogelgrippe, Schweinegrippe, Dioxin-Eier, EHEC - es scheint, als ob eine schlechte Nachricht die nächste jagt. Sind wir alle überempfindlich geworden, wird das Risiko überschätzt oder gibt es tatsächlich eine Häufung von Epidemien und Lebensmittelverunreinigungen?

Unsere Kenntnisse lassen eine Beurteilung zur Frage der Häufung von Epidemien nicht zu. Es ist festzuhalten, dass in Deutschland Infektionskrankheiten die Lebenserwartung nicht mehr so entscheidend beeinflussen, wie es früher einmal war. Die Sicherheit im Hinblick auf den Infektionsschutz ist insgesamt sicher hoch, was nicht heißt, dass es auch Bereiche gibt, die zu verbessern wären. Richtig ist aber auch, dass sich Erreger weiterentwickeln, wie der derzeitige EHEC-Erreger, oder neue Erreger entstehen. Daneben sind auch andere Herstellungs- und Versorgungsstrukturen, die Mobilität der Menschen und die Globalisierung zu berücksichtigen.

Das hat welche Konsequenz?

Wachsamkeit ist wichtig. Es gibt Frühwarnsysteme. Der Landkreis Diepholz investiert viel in die Überwachung, wobei das Team Infektionsschutz aktuell am Rande seiner Kapazitäten agiert. Wichtig ist aber auch die Eigenverantwortung des Einzelnen und aller Akteure.

Bei den Schweinegrippe-Impfungen hat sich gezeigt, dass die Menschen relativ zurückhaltend reagiert haben. Besteht vielleicht sogar die Gefahr einer Abstumpfung gegenüber bedrohlichen Infektionskrankheiten und Seuchen?

Nach unserer Erfahrung kann von Abstumpfung keine Rede sein. Gerade eine unklare Gefährdungssituation verunsichert die Bevölkerung, und es braucht oft mehr oder weniger Zeit, die nötige Transparenz herzustellen, also eine Gefahr klar zu benennen, sie einzugrenzen und für Schutz zu sorgen. Insofern ist Information und Risikokommunikation ein umfangreicher und wichtiger Teil unserer Arbeit.

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