Café Seitenblick

Eine Hommage an Südamerika

Vor drei Jahren Christian Gerds war in Brasilien, schrieb vor Ort seine Eindrücke nieder und verarbeitete sie anschließend musikalisch und erzählerisch. Das Ergebnis präsentierte er am Dienstagabend in Barrien.
03.10.2019, 17:39
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Rita Behrens
Eine Hommage an Südamerika

Gerds' Besucher schätzten die angenehme Atmosphäre.

Braunschädel

Syke. Christian Gerds, Gitarrist und Sänger, stellte am Dienstagabend sein aktuelles Projekt „Flamengo“ im Barrier Café Seitenblick vor. Das Publikum bekam an diesem Abend eine Kombination aus Musik und poetischen Texten dargeboten. Die Wahl des Titels könnte als Hommage an das pulsierende und faszinierende Rio de Janeiro angesehen werden, an den Park Aterro do Flamingo und an den gleichnamigen Strand. Doch eigentlich standen die Erfahrungen in der Fremde Brasiliens insgesamt Pate für die dargebotenen Lieder, Gedichte und Erzählungen.

Vor genau drei Jahren begann Gerds, die Eindrücke seines Aufenthaltes in Südamerika gleich vor Ort zu notieren. Nach seiner Rückkehr fing er an, diese erzählerisch und musikalisch aufzubereiten. Noch heute lässt ihn der verwirrende Reichtum des Erlebten nicht los. Schließlich sei Brasilien ein Sehnsuchtsland, erklärte der Liedermacher hinsichtlich dieser Wirkung. Bereits der Schriftsteller Stefan Zweig habe es als solches empfunden. Aufgrund der überschäumenden Natur habe er selbst ein ihm bisher unbekanntes Naturempfinden entwickelt. Er führte aus, dass ihn die Faszination, die von den Wasserfällen, dem Regenwald, den Kolibris ausging, sensibilisierte.

Zum Auftakt präsentierte er ein romantisch-melodisch klingendes Lied mit existenziellem Inhalt: „Bleibe nur bei dem, was dich wirklich angeht“. „Ein schönes Stück“, bemerkte jemand aus dem Publikum. Die durchgängig ersichtliche autobiografische Grundlegung zeigte sich in vielen Kontexten. Hierzu zählte unter anderem die literarische Darstellung eines Besuchs im historischen Opernhaus Teatro Amazonas in Manaus, der von Urwald umgebenen Stadt. Real – und doch berichtet hier ein fiktionaler Erzähler: „Wir sind eine gediegene Treppe hochgelaufen“. Der Protagonist betrachtet ein Gemälde, die Amazonen und der Wasserfall inspirieren seine Fantasie. Auf diese Art und Weise wirkten die Geschichten authentisch, ebenso der literarisch verarbeitete kritische Blick: „Die Europäer fühlten sich den Ureinwohnern überlegen.“ Auch die poetische Seite eröffnete sich mehrfach, so etwa mit der Darstellung des Empfindens, quasi im Paradies zu sein. Fantasie und Wirklichkeit trafen aufeinander, sie vermischten sich.

Die Veränderungen, unterschiedliche Wahrnehmungen der Menschen bei Tag und bei Nacht, die ineinander fließenden Flüsse thematisierte das Lied „Bevor sie sich mischen“. Einblicke und Reflexionen gab es über den städtischen Alltag. Das Lebensgefühl der Einheimischen sowie dessen Erleben aus touristischer Perspektive und potentielle Verführungen wurden ersichtlich: „Natürlich bieten sie mir Marihuana an“, berichtet die Hauptfigur.

Das Wort Flamengo klinge an sich weich und doch standhaft, nach altem Wissen und Zuversicht, erklärte Gerds. Dass sich die europäische Realität als konträr herausstellte, führte jetzt zu der Frage: „Sind wir noch originell?“ Im musikalischen Gewand nahm hier der gesellschaftskritische Liedermacher die Fixierung auf Trends als Schattenseite der Zivilisation aufs Korn: „Wissen wir noch, was uns lenkt?“ Der Refrain offenbarte den Wunsch zur Veränderung: „Ich suche lebendige Frauen und Männer, die sich etwas trauen“.

Die kurzweilige Darbietung mit dem kontinuierlichen Wechsel von musikalischen und vorgelesenen Beiträgen kam gut an. Die Texte seien anspruchsvoll, kritisch und regten zum Nachdenken an. Der eigene Stil in der Art und Weise des Vortragens, auch des Erzählens, der Sprache sowie der Musik erfreuten. Der „rote Faden“, „Wortwitz“, die „schönen Worte“ und ansprechenden Melodien in einer angenehmen Atmosphäre trugen hierzu adäquat bei.

Über sich selbst sagte der studierte Musiker, er sehe sich primär in der Musik verhaftet. Hier setzten offenbar seine künstlerischen Ambitionen an. Er texte und komponiere, auch Jazz und die „eigene Verrücktheit“ spielten eine Rolle. Die Literatur sei nachrangig. Doch inzwischen habe er die Druckfahne für sein erstes Buch erhalten, das im Schardt Verlag im Frühjahr erscheine. Geschichten, Lieder, Gedichte und Fotos seien darin enthalten. Ein Livemitschnitt dieses Auftritts wurde technisch von Paul Kiolbassa betreut. Eine Veröffentlichung auf Youtube soll erfolgen sowie die Produktion einer CD.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+