Häuser erzählen Geschichten: Wie aus dem Hotel Louisville erst das Hotel Dörgeloh und dann die Sparkasse Bruchhausen-Vilsen wurde

Federbetten, Filme, Finanzen

Fast einhundert Jahre war es in Familienbesitz, und für viele Jahrzehnte war es das erste Haus am Platz: das Hotel Louisville, später Hotel Dörgeloh, heute Sitz der Kreissparkasse Vilsen in der Bahnhofstraße.
08.08.2013, 05:00
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Von Karin Neukirchen-stratmann
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Früher trifft heute: Im Gebäude der Sparkasse Bruchhausen-Vilsen hat Walter Spannhake eins ein Kino betrieben – damals im Saal des Hotels Dörgeloh.

Udo Meissner

Fast einhundert Jahre war es in Familienbesitz, und für viele Jahrzehnte war es das erste Haus am Platz: das Hotel Louisville, später Hotel Dörgeloh, heute Sitz der Kreissparkasse Vilsen in der Bahnhofstraße.

Bruchhausen-Vilsen. Wenn alte Gemäuer Geschichten erzählten könnten, dann würde das Hotel Louisville, später Hotel Dörgeloh, höchstwahrscheinlich zu denen gehören, die in Bruchhausen-Vilsen am meisten zu berichten hätten. Denn neben einem normalen Restaurant- und Hotelbetrieb gab es hier einen großen Saal, eine Kegelbahn, später sogar ein kleines Kino. Eng verknüpft ist die Geschichte des Hauses mit den Familien Dörgeloh und Hagemann.

"Ja, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Hotel Louisville das erste Haus am Platz in Vilsen gewesen ist", blickt Samtgemeindearchivar Karl Sandvoß über seine Unterlagen des Hauses, die sich im Archiv befinden. Darunter ist auch eine umfassende Beschreibung des Hotels aus der Sicht von Eberhard Hagemann, dem Sohn von Lieselotte Hagemann, geborene Dörgeloh.

Erster Hotelier war Claus Friedrich Dörgeloh, geboren 1841 in Dreye, mit "bewegter Jugend", wie Eberhard Hagemann beschreibt. Als Leichtmatrose war Dörgeloh zwischen 1858 und 1865 zwischen New York und Bremen unterwegs. Später lernte er die Vilser Gastwirtstochter Elise Finck kennen und lieben, am 27. Juli 1865 heiratete das Paar. Bis dahin hatte Elise Finck auch einige Jahre bei ihrem nach Amerika ausgewanderten Bruder Henry Finck gelebt, der in Louisville im Staat Kentucky eine Wein-, Likör- und Zigarrenhandlung betrieb. Besagter Bruder erwarb 1871 das Haus Nummer 51 in Vilsen. Das war bis dahin als "Vollbürgerstelle" im Besitz von Heinrich Wilhelm Heusmann aus Süstedt gewesen, dessen Vater am Gut Retzen eine Ölmühle betrieb. Ein weiterer Vorbesitzer war Wilhelm Ridderhoff.

Heusmann verkaufte das Haus 1871 an Henry Finck, der das vorhandene Gebäude abreißen ließ und dafür einen Neubau errichtete, das Hotel Louisville. Bewirtschaften ließ er es durch seine Schwester und ihren Mann, später überschrieb er ihnen das Haus sogar. Das Glück des jungen Ehepaares währte jedoch nicht lange. Bei der Geburt ihres vierten Kindes starb Elise 1877. Drei Jahre lang blieb Claus Friedrich Dörgeloh alleine, dann heiratete er wieder: Helena. Zu dieser Zeit war das Hotel bereits ein Vorzeigebetrieb. Per Bahn und Postkutsche kamen schon damals viele Bremer zur Erholung nach Bruchhausen-Vilsen.

1906 warb das Hotel, wie eine alte Anzeige berichtet, die Karl Sandvoß im Archiv vorliegen hat, mit einem "großen schattigen Garten, einer verdeckten Doppelkegelbahn und einem Saal für 300 Personen". Es gebe "gut gepflegte Weine und Biere, hiesige und echt bairische", ist weiter zu lesen. Bis 1907 war Claus Friedrich Dörgeloh der Hotelleiter, dann machte er seinem jüngsten Sohn Johann, genannt Jonny, Platz. Der lernte das Hotelfach im Berliner Hotel Kaiserhof, und brachte das Hotel Louisville weiter voran. Aus eigenen Fischteichen kamen Karpfen, Forellen und Schleien auf die Speisekarte. "Die Fischteiche waren da, wo jetzt die Liegewiese vom Wiehe-Bad ist", weiß Archivar Karl Sandvoß zu berichten. Es seien zwei große und zwei kleine gewesen. "Später hat man die Teiche benutzt, um das Quellwasser, mit dem das Wiehe-Bad zunächst gespeist wurde, zu erwärmen." Heute gibt es diese Teiche nicht mehr.

1908 kam eine weitere Errungenschaft ins Hotel Louisville: das eigene Tafelwasser. Denn Jonny Dörgeloh entdeckte in diesem Jahr eine Quelle unweit des heutigen Kurparks. Im Sommer wurde das Wasser dann mit Kohlensäure versetzt und verkauft – im Hotel selber, aber auch ausgeliefert ins Umland.

1929 verkaufte Dörgeloh die Quelle an die heutige Inhaberfamilie von Vilsa-Brunnen, Rodekohr. Ein Höhepunkt im Jahr des Hotelbetriebes war auch immer der Brokser Markt. Dort unterhielt die Familie Dörgeloh gleich mehrere Unterhaltungszelte. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges wurde Jonny 1914 eingezogen. Ehefrau und Tochter Lieselotte, spätere Hagemann, blieben zurück und führten das Hotel weiter. 1918 kehrte Jonny zurück. Gegen Mitte der 1920er Jahre wechselte der Name des Hotels, es hieß fortan Hotel Dörgeloh. Nach dem Tod von Jonny Dörgeloh 1933 wurde das Haus verpachtet. Dann begann der Zweite Weltkrieg, der Pächter wurde eingezogen, die Ehefrau von Jonny Dörgeloh übernahm das Ruder wieder. Doch der Betrieb kam fast zum Erliegen, es gab keine Kegelbahn, keinen Saalbetrieb in dieser Zeit. Die Räume wurden von der Deutschen Wehrmacht als Sanitätspark genutzt.

Nach dem Krieg wurde das Hotel von den Engländern besetzt. Als diese auch abzogen, übernahm die Familie Dörgeloh wieder das Zepter, doch auf Sparflamme, denn Geld war knapp. 1954 wurde das Hotel an Rudolph Schlobohm verpachtet, der es 1964 kaufte. Zu dieser Zeit gab es bereits ein Kino im Saal, wie Walter Spannhake, der spätere Kinobetreiber, zurückblickt:. "Es hieß Kurlichtspiele, ein Ruf-Onkel von mir aus Wachendorf hat es zunächst unterhalten." Walter Spannhake selber war zu dieser Zeit als Produktleiter beim Bibliografischen Institut in Mannheim beschäftigt. "Schon da war ich eng mit einem Kino verbunden. Wer einmal Filmluft schnuppert..."

Als Walter Spannhake erfuhr, dass das Kino im Hotel zu verkaufen sei, griff er zu. "Das war 1969. Ich kam zurück und renovierte erst einmal von Grund auf", erzählt er. So wurde in den Saal eine Schräge eingebaut, auch die Bestuhlung wurde komfortabler, und "ich stellte auf Vier-Kanal-Magnet-Stereoton um – das hatte ich weit und breit alleine." Sein Kino hatte damals 172 Sitzplätze. "Der erste Film war ,Doktor Schiwago’", erzählt Walter Spannhake, der noch alte Zeitungsanzeigen und Artikel aus dieser Zeit besitzt. Die Eröffnung war am 31. Juli 1969.

Nach dem Tod Rudolph Schlobohms 1976 führte die Ehefrau das Hotel weiter, bis das Gebäude schließlich 1981 verkauft wurde – an den heutigen Besitzer, die Kreissparkasse (KSK) Syke. "Das Ziel damals war, das Haus zu erhalten, es stand ja unter Denkmalschutz", erinnert sich Karl Sandvoß. Es habe auch Bestrebungen gegeben, den Hotelbetrieb aufrechtzuerhalten, aber die hohen Renovierungskosten schreckten wohl ab. So blieb zumindest die Fassade erhalten, die unter Denkmalschutz steht.

Walter Spannhake wurde beim Verkauf des Hauses von der KSK "rausgekauft, mein Pachtvertrag wäre noch einige Zeit gelaufen". Zu dieser Zeit war er auch schon Betreiber des Autokinos in Vilsen. "Ohne Kino kein Luftkurort", weiß Walter Spannhake auch noch zu berichten. Das Vorhalten eines Lichtspieltheaters sei damals eine der Voraussetzungen gewesen, um als Luftkurort anerkannt zu werden.

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