Warnhündin Amica passt auf Finns Schutzengel auf vier Pfoten

Finn ist aufgeregt, dadurch unterzuckert. Unterzuckerung bestimmt das Leben des fast Achtjährigen aus Schwarme. Seit rund einem Jahr hat er eine tierische Assistentin: Hündin Amica.
02.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von BÄRBEL RÄDISCH

Finn ist aufgeregt, dadurch unterzuckert. Unterzuckerung bestimmt das Leben des fast Achtjährigen aus Schwarme. Er muss alle zwei Stunden etwas essen, um seinen Blutzuckerspiegel stabil zu halten – Brot, Nudeln, Reis, exakt dosierte Kohlehydrate helfen dabei. Seit rund einem Jahr hat er eine tierische Assistentin: Hündin Amica. Sie schlägt Alarm, wenn der Grundschüler unterzuckert ist.

Glykogenose Typ 1 A heißt die seltene Krankheit, an der Finn leidet. Bei 100 000 Geburten kommt sie nur einmal vor. „Wir stoßen unentwegt auf Ablehnung bei der Krankenkasse, spezielle Kosten zu übernehmen, weil diese Krankheit aus dem Rahmen fällt“, beklagt Maike Krac-zewski, Finns Mutter. Vor rund zwei Jahren gingen Finns Eltern an die Öffentlichkeit, weil sie von der Möglichkeit erfahren hatten, dass es ausgebildete Hunde gibt, die auf Unterzuckerung reagieren – sei es bei Diabetikern, als auch im Fall von Finns Krankheit.

Der spezielle Geruch eines Unterzuckerten lässt einen darauf trainierten Hund aktiv werden. So ein Assistenzhund kostet sehr viel Geld. Im Gegensatz zu einem Blindenhund, zahlt dafür aber keine Kasse. „Wir waren sehr gerührt, dass durch eine Spendenaktion die benötigten 15 000 Euro zusammenkamen. Nie im Leben hatten wir damit gerechnet.“ Die Dankbarkeit der Mutter ist zu spüren. Seit gut einem Jahr ist nun die Australian-Sheperd-Hündin Amica Finns Schutzengel auf vier Pfoten.

Kerstin Köckert von der MKK-Hundeschule in Hanau, wo Amica ausgebildet wurde, gibt Auskunft, wie ein Hund Schritt für Schritt an seine Aufgabe herangeführt wird: „Zuerst wurde bei einem Besuch getestet, ob Hund, Herrchen und die übrige Familie sich überhaupt verstehen. Zu der Zeit hatte Amica schon alle Gehorsamsprüfungen absolviert, gezeigt, dass sie gelehrig ist und auch die nötige Spielfreude mitbringt. Die Arbeit muss dem Tier unbedingt Spaß machen.

Dann wurden der Hündin immer wieder im Laufe eines Jahres Kleidungsstücke des Jungen vorgelegt, die sie erschnupperte. Die Familie kam zu Besuch, um eine Verbindung zum Tier aufzubauen. Amica lernte Haus und Umfeld bei Stippvisiten in Schwarme kennen, bis sie dann vor gut einem Jahr zu Finn gezogen ist.“ Finn geht heute in die zweite Klasse der Schwarmer Grundschule – in Begleitung einer Assistentin, die ein Auge auf ihn hat.

Als Amica einmal erkrankte, saß Finns Mutter sechs Wochen lang Tag für Tag neben ihrem Sohn in der Schule. Das Dauermessgerät für seinen Blutzuckerspiegel hatte sie immer dabei. Es zeigt mit einem Piepton die Unterzuckerung an. „Meine Klassenkameraden kennen das“, grummelt Finn und ziemlich ungehalten fügt er an: „Ich rede nicht darüber.“ „Je älter er wird, desto mehr nervt ihn seine Krankheit“, sagt seine Mutter.

Kein Wunder, muss doch bei jeder Geburtstagseinladung vorher geklärt werden, was Finn essen darf und was nicht. Auf die Frage, ob Finn denn Sport treiben dürfe, strahlt er: „Ich bin Torwart beim TSV Mart-feld.“ Erstaunlicherweise schiebt er sich dabei ein Stück Schokolade in den Mund. Die ist dosiert erlaubt, weil sie lactose-, gluten- und zuckerfrei ist. „Alles was Finn isst, muss abgewogen werden, selbst die Zahnpasta wird portioniert “, erzählt Mutter Maike. „Ich koche inzwischen für die ganze Familie auf die Bedürfnisse des Jungen abgestimmt. Eis mache ich selber und backe eigenes Brot. Kleingedrucktes auf Lebensmitteln wird genau gelesen.“

Und dann kommt Amicas Einsatz. Finn legt die Notfalltasche heimlich auf ein Tischchen und gibt den Befehl: „Bring die Tasche!“ Sofort wuselt die Hündin im Zimmer herum, findet die Tasche und appor-tiert sie. Als Finn sich auf den Boden legt, bearbeitet Amica den Jungen mit beiden Pfoten. Sollte er im Notfall nicht reagieren, läuft sie etwa nachts zu den Eltern. Amica schläft in Finns Zimmer. Auch die Bedienung des Notfallknopfes an ihrem Schlafplatz demonstriert sie voll Eifer, als sie dazu aufgefordert wird.

Die kritischste Zeitspanne in Finns Tagesablauf ist die Nacht. Bevor er schlafen geht, muss er ein maisstärkehaltiges Getränk zu sich nehmen, das vier Stunden vorhält. Mehr können seine Organe nicht verarbeiten. Danach wird er geweckt für das zweite Getränk mit genveränderter Maisstärke, das acht Stunden Stabilisierung des Zuckerspiegels garantieren soll. Nach diesem Rhythmus richtet sich nun Nacht für Nacht nicht nur Finns Schlafdauer, sondern auch die seiner Eltern, seit bei ihm im Alter von sieben Monaten die Krankheit diagnostiziert wurde.

„Seit Amica da ist, bringt uns das große Erleichterung und deswegen haben wir zur Entspannung der Hündin jetzt eine zweite“, sagt Maike Kraczewski. Keks ist auch ein Australian-Sheperd, ebenfalls dreifarbig – mit dem seidenweichen Fell dieser Rasse. Sie ist genauso verschmust wie Amica, aber eben ein ganz normaler Hund ohne deren Fähigkeiten. „Um fünf Uhr gehe ich mit Mama, Oma und meiner Schwester ins Kino“, wirft Finn mal so nebenbei ein.

„Asterix im Land der Götter. Nee, Amica geht nicht mit.“ Dann klatscht er in die Hände. „Aber ich kann Popcorn essen!“ Auf die erstaunte Frage, ob das denn gehe, nickt er, grinst und sagt schelmisch: „Es gibt doch salziges Popcorn. Außerdem kann ich ja noch einen Salzstreuer mitnehmen.“ So etwas Simples wie Popcorn bedeutet endlich mal ein Stück Normalität für Finn, der doch auf so viele Dinge verzichten muss.

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