Ferkelkastration aus Sicht des Landvolks "Folgeabschätzungen werden missachtet"

Tobias Göckeritz vom Landkvolk Mittelweser steht der Ferkelkastration unter Betäubung skeptisch gegenüber und fürchtet einen massiven Strukturumbruch in der Landwirtschaft.
08.06.2018, 10:49
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Dominik Albrecht
Herr Göckeritz, Nadine Henke hat im Gespräch schon darauf hingewiesen, dass die Zahl der importierten Ferkel ab Januar 2019 ihrer Einschätzungen nach steigen wird. Sehen sie das auch so?

Tobias Göckeritz: Dafür möchte ich vorab ein paar Zahlen nennen. Wir hatten im Landkreis Diepholz vor zehn Jahren noch 36 900 Sauen, im vergangenen Jahr waren es noch 24 886. Von 58 Millionen Schweinen, die 2017 in Deutschland geschlachtet wurden, sind nur noch 44 Millionen in Deutschland geboren. Es wird also deutlich, dass bereits massiv Ferkel importiert werden. Diese Entwicklung setzt sich fort. Im vergangenen Jahr wurden 12,3 Millionen Ferkel aus den Niederlanden und Dänemark importiert. Dänemark ist dabei der größere Exporteur und expandiert weiter.

Sie stimmen der Vermutung von Frau Henke also zu?

Jeder deutsche Sonderweg, der beschlossen wird, führt dazu, dass die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Ferkelerzeuger schwächer wird.

Wie stehen Sie generell zu dem verabschiedeten Gesetz?

Es missachtet fundamental die Folgeabschätzung, führt zu einem massiven Strukturbruch in der Sauenhaltung bis hin zur Illegalität der Betriebe. Wenn ein Gesetzgeber ein Gesetz verabschiedet, ist er per Grundgesetz dazu verpflichtet, sich über deren Folgen Gedanken zu machen. Das ist hier nicht erfolgt. Das bedeutet, dass wir ein halbes Jahr vor Beginn des Gesetzes ohne brauchbare Alternativen für die Mehrzahl unsere Ferkelerzeuger dastehen. Das ist völlig unverantwortlich.

Aber es gibt doch sogar gleich drei Optionen.

Eigentlich nur zwei: die Ebermast oder die Kastration unter Vollnarkose.

Und die Immunokastration scheidet von vornherein aus?

Vielleicht nicht aus tierschutzfachlicher Sicht, aber aus Sicht der Schlachter. Die Immunokastration ändert nichts daran, dass der Eber ein Eber ist. Für den Schlachter bleibt das Tier so oder so ein Eber, weil er ihm nicht ansieht, ob er kastriert ist. Daher ist es egal, ob der Mäster die zweimalige Impfung durchführt, weil der Schlachter die Tiere nicht abnimmt. Denn das außereuropäische Ausland kauft grundsätzlich kein Fleisch von Ebern. Da die Schlachter aber Teile der Schweine – wie die Pfoten und auch Bäuche, die nach Asien verkauft werden – exportieren, kaufen sie Eber nur in stark begrenztem Umfang an. Und zurzeit kauft der deutsche Lebensmitteleinzelhandel sogar gar kein Fleisch von Ebern, die gegen den Geruch geimpft worden sind.

Dabei gibt es einen Weg, den Ebergeruch festzustellen.

Aber deutschlandweit gibt es im wesentlichen nur vier Schlachtkonzerne, die das prüfen können und Eber schlachten. Tönnies besitzt dabei mit rund 78 Prozent und 2,1 Millionen Ebern den größten Marktanteil, gefolgt von Westfleisch (eine Million Eber), Vion (750 000 Eber) und Ulmer Fleisch (50 000 Eber).

Okay, dann scheidet die Impfung aus. Wie sieht es mit der Ebermast aus?

Wir Landwirte hatten großes Interesse daran, die Ebermast auszuweiten, was auch zunächst geklappt hat. Bis 2016 ist es uns gelungen, kontinuierlich den Absatz von Ebern an Schlachthöfe zu steigern. Doch mittlerweile stagniert die Abnahmebereitschaft der Schlachthöfe. Aktuell haben wir einen Eber-Marktanteil von elf Prozent (2,7 Millionen Eber) – mit rückläufiger Entwicklung.

Dann sehen Sie in der Ebermast auch keine Zukunft?

Die Ebermast wird meiner Meinung nach mit einem Marktanteil von zehn bis elf Prozent bleiben. Dafür gibt es Absatzkanäle. Aber es wird mangels Markt keine Ausweitung mehr geben.

Und die Vollnarkose?

Eine Vollnarkose muss laut deutschem Recht von Tierärzten verabreicht werden. Die dafür benötigte Anzahl haben wir in unserer Region aber gar nicht. Und selbst wenn, wird das dazu führen, dass sich die Produktionskosten um die Kosten für die Ärzte erhöhen. Diese Kosten haben die Mitbewerber aus den Nachbarländern nicht. Die Transportkosten für Ferkel aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark liegen unter einem Euro. Als Ferkelerzeuger denke ich besonders an das Tierwohl. Ich habe viele kleine Saugferkel, die die Milch ihrer Mutter benötigen. Wenn ich die Ferkel in Narkose lege und danach noch eine Nachschlafphase einberechne, habe ich eine kleine Schmerzausschaltung, das Ferkel hat aber in der Zeit drei oder vier Saugzüge verpasst. Ganz zu schweigen von den Narkosemitteln.

Was meinen Sie damit?

Narkosen werden heute mit Ketamin und Azaperon durchgeführt. Das wird sonst nur bei schweren Tieren angewandt, die nicht mehr auf Muttermilch angewiesen sind. Die Kastration der Ferkel muss aber in der ersten Lebenswoche erfolgen. Bei der Geburt wiegen sie gerade einmal rund 1300 Gramm. Weil die Dosierung da ganz schwierig ist, verenden fünf Prozent der Tiere. Das bedeutet in Deutschland 1,1 Millionen zusätzliche tote Ferkel.

Das klingt im Ergebnis jetzt weniger befriedigend . . .

Ja, wir haben ein Gesetz, das praktisch nicht funktioniert. Die Ebermast ist sicher dabei der Königsweg, den können aber nicht alle gehen.

Nadine Henke hegt die Hoffnung, dass das Gesetz noch einmal verschoben und dadurch Zeit gewonnen werden kann. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Das Gesetz ist beschlossen. Da müsste von der Bundesregierung eine neue Initiative ausgehen, die das Gesetz zurückzieht, eine andere Übergangsfrist vorlegt und praktikable Alternativen vorgibt.

Gibt es denn reelle Alternativen?

Ein Vorschlag, der von einer großen Gruppe von Verbänden gemacht wurde, ist der schwedische Weg. Dabei wird eine lokale Betäubung der Hoden mit Lidocain und Adrenalin zugelassen, wodurch kein Tierärzte-Zwang besteht. Das wird aktuell so in Dänemark und Schweden gemacht.

Braucht es denn überhaupt ein neues Gesetz oder hätte es das jetzige auch getan?

Meiner Meinung nach muss eine Folgenabschätzung gemacht werden, welche Schmerzen und welchen Nutzen das Tier hat. Bei einer Vollnarkose verenden 1,1 Millionen Tiere. Wenn ich dagegen lediglich 20 bis 30 Sekunden Schmerz ohne schlimmere Folgen habe, weiß ich, wofür ich mich entscheiden würde. Die Schmerzbehandlung danach wird heute ja auch schon vorgenommen, daran würde sich nichts ändern. Eine 100-prozentige Schmerzausschaltung gibt es ohnehin nicht.

Das Interview führte Dominik Albrecht.

Info

Zur Sache

Tobias Göckeritz

ist gelernter Agrar-Ingenieur und seit 15 Jahren Vorsitzender des Landvolks Mittelweser – neben Christoph Klomburg. Der praktische Sauenhalter und Schweinemäster ist seit ihrer Gründung Teil der Arbeitsgruppe „Tierschutzplan“ des Landes Niedersachsen. Seit drei Jahren beschäftigt sich die Arbeitsgruppe mit der Frage der betäubungslosen Ferkelkastration.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+