Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen

Im Haus und im Alltag mobil bleiben

Das Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen in Syke wird fünf Jahre alt. Zahlreiche Menschen haben die Ausstellung bereits besucht. Coronabedingt laufen die Beratungen und Veranstaltungen zurzeit nur online.
07.05.2021, 17:32
Lesedauer: 4 Min
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Im Haus und im Alltag mobil bleiben
Von Claudia Ihmels
Im Haus und im Alltag mobil bleiben

Vor allem das barrierefreie Bad trifft bei den Beratungen von Silke Keller, Silvia Tannert und Rita Wegg (von links) auf großes Interesse.

Vasil Dinev

Landkreis Diepholz. Wer in seinen Bewegungen eingeschränkt ist, für den kann selbst das Überwinden einer kleinen Türschwelle zum Problem werden. Und andere, ansonsten alltägliche Handlungen sowieso: das Waschen im Badezimmer, das Treppensteigen und der Einstieg ins Auto zum Beispiel. Dass es aber für viele dieser Probleme Lösungen gibt, die Menschen mit Einschränkungen ein sicheres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen, zeigt seit fünf Jahren die Zukunftswerkstatt Gesundheit und Pflege im Kompentenzzentrum Barrierefreies Wohnen in Syke. Zahlreiche Menschen haben seit der Eröffnung die Ausstellung besucht und sich ein Bild davon gemacht, wie barrierefreies Wohnen funktionieren kann.

Rita Wegg, die Vorsitzende der landkreisweit aktiven Zukunftswerkstatt, ist nach wie vor unheimlich stolz darauf, dass es dem Verein mit einigen Mitstreitern gelungen ist, das Kompentenzzentrum zu realisieren. Die Notwendigkeit eines solchen Angebots hatte die Zukunftswerkstatt 2014, kurz nach ihrer Gründung, festgestellt. „Es gab im ganzen Landkreis keine unabhängigen Beratungsangebote über barrierefreies Wohnen in Form von Ausstellungen“, erzählt Wegg. Aufgrund des demografischen Wandels sei das aber „dringend erforderlich“ gewesen.

Ursprünglich wollte die Zukunftswerkstatt im Nord- und im Südkreis ein derartiges Angebot schaffen. Während das Südkreis-Projekt nicht zustande kam, fand die Zukunftswerkstatt für den Nordkreis mit Horst Burghardt, dem Schulleiter der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Syke, einen Mitstreiter. In Zusammenarbeit mit dem Landkreis Diepholz wurde schließlich ein Lichthof in den BBS-Räumen umgebaut, um Platz für das Kompetenzzentrum zu schaffen. Zur Freude des Vereins meldeten sich zudem einige Firmen, sodass es kein Problem war, den Raum auch mit Ausstellungsstücken zu füllen. Nach und nach sind sogar weitere Exponate hinzugekommen.

So gehört nun unter anderem ein barrierefreies Bad mit Dusch- und Toilettenstuhl, einer elektronischen Einstiegshilfe in die Badewanne, höhenverstellbarem Waschtisch und Dusch-WC zur Ausstellung. Ebenfalls findet sich dort ein intelligenter Kleiderschrank mit herunterklappbaren Kleiderstangen, damit man sich nicht strecken muss. Auch ein Pflegebett mit Personenlifter, ein Rollator, ein Rollstuhl, ein drehbarer Autositz, Funktionsgeschirr, Seniorentelefone, ein Hausnotruf und sogar ein Treppenlifter können im Kompetenzzentrum angeschaut und - unter normalen Bedingungen - auch ausprobiert werden. „Wir beraten jetzt telefonisch, aber das ist natürlich nicht dasselbe“, so Rita Wegg zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Für die ehrenamtlichen Beratungen sind Silke Keller und Silvia Tannert zuständig. Beide Frauen sind Diplom-Ingenieurinnen im Fachbereich Architektur. Im Jahr 2019 konnte die Zukunftswerkstatt zudem sechs weitere ehrenamtliche Wohnberater hinzugewinnen, die auch bereits entsprechende Schulungen absolviert haben. Insgesamt 469 Menschen sind seit der Eröffnung im Jahr 2016 persönlich beraten worden, wobei es coronabedingt im vergangenen Jahr nur noch 24 Beratungen waren und dieses Jahr noch keine. „Wir haben die Beratungen immer donnerstags angeboten, durchschnittlich gab es bei jedem Termin drei Interessenten“, sagt Rita Wegg.

Gerade in der Anfangszeit 2016/2017 sei das Interesse sehr hoch gewesen. „Wir sind auch von Vereinen und Verbänden eingeladen worden“, erinnert sie sich. Als Erfolg habe sich auch erwiesen, eine monatliche Veranstaltung im Kompetenzzentrum anzubieten. Nach den Pflegekursen und Vorträgen hätten viele Teilnehmer die Möglichkeit genutzt, sich die Ausstellung anzusehen. Es sei auch vorgekommen, dass Interessenten dann später für eine eigene Beratung wiedergekommen seien. „Außerdem bieten wir auch Hausbesuche an, um genau darauf eingehen zu können, wo die Schwachstellen sind“, ergänzt Silke Keller.

Sowohl bei den Beratungen als auch nach den Veranstaltungen hätten sich viele Menschen für das barrierefreie Badezimmer interessiert, hat sie beobachtet. Auch Möglichkeiten, Höhenunterschiede im Haus zu überwinden, seien oft nachgefragt worden. Dasselbe gelte für Hauseingänge mit Stufen. „Auch der Treppenlift ist sehr beliebt. Viele Menschen kommen nur, um ihn auszuprobieren“, fügt Rita Wegg hinzu. Und letztendlich ist laut Silke Keller auch immer die Finanzierung ein großer Teil der Beratung.

Durch die Corona-Kontaktbeschränkungen laufen die Beratungen nun vorerst telefonisch. Auch für die Veranstaltungen hat die Zukunftswerkstatt eine Alternative gefunden. „Wir bieten nun Online-Vorträge an, das läuft wie geschnitten Brot“, berichtet Rita Wegg. Die Zukunftswerkstatt hat deshalb bereits beschlossen, dieses Angebot auch nach Corona beizubehalten. Schließlich seien viele Interessierte in ihrer Mobilität eingeschränkt und könnten so dennoch einfach teilnehmen und sich informieren.

Info

Zur Sache

Die Zukunftswerkstatt

Die Zukunftswerkstatt Gesundheit und Pflege im Landkreis Diepholz wurde im März 2013 zunächst als Bürgerinitiative gegründet und ist seit 2014 ein eingetragener Verein. Derzeit zählt sie 52 Mitglieder, darunter 18 juristische Mitglieder, also zum Beispiel andere Institutionen. „Ziel der Zukunftswerkstatt ist die Erarbeitung von generationsübergreifenden Ideen und Konzepten in den Bereichen Gesundheit und Pflege, die kurz- oder langfristig nachhaltig in den Kommunen und im Landkreis umgesetzt werden können“, sagt die Vorsitzende Rita Wegg. Man verstehe sich als Ideenschmiede, die parteipolitisch und konfessionell unabhängig ist. Eine Stärke der Zukunftswerkstatt sei es, dass sie sich einzelnen Themen in Arbeitsgruppen annimmt, in denen jeder Interessierte mitarbeiten kann.

Das 2016 in den Berufsbildenden Schulen (BBS) in Syke eröffnete Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen ist das bislang größte Projekt der Zukunftswerkstatt. Weitere Informationen dazu, inklusive der aktuellen Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten, gibt es im Internet unter www.kompetenzzentrum-barrierefreieswohnen.de.

Zum Thema „Ein Leben lang zu Hause wohnen im Landkreis Diepholz“ hat die Zukunftswerkstatt außerdem bereits 2018 eine Broschüre mit vielen Erklärungen und Tipps herausgegeben. „Die erste Auflage war sofort vergriffen“, so Rita Wegg. Im vergangenen Jahr ist deshalb eine Neuauflage erschienen, die auf der Internetseite des Kompetenzzentrums und unter www.zukunftswerkstatt-diepholz.de kostenlos heruntergeladen werden kann. Auf beiden Internetseiten finden sich auch Informationen zu den aktuellen Online-Veranstaltungen der Zukunftswerkstatt.

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