Fußball

Der Muster-Stipendiat

Vom FC Gessel-Leerßen über SV Werder Bremen und den TuS Arsten auf die Fußballplätze der Vereinigten Staaten: Moritz Köster absolviert ein Sportstipendium in den USA.
10.08.2020, 19:25
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup
Der Muster-Stipendiat

Moritz Köster begann seine Laufbahn beim FC Gessel-Leerßen. Mittlerweile ist der Torhüter Sportstipendiat in den Vereinigten Staaten.

Thorin Mentrup

Es ist ein dicker Klunker. Ein Ring, wie ihn in den USA Superstars des Sports besitzen, Footballer Tom Brady oder Basketballer LeBron James. Doch auch Moritz Köster aus Gessel darf einen sein Eigen nennen. Sein Ring ist vielleicht nicht so pompös wie die in der Sammlung eines Brady oder James, aber er bedeutet dasselbe: den Gewinn eines großen Titels.

2017, direkt in seinem ersten Jahr als Sportstipendiat am Tyler Junior College in Texas, wurde der heute 21-jährige Fußballtorhüter mit seinem Team National Champion. Nationaler Meister. „Unglaublich“, sagt Köster. Er war im besten Team der amerikanischen Junior Colleges. Den personalisierten Ring ziert nicht nur sein Name, sondern auch das Abbild eines Apachen, das alle Athleten der Tyler auf der Brust tragen. Der Keeper ist jedoch nicht nur ein erfolgreicher Fußballer. Er hat auch akademisch einiges vorzuweisen.

Dabei war das Ausland für Köster lange Zeit kein großes Thema. Er war dort, wo er hinwollte: beim SV Werder Bremen. Über den FC Gessel-Leerßen hatte sich der junge Keeper empfohlen. Er zeigte Talent und landete in den Notizblöcken der Werder-Scouts. „Wir hatten eine ganz erfolgreiche Truppe in Gessel“, blickt Köster zurück auf Kreismeistertitel im Freien und in der Halle. Im Jahr 2010 streifte er sich das Trikot mit der Werder-Raute über. Doch es kam, wie es im Profisport und auf dem Weg dorthin so oft kommt: Nach mehr als fünf Jahren war Köster nicht mehr gefragt. Luca Plogmann, der noch immer als Zukunftsversprechen für das Werder-Tor gilt, rückte in den Fokus.

Profitiert von seiner Zeit beim Bundesliga-Nachwuchs hat Köster, der danach beim TuS Komet Arsten unterkam, dennoch. „Wenn du mehrfach in der Woche Torwarttraining hast, dann machst du natürlich einen Sprung“, weiß er. Was er gelernt hatte, öffnete ihm Türen. Er ist topfit, hat darüber hinaus noch etwas im Kopf. Warum also nicht in den Vereinigten Staaten Sport und Studium miteinander verbinden? „Die USA sind eine super Option, wenn man es hier nicht in die 3. Liga oder höher geschafft hat“, sagt er. Nicht umsonst seien etliche Jugendnationalspieler denselben Weg gegangen. An das Leben eines Profis kommt ein Kicker an der Tyler heran: Zum Team gehören ein Mannschaftsarzt, zwei Physiotherapeuten, ein Torwarttrainer, zwei Co-Trainer und der Chefcoach. Die Ausstattung und viele Plätze seien auf Topniveau. „Und in Texas ist Fußball Nebensache“, verweist Köster darauf, dass American Football und Basketball eine bedeutendere Rolle spielen. Auch wenn der Fußball aufgeholt hat.

Da ist der Klunker: Moritz Köster zeigt seinen Championship-Ring.

Da ist der Klunker: Moritz Köster zeigt seinen Championship-Ring.

Foto: Thorin Mentrup

Den Sprung in die USA hat Köster mit Hilfe von Timo Sürstedt (s. Bericht auf dieser Seite) geschafft. „Natürlich ist das ein ganz anderes Leben. Man muss sich darauf einlassen und offen dafür sein. Dann ist das eine tolle Erfahrung“, erzählt er. Im Team um Chefcoach Steve Clements sind Akteure aus aller Herren Länder aktiv, von Israel über Dänemark bis nach Südafrika und Haiti. „Man integriert sich schnell“, sagt Köster. Auf den Auswärtsfahrten, die gut und gerne sieben Stunden dauern können, aber auch im Training wachse man zusammen. „Wenn du bei den Übernachtungen vor den Spielen mit 30 Leuten auf einem Hotelflur bist, ist immer Action. Das macht schon Spaß“, schildert er seine Erfahrungen.

Das sportliche Leben ist durchgetaktet. Allein 25 Spiele kommen von Anfang September bis Mitte, Ende November zusammen. Auf dem Platz steht der Gesseler jeden Tag, dazu kommt Krafttraining. Im Frühjahr stehen Fitness und Ausdauer im Mittelpunkt. „Da haben wir nicht so viel vom Ball gesehen“, erzählt Köster. Wenn man mal vom Kopf müde sei, müsse man sich durchbeißen. Oft komme das nicht vor. „Was gibt es Schöneres als zu spielen?“, fragt er rhetorisch.

Die Schinderei zahlt sich aus. Vor allem Kösters erstes Jahr lief wie im Traum mit dem Titel des National Champions der NJCAA, der Organisation, die die Sportprogramme des Junior College und des Community College in den meisten Teilen der USA regelt. Der Ring ist das ewige Andenken. „Das ist schon geil“, sagt der Keeper und lacht. Sein Ring ist zugleich eine Visitenkarte, die in den USA, wo der College-Sport tausende Zuschauer begeistert, nicht nur symbolischen Wert hat. Er habe Gessel und Werder gegen ein sogenanntes Powerhouse getauscht, ein College also, das im Sport zur Elite zählt, findet Köster. „Tyler ist ein bisschen wie Bayern München, Real Madrid oder Liverpool“, zieht er einen Vergleich. Das Endturnier der Nationals fand im vergangenen Jahr auf der Tyler-Anlage statt. Auch wenn Köster und Co. nicht gewannen, „ist es eine ganz spezielle Atmosphäre, wenn aus dem ganzen Land die Teams einfliegen“.

Doch der Gesseler ist in den Staaten nicht nur Sportler. Er ist auch Student. Weil er beides auf einem Toplevel betreibt, also auch gute Noten vorweisen kann, ist er im vergangenen Jahr ins All-America-Team gewählt worden, eine Top-Elf derjenigen, die Sport und Studium auf beeindruckende Art und Weise verbinden. „Das ist eine Wahnsinns-Auszeichnung“, weiß Timo Sürstedt. Sie belege gleich mehrere Dinge: eine gute Ausbildung, eine hohe Disziplin und große Lust am Sport und am Studium. „Moritz ist ein Musterbeispiel für einen Studenten, den man vermitteln kann“, schwärmt Sürstedt.

Das Junior College hat Köster mittlerweile abgeschlossen, eine Art Vordiplom damit in der Tasche. Für seinen Bachelorabschluss muss er nun die Universität wechseln. Dieser Transfer war wegen der Corona-Pandemie nicht leicht zu realisieren. Die USA sind besonders schwer getroffen. Mehr als 160 000 Menschen sind bereits an den Folgen des Virus gestorben. Auch hinter dem Sport an den Universitäten steht ein Fragezeichen. Die Trainer zögern, Geld in Stipendiaten wie Köster zu investieren. Wer braucht Spieler, wenn es vielleicht keinen Spielbetrieb gibt?

Der 21-Jährige hat die gesamten Entwicklungen zuletzt aus Deutschland verfolgt. Seit Dezember war er in der Heimat, am Sonntag ist er zurück in die USA geflogen. Mit einer klaren Perspektive: An der Cumberland University in Tennessee wird er Business Administration und Management belegen. „Mal sehen, ob ich meinen Master auch noch schaffe“, wird er sein Studium trotz allen sportlichen Ehrgeizes nicht schleifen lassen. Beides auf Topniveau unter einen Hut zu bringen, soll sich für ihn langfristig auszahlen. „Viele Menschen schauen in den USA auf die Athleten. Auch beruflich, weil im Sport viele Werte gelebt werden, die man auch in der Arbeitswelt braucht“, weiß er, dass Tugenden wie Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein bei Arbeitgebern hoch im Kurs stehen. Darüber hinaus knüpft er wichtige Kontakte für die Zukunft. „An den Colleges entstehen ganze Netzwerke von Sportlern, die über viele Jahre Bestand haben“, öffnen sich ihm im Idealfall einige Türen.

Deshalb blickt Köster gespannt in die Zukunft, auch wenn es ihm jedes Mal schwer fällt, seine Familie und seine Freunde zu verlassen. „Aber alle gewöhnen sich daran. Mein Opa beschäftigt sich zum Beispiel intensiv mit unseren Gegnern. Er weiß mehr als ich. Das ist doch toll. Alle sind erst einmal traurig, aber dann kommt der Stolz, wenn sie hören, was man erlebt und wie man sich entwickelt hat“, weiß er. Für ihn ist ein Verbleib in den USA nach dem Abschluss des Studiums nicht ausgeschlossen. „Ich kann mir vorstellen, mir drüben etwas aufzubauen“, hält er sich alle Optionen offen. Warum auch nicht? Er hat noch Zeit zu entscheiden, wie es für ihn weitergehen soll. Bis dahin wird er Sport und Studium auf eine Art und Weise verbinden, wie er es in Deutschland kaum könnte.

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