Gleis 1

Was wird aus dem Kabarett-Tempel?

Seine Arbeit macht seinen Nebenjob unmöglich: Joachim Schröder wird sich künftig nicht mehr um Kabarett und Comedy im Gleis 1 kümmern. Aber die Stadt Syke ist gewillt, seine Aufgaben zu übernehmen.
15.09.2020, 17:05
Lesedauer: 3 Min
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Was wird aus dem Kabarett-Tempel?
Von Micha Bustian
Was wird aus dem Kabarett-Tempel?

Ein Bild für die Annalen: Joachim Schröder bei der Präsentierung eines Kabarettprogramms.

Janina Rahn

Syke. Die Theatersaison in Syke beginnt am Freitag, 25. September. Carmela de Feo wird dann federnden Schrittes die Bretter, die die Welt bedeuten, betreten. Eigentlich war „La Signora“ für das Gleis 1 eingeplant, aber die Auswirkungen der Corona-Pandemie machten einen Umzug ins Theater notwendig. So beginnt am 25. September also nicht nur die Theatersaison, sondern auch die Geburtstagssaison des Syker Kabarett-Tempels Gleis 1.

Seit zehn Jahren wird in der Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Syker Bahnhof regelmäßig Satire und Comedy angeboten. Doch wie lange noch? „Ich bekomme die Organisation neben meiner neuen Stelle im Bezirksverband Hannover zeitlich nicht mehr hin“, sagt Haupt-Organisator Joachim Schröder. Und es stehe auch kein Kollege parat, der Aufgaben wie Booking oder Kontakte übernehmen könne.

Das ist schon eine kulturelle Bombe, die Schröder da hat platzen lassen. Syke ohne das Gleis 1? Da würde etwas fehlen. Das Kabarettangebot ist neben dem Theater und den Konzerten der Kulturinitiative Jazz Folk Klassik eine der Säulen des Syker Kulturbetriebs, findet Erster Stadtrat Thomas Kuchem. Er sagt: „Wir überlegen, ob wir, in welcher Form auch immer, das Kabarett hier in Syke weiterführen. Es stellt sich nur die Frage: Ist das Theater dafür der geeignete Ort?“ Das sieht Joachim Schröder indes recht gelassen. Er geht davon aus, dass Carola Gähler, seine Nachfolgerin bei Awo-Trialog, „den Raum sicher gerne dafür herausrückt“. Und er selber würde sich freuen, „wenn ich meine Kontakte an die Stadt Syke weitergeben könnte“.

Die steht anscheinend bereit zu übernehmen. Doch ob das Gleis 1 weiterhin seinem Nebenberuf als Kabarett-Tempel nachkommen wird, bleibt offen. Nun hofft Joachim Schröder darauf, dass die letzte Saison unter seiner Leitung auch eine erfolgreiche wird. Er ist „dankbar“, dass Carmela de Feo, Timo Wopp am 2. Oktober und alle anderen von ihm engagierten Kabarettisten im Theater auftreten können. Aber der Kartenvorverkauf macht ihm Sorgen. „Die Menschen sind zurückhaltend geworden“, hat er beobachtet.

Eine Erfahrung, die auch Sykes Kultur-Fachfrau Kathrin Wilken bestätigt. „Wir sind schon mit den Preisen heruntergegangen“, erklärt sie. „Aber auch im Theater gestaltet sich die Nachfrage schwierig.“ Sicher, bekannte Größen wie Walter Sittler oder Heidi Mahler würden weiterhin nachgefragt. Aber sonst? Joachim Schröder kann die Zurückhaltung der Kunden verstehen. „Das ist die Altersgruppe 40 plus, die ist sehr vorsichtig.“ Generell findet Schröder diese Haltung richtig. Doch dann folgt das Aber. „Wie soll sich die Kultur erholen, wenn die Versuche, wieder an den Start zu gehen, nicht besucht werden“, fragt Schröder und nennt ein Problem der Veranstalter: „Wir müssen die Veranstaltungen absagen, wenn nicht eine Mindestzahl an Menschen Karten gekauft hat.“ Heißt: Künstler wie Markus Barth, Sascha Korf oder Sybille Bullatschek treten vor drei Zuschauern nicht auf. In solchen Fällen wird komplett abgesagt.

Torsten Sträter im Syker Theater

Auch er war zu Gast in Syke: Torsten Sträter.

Foto: Janina Rahn

Joachim Schröder setzt großes Vertrauen in die Stadt Syke. „So, wie die Stadt das im Theater organisiert hat, ist jede Veranstaltung sicher“, meint er. Kathrin Wilken sieht das ähnlich, startet einen Aufruf, den Weg ins Theater anzutreten. Trotz Virus. „Wir haben schon viele Erfahrungen mit Corona gesammelt. Wir haben ein Programm entwickelt, dass die Bestellungen automatisch auf die richtigen Plätze bucht, wir haben einzelne Sitzreihen aus dem Theater entfernt. Wir machen keine Pause, es ist kühler im Saal. Und wir haben zur Erklärung ein Video gedreht. Das hat alles geklappt. Das macht uns optimistisch, dass demnächst auch die Menschen wieder ins Theater kommen.“ Bei Unsicherheit mögen sich die Syker einfach im Rathaus melden.

Zurück ins Gleis 1: Seit etwa einem Jahr trägt sich Joachim Schröder mit dem Gedanken, sich selbst zu entlasten. Nun steht fest: Er wird es auch tun. Die Stadt Syke bekommt eine neue Aufgabe von ihm zugespielt. Thomas Kuchem ist bereit, diese Aufgabe anzunehmen. „Das Thema Kabarett und Comedy wird es in Syke weiter geben.“

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