Landkreis Diepholz Grün boomt - aber nur im Nordkreis

Landkreis Diepholz. Tom Speckmann aus Weyhe ist bei den Grünen eingetreten. Die Öko-Partei hat zurzeit einen großen Zulauf, der sich aber ungleich verteilt. Je städtischer die Gegend, desto stärker die Grünen, je ländlicher, desto schwächer sind sie.
29.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hauke Gruhn

Landkreis Diepholz. Tom Speckmann aus Weyhe ist bei den Grünen eingetreten. Nicht, weil es gerade "in" ist, sondern aus Überzeugung. Der 20-Jährige kann sich mit grüner Politik identifizieren, gegen Atomkraft ist er sowieso. Die Öko-Partei hat zurzeit einen großen Zulauf, der sich aber ungleich verteilt. Je städtischer die Gegend, desto stärker die Grünen, je ländlicher, desto schwächer sind sie. Daran könnte der gegenwärtige Boom zumindest etwas rütteln, glaubt der Bremer Parteienforscher Lothar Probst. Vor Ort ist man da skeptischer.

Hajo Wittig lebt in Diepholz. Dort war er 1978 Gründungsmitglied der Grünen. "Wir haben hier in der Stadt zumindest immer ein Ratsmitglied", erzählt er. Davon sei in den Gemeinden rings um die Kreisstadt nur zu träumen. "Da haben wir auch kaum Mitglieder." Die Bevölkerungsstruktur sei im Südkreis auch eine andere als im Nordkreis, gibt Wittig zu bedenken. "Wir hatten hier auch mal junge Mitglieder, die sind aber fast alle weggezogen, gerade die mit besserer Bildung." Zudem sei die Diepholzer Gegend klassisches FDP-Land. "Hier gibt es auch kaum Biolandwirte", beklagt Wittig. "Das ist schon sehr mager."

Vor 20 Jahren sei es noch viel einfacher gewesen, Leute für politische Veranstaltungen zu gewinnen, allerdings seien die grünen Aktivitäten in und um Diepholz auch "ausbaufähig", wie Wittig zugibt. Vom Boom der Grünen sei im Südkreis jedenfalls noch nichts zu merken, so der 62 Jahre alte Lehrer. "Es sind immer die gleichen Leute." Nicht einmal einen Ortsverein gibt es in Diepholz-Stadt. Wittig: "Dazu braucht man ja mindestens sieben Leute." Oftmals würde die Partei einfach ignoriert.

Dass sich die Grünen in den Umfragen auch dauerhaft über 20 Prozent ansiedeln, da hat selbst Elmar Könemund so seine Zweifel. "Wir hoffen aber, dass etwas davon übrig bleibt", erklärt der Vorsitzende der Grünen in Weyhe, der zugleich Sprecher des Kreisvorstandes ist. Immerhin: "Seit rund einem Vierteljahr haben wir deutlich mehr Zuwachs", berichtet Könemund. "Das hat wohl schon etwas mit den Umfragen auf Bundesebene zu tun", glaubt der Kommunalpolitiker. "Dadurch werden die Menschen motiviert, sich selbst zu engagieren."

Ein erster Impuls sei die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durch die schwarz-gelbe Bundesregierung gewesen, so Könemund. "Der grüne Höhenflug begann also lange vor Fukushima." Die Entwicklung im Südkreis könne mit der im Nordkreis nicht mithalten, gibt der Weyher zu. "Veränderungen gehen auf dem Land immer langsamer vonstatten. Und die Grünen stehen nun einmal für Veränderungen." Er spüre aber, dass die traditionelle CDU-Nähe bei vielen Landwirten derzeit bröckele. Die geplante Großanlage für 3200 Rinder in Barver sei so ein Knackpunkt, wo man ansetzen könne.

Professor Lothar Probst, Parteienforscher an der Uni Bremen, sieht die Grünen klar als Nutznießer des Streits um die Atomenergie. "Die Energiepolitik entwickelt sich immer mehr zum harten Politikfeld", hat er beobachtet. Der Boom der Grünen basiere auch nicht auf einer "Blase", konstatiert der Forscher. "Es gibt einen längerfristigen Trend hin zu den Grünen." Auch Probst schätzt, dass viele Landwirte nicht mehr klar der Klientel der CDU zugeordnet werden könnten. "Viele Betriebe schwenken durchaus auf Öko um."

Insgesamt würden die Grünen aber eher eine Stadtpartei bleiben, so Probst. "Aber eine Stadtpartei, die auch auf dem Land hinzugewinnen wird." Das Mitwachsen der Mitgliederschaft sei bei dem gegenwärtigen Positivtrend für die Grünen aber "ein Problem", so Probst. Es könne durchaus passieren, dass eine Partei wie die Grünen in einer bestimmten Gegend mehr Mandate vom Wähler erhalten als sie eigentlich Kandidaten haben. Dann würden die Mandate gegebenenfalls verfallen. Eine Gefahr, die auch Hajo Witting sieht.

Ob sich die Großanlage für Rinder in Barver als Wendepunkt für die Grünen im Südkreis eignet? Lothar Probst ist da vorsichtig, er kenne die Situation vor Ort nicht genau. "Aber es ist festzustellen, dass die Grünen immer dort, wo es auf dem Land Brennpunkte gibt, stärker als im Durchschnitt abschneiden." Das Wendland sei ein Beispiel dafür. "Bei brisanten Themen können die Grünen einbrechen in Bevölkerungsteile, die vorher nicht zu erreichen waren."

In Berlin werden die Diepholzer Grünen derzeit von Katja Keul vertreten. Die Nienburger Abgeordnete betreut Diepholz mit, da dieser Wahlkreis bislang keinen eigenen grünen Bundestagsabgeordneten stellt. "Auf die Ergebnisse bei der Kommunalwahl in Niedersachsen bin ich gespannt", sagt Keul. "Die Umfrageergebnisse kommen ja nicht unbedingt nur aus dem ländlichen Niedersachsen." Immerhin sei festzustellen, dass momentan fast alle Kreise deutlich an Mitgliedern gewinnen würden. Im ländlichen Raum hielte sie ein Ergebnis von zehn Prozent aber schon für "sensationell", so Keul.

Stefanie Henneke, grünes Stadtratsmitglied in Syke und ehemalige Landesvorsitzende ihrer Partei, glaubt an eine dauerhafte Etablierung ihrer Partei auf höherem Niveau. "Auch wenn wir bislang in Umfragen meistens besser standen als bei den Wahlen." Sie verspüre zurzeit "eine ganz neue Motivation" bei den aktiven Mitgliedern, so Henneke. Wichtig sei es, auch die "mittelalten" Menschen für grüne Politik zu gewinnen. "Die haben uns immer gefehlt." Die aktuelle Entwicklung sieht die Sykerin auch mit einer gewissen Genugtuung. "Die, die Grüne für Öko-Spinner halten, sterben langsam aus."

Tom Speckmann ist einer der Jungen, die sich künftig verstärkt für die Grünen engagieren wollen. Den Eintritt in die Partei vor zwei Monaten hat er sich dabei nicht leicht gemacht. "Man will ja eigentlich lieber eine gewisse Distanz wahren", sagt er. Zuvor hatte er eineinhalb Jahre die Grüne Jugend in Weyhe mitaufgebaut. "Da haben wir jetzt schon 20 Mitglieder, das ist schon ungewöhnlich viel für eine solche Gemeinde", findet er. "Und es werden immer mehr junge Leute." Gerade im Vorfeld der Baden-Württemberg-Wahl und nach Fukushima sei dieser Trend zu beobachten gewesen, erzählt der 20-Jährige.

Kreissprecher Elmar Könemund hofft natürlich, dass viele junge Grüne wie Tom Speckmann den Schritt in die Partei wagen. 14 neue Mitglieder sind seit Dezember kreisweit zur Partei gestoßen. Besonders groß ist der Zulauf in Weyhe. Allein hier gewannen die Grünen neun neue Mitstreiter - ein Zuwachs um ein Drittel. Für Weyhe hofft Könemund bei der Kommunalwahl nun sogar auf einen sechsten Sitz im Rat. "Letztes Mal haben wir knapp den fünften verpasst." Zeiten ändern sich. Das neue Selbstbewusstsein ist angekommen - zumindest im Nordkreis.

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