Das Diepholzer Frauen- und Kinderschutzhaus wird in diesem Jahr 25 Jahre alt / Virtuelle Beratung im Internet

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter

Landkreis Diepholz·Syke. Melanie (Name von der Red. geändert) ist heute 34 Jahre alt. Mit ihren beiden kleinen Töchtern hat sie in Syke ein neues Zuhause gefunden. Ihren ehemaligen Lebensgefährten sieht sie nur noch alle vier Wochen. Immer dann, wenn er die Mädchen abholt. An einem neutralen Ort, weit genug von ihrer Wohnung entfernt. Obwohl sie in ihrer Beziehung die Hölle erlebt hat, verharrt Melanie nicht in der Opferrolle. Sie spricht offen über ihr Schicksal. Über häusliche Gewalt, Vergewaltigung und ihre Zeit im Frauen- und Kinderschutzhaus Diepholz. Damit möchte sie anderen Betroffenen Mut machen.
17.05.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Landkreis Diepholz·Syke. Melanie (Name von der Red. geändert) ist heute 34 Jahre alt. Mit ihren beiden kleinen Töchtern hat sie in Syke ein neues Zuhause gefunden. Ihren ehemaligen Lebensgefährten sieht sie nur noch alle vier Wochen. Immer dann, wenn er die Mädchen abholt. An einem neutralen Ort, weit genug von ihrer Wohnung entfernt. Obwohl sie in ihrer Beziehung die Hölle erlebt hat, verharrt Melanie nicht in der Opferrolle. Sie spricht offen über ihr Schicksal. Über häusliche Gewalt, Vergewaltigung und ihre Zeit im Frauen- und Kinderschutzhaus Diepholz. Damit möchte sie anderen Betroffenen Mut machen.

Seit 1986 haben im Diepholzer Schutzhaus schon viele Frauen Zuflucht gefunden. In diesem Jahr feiert die Einrichtung ihren 25. Geburtstag. Sie steht in der Trägerschaft des Vereins zum Schutz misshandelter Frauen und Kinder im Landkreis Diepholz. Rund 120 Mitglieder zählt der Verein, dessen Vorsitzende Ingrid Chopra ist.

"Es gibt heute nicht mehr die klassische Frau, die freitagnachmittags bei uns mit den Kindern in der Hand und den Taschen unter dem Arm ankommt", sagt Doris Wieferich, Leiterin der Gewaltberatungseinrichtungen im Landkreis Diepholz. Häusliche Gewalt habe viele Gesichter, müsse differenzierter betrachtet werden. Wenn aus einem Abhängigkeitsverhältnis heraus etwas geschehe, was die Frauen nicht wollten, sei dies bereits eine Form davon. "Das können schon Worte sein", berichtet Doris Wieferich. Beispielsweise wenn eine Frau immer wieder gesagt bekomme, dass sie nichts könne, nichts wert sei. Oder finanzielle Gewalt. Männer, die auf dem Supermarktparkplatz noch den Einkaufsbon ihrer Frauen kontrollieren, fallen Doris Wieferich zu diesem Thema ein.

Bei Melanie war es schlimmer, viel, viel schlimmer. Handgreiflichkeiten gehörten für sie in ihrer langjährigen Partnerschaft schon zum Alltag. Eines Tages sprühte ihr Lebensgefährte ihr Pfefferspray ins Gesicht, legte ihr Handschellen an und zwang sie zum Geschlechtsverkehr. Vergewaltigung! Die beiden Töchter saßen zu diesem Zeitpunkt in der Badewanne und fragten sich, wo denn die Mama bleibt. "Hier", sagt Melanie, fährt mit den Fingern ihren Hals hinunter, "ich hatte überall Würgemale." Angst vor ihrem früheren Peiniger oder Hass verspürt die Sykerin nicht, wenn sie heute von ihrer Beziehungshölle erzählt. Mit diesem Kapitel ihres Lebens habe sie abgeschlossen.

Hilfe hat Melanie im Frauen- und Kinderschutzhaus Diepholz gefunden. Dort sei sie "zur Ruhe gekommen". Für Doris Wieferich ein ganz wichtiger Aspekt. Mit Rat und Tat hat sie Melanie in der schwersten Zeit ihres Lebens zur Seite gestanden, sie zum Anwalt oder Gericht begleitet. Dort Anträge (Kontakt- und Näherungsverbot) gestellt. Heißt übersetzt: Der Täter darf sich seinem Opfer nur bis auf eine bestimmte Entfernung nähern. Vor allen Dingen die gemeinsamen Gespräche mit Doris Wieferich hätten ihr gut getan, blickt Melanie im Nachhinein zurück.

Acht Plätze für Frauen und Kinder gibt es im Diepholzer Schutzhaus. "30 Prozent der Aufnahmen kommen aus dem Nordkreis", sagt die Leiterin. Darunter viele junge Frauen mit Kindern und Migrantinnen. Aber auch landkreisübergreifende Aufnahmen, aus Sicherheitsgründen gar welche aus anderen Bundesländern, seien an der Tagesordnung.

"Fast wie eine Wohngemeinschaft" - so beschreibt Melanie das gemütliche Ambiente im Frauenhaus. Dort wohnen die Frauen gemeinsam mit ihren Kindern in einem Zimmer und versorgen sich selbst. Küche, Bad und WC sind auf jeder Etage vorhanden und werden gemeinsam benutzt. "Vergangenes Jahr hatten wir eine Auslastung von 70 Prozent", rechnet Doris Wieferich vor. Für sie keine Frage, den 25. Geburtstag der Einrichtung den Betroffenen zu widmen. Für Dezember sei bereits eine Ehemaligenfahrt nach Bremerhaven geplant.

Der ambulante Beratungsbedarf im Schutzhaus steige, weiß Doris Wieferich. 130 polizeiliche Einsätze wegen häuslicher Gewalt habe es 2010 im Landkreis gegeben. Zum Netzwerk gegen häusliche Gewalt gehört nicht nur das Diepholzer Frauen- und Schutzhaus, sondern auch die Beratungs- und Interventionsstelle, genannt BISS. Auch in Syke werden offene BISS-Sprechstunden angeboten, und zwar in den Räumen der Beratungsstelle für Frauen und Mädchen im Haus der Hilfe am Bremer Weg 2. Manuela Grambart-Fiefeick kümmert sich in der Syker Beratungsstelle um Prävention und Nachsorge.

Seit 2009 wird unter der Internetadresse www.frauenhaus-diepholz.de auch eine Online-Beratung für Mädchen und Jungen angeboten. Die virtuelle Beratung umfasst Gruppenchats, Einzelchat sowie E-Mail-Beratung.

Übrigens: Seit 2007 ist auch Stalking eine Straftat. Häusliche Gewalt und Stalking stünden oftmals in engem Zusammenhang, sagt Doris Wieferich. Wie bei Melanie. Ihr ehemaliger Partner hat ihr noch lange nachgestellt. Wegen schwerer Körperverletzung und Vergewaltigung hat sie ihn letztendlich angezeigt. Ein Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt zu drei Jahren auf Bewährung lautete das Urteil des Gerichts. Das Sorgerecht für ihre beiden kleinen Töchter liegt bei Melanie, ihr Ex darf die Kinder heute lediglich alle zwei Wochen besuchen. Von seinem Umgangsrecht mache er jedoch nur einmal im Monat Gebrauch, erzählt die Mutter.

"95 Prozent der häuslichen Gewalt ist männlich", berichtet Doris Wieferich. Natürlich gebe es auch männliche Opfer. Sechs bis sieben hätten sich im vergangenen Jahr bei den Beratungsstellen des Landkreises gemeldet. Frauen würden subtiler häusliche Gewalt verüben als Männer. Also beleidigen und beschimpfen. "Auch Männer müssen sich organisieren", empfiehlt Doris Wieferich allen männlichen Opfern. Aus Angst, ein "Weichei" zu sein, würden sich aber viele nicht trauen, darüber offen zu sprechen. Sogenannte "Männerhäuser" sind heute noch Fehlanzeige.

Doch wie heißt es gleich in Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes? "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich."

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