Serie: Genuss regional - Teil 2

Wildkräuter: Kraftprotze aus der Natur

Heike König nennt ihren Hof in Jardinghausen bei Syke nicht nur „Königshof“, sondern auch „vegane Wildkräuter-Rohkost-Manufaktur“. König schwört auf Wildkräuter und vermittelt ihr Wissen darüber gern.
13.06.2020, 17:33
Lesedauer: 4 Min
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Wildkräuter: Kraftprotze aus der Natur
Von Catrin Frerichs
Wildkräuter: Kraftprotze aus der Natur

Die Dolden des Fliederbeerbaums sind zarte Gewächse. Einmal gepflückt, müssen sie zügig verarbeitet werden. Dafür verströmen sie ein betörendes Aroma.

Cora Sundmacher

Die Sonne wirft ihr Licht in den Garten von Heike König. Sie wärmt das Kopfsteinpflaster auf dem Hof. Dort stehen Holztische und -stühle, einige Bänke. Ein paar Besucher haben es sich mit einer Tasse Kaffee und selbst gebackenem Kuchen gemütlich gemacht. Sie plaudern über Kindererziehung und die letzten Ferien. Ihren Hof in Jardinghausen in der Nähe von Syke nennt Heike ­König nicht nur „Königshof“, sondern auch ­„vegane Wildkräuter-Rohkost-Manufaktur“. Dass heimische wilde Kräuter wahre Wunder wirken, davon ist sie überzeugt. Und davon will sie bei einem Rundgang ihren Gästen erzählen.

2009 hat sie ihr „Wilde Kost“-Programm ins Leben gerufen, womit sie Menschen zurück zur Natur führen möchte, wie sie sagt. König litt lange Zeit an einer Hauterkrankung. Viele Lebensmittel konnte sie nicht gut vertragen. Vor gut 30 Jahren stellte sie auf Anraten eines Arztes ihr Essen auf vegane Rohkost um. Ihr Gesundheitszustand besserte sich. Vor etwas mehr als zehn Jahren begann sie, bei der Zubereitung ihrer Speisen Wildkräuter zu verwenden – und schwört seitdem auf die Kombination von Kräutern und Rohkost. „Ich hatte seit 20 Jahren keine Erkältung mehr“, sagt sie. Ihre Haut? Makellos.

Wildkräuter enthalten viel mehr Vital­stoffe als alles, was man an grünen Blättern im Supermarkt kaufen kann, sagt Heike König. Mehr Vitalstoffe be­­deuten mehr Energie für den Körper. Wildpflanzen wachsen auf natürlichem Boden. Im Garten vom Königshof am Benser Weg 1 wuchern dicht an dicht Giersch, violett blühender Storchen­schnabel, Gartenschaumkraut mit kleinen weißen Blüten und Vogelmiere. Am anderen Ende des großen von Wald und Wiesen umsäumten Grundstücks wachsen Brennnesseln, Gundermann und Spitzwegerich. An einem schmalen Gang zwischen zwei Gebäuden entfaltet die mannshohe Goldrute ihre gelbe Blütenpracht.

Kräuter haben heilende Kräfte. Heike König kennt sich damit gut aus. Die mannshohe Goldrute, die auf ihrem Hof in einem Gang zwischen zwei Gebäuden wächst, hilft bei Nieren- und Blasenproblemen.

Kräuter haben heilende Kräfte. Heike König kennt sich damit gut aus. Die mannshohe Goldrute, die auf ihrem Hof in einem Gang zwischen zwei Gebäuden wächst, hilft bei Nieren- und Blasenproblemen.

Foto: FOTOS (2): Catrin Frerichs

Alles essbar. Alles gesund. „Vogelmiere enthält siebenmal so viel Eisen und bis zu achtmal sowie Vitamin C wie Kopfsalat“, erzählt die Kräuterexpertin und Heilpraktikerin. Giersch, der leicht nach Petersilie schmecke, sei wie fast alle Wildkräuter sehr reich an Vitamin C sowie eine gesunde Zutat für Saft und Pesto. Spitzwegerich wirke entzündungshemmend, die Blätter, weichgekaut und auf die Hand gespuckt, lassen sich als Paste auf Mückenstiche streichen. Goldrute sei gut für Nieren und Blase.

Bei der Kräuterwanderung durch den verzweigten Garten kommt es auf die Sinne an: riechen, fühlen, schmecken. Zu jedem Kraut kann die Expertin eine Geschichte erzählen. „Unsere Geschmacksnerven sind absolut verwöhnt“, sagt König und reicht ein paar Blätter Gundermann herum. „Der schmeckt etwas nach Ziege und ist toll im Salat.“ Wer auf wilde Kräuter zugreift, muss sich erst an die Intensität der Aromen gewöhnen. Gartenschaumkraut schmeckt ein bisschen scharf, wie milde Kresse. Welche Kräuter wann essbar sind, welche Stoffe sie beinhalten und was man mit ihnen zubereiten kann, hat Heike König in ihrem Buch „Die wilde Kost“ zusammengetragen. Zu den 25 Rezepten rund um das Jahr gehören etwa Wildkräuterrohkosttorten, Kräuterdip mit Bärlauch und Knoblauchrauke
sowie Salate mit Blüten und Kräutern. Das Buch ist mit vielen schönen Fotos bebildert. Es gibt Hinweise zu Erntezeiten und Inhaltsstoffen der Pflanzen. Das Buch verkauft sie für 23,90 Euro direkt auf ihrem Hof und über das Internet unter die-wilde-kost.com. Dort sind auch Termine für Seminare und Kräuterwanderungen zu finden.

Sirup aus Holunderblüten hat eine zartgelbe Farbe und einen intensiven Geschmack. Abgefüllt in sterile Flaschen hält er mindestens ein halbes Jahr.

Sirup aus Holunderblüten hat eine zartgelbe Farbe und einen intensiven Geschmack. Abgefüllt in sterile Flaschen hält er mindestens ein halbes Jahr.

Foto: Emma Janßen

Seit 2018 betreibt die Expertin ihren Königshof in Syke. Dort richtet sie Seminare und Workshops aus, etwa zu Fer­men­tation sowie Rohkostbroten und wilden Aufstrichen, dazu kommen Kochevents und eben Kräu­terwanderungen oder -rundgänge. Seit Neuestem bietet König Wildkräuter-Gartenberatungen an, damit Menschen ihren vielleicht schon vorhandenen Essgarten erkennen und nutzen können.

Der heutige Rund­­gang ist zu Ende. Die Besucher stehen in Grüppchen im Garten, plaudern noch ein bisschen miteinander, blättern in Heike Königs Buch und fangen ein paar letzte Sonnenstrahlen ein. Der ein oder andere probiert ein Stück der mit viel Liebe und voller Blütenpracht dekorierten Kuchen sowie das ursprüngliche Essenerbrot, das glutenfrei ist. Es besteht aus Buchweizen und angekeimten Sonnenblumenkernen.

Da Heike König weiß, dass vielen Menschen Wildkräuter zu bitter schmecken, zeigt sie ihren Gästen, wie sie ihre Smoothies mit einem Stückchen Obst, Stevia, Birken- oder Kokosblütenzucker versüßen können. „Wildkräuter“, sagt sie, „sind das Kraft­vollste, was man essen kann.“

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