Ehrenamtliche reparieren Fahrräder für Flüchtlinge / „Die Kundschaft soll mitwirken“

Hilfe zur Selbsthilfe

Bassum. Ein Kunde lugt über die Mauer aufs Gelände. „Was ist denn mit meinem Fahrrad?“, fragt er nach einer kurzen Begrüßung.
27.05.2015, 00:00
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Von Christoph Starke
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Es werde Licht: Stefan Seltmann (links) und Pit Rodenburg bringen die Birne zum Leuchten.

Udo Meissner

Ein Kunde lugt über die Mauer aufs Gelände. „Was ist denn mit meinem Fahrrad?“, fragt er nach einer kurzen Begrüßung. „Letzte Woche war geschlossen.“, antwortet Pit Rodenberg. Er gibt ihm zu verstehen, dass er es sich jetzt abholen könne. „Ich gehe erst zur Tafel und komme später wieder“, sagt der Kunde, bei dem es sich um einen Asylbewerber handelt. Und der nimmt die Dienste der ehrenamtlichen Fahrradwerkstatt am ehemaligen Weiterbildungszentrum in Bassum gerne in Anspruch.

Dort päppeln Pit Rodenberg, Stefan Seltmann, Rolf Lahmeyer und Sandro Schulz gebrauchte Fahrräder auf und geben sie an Flüchtlinge. „Wir möchten die Leute mobil machen“, beschreibt Rodenberg die Intention. Zum Beispiel, damit die Flüchtlinge von ihrer neuen Heimat Bassum zu den Sprachkursen nach Syke fahren können. In Konkurrenz zu Fahrradgeschäften will die Werkstatt nicht treten, betont Rodenberg, wünscht sich aber: „Zwei Helfer könnten wir noch gebrauchen. Manchmal ersticken wir hier in Arbeit.“ Und nicht nur Personal ist gewünscht. Seltmann: „Ersatzteile können wir auch immer gebrauchen.“

Das Gelände am Richtweg 12-14 gehört dem Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen (BNVHS). Vor mehr als drei Jahren wurde der Standort in Bassum allerdings geschlossen, seitdem steht das riesige Gebäude leer, das Gelände wird nicht genutzt – bis vor einigen Monaten Rodenberg und sein Team dort ihre ehrenamtliche Arbeit aufnahmen. Entstanden ist die Idee im Arbeitskreis Willkommen in Bassum (WiB), der sich um Flüchtlinge kümmert. Dort engagiere sich auch ein Bassumer, der beim BNVHS arbeitet, wie Rodenberg erzählt. So sei der Kontakt zustande gekommen. Rodenberg: „Wir sind Gast hier.“ Jeden Freitag öffnet die Fahrradwerkstatt um 15 Uhr.

Das Quartett arbeitet in der ehemaligen Holzwerkstatt des Bildungswerkes. Gut 150 Quadratmeter stehen den vier zur Verfügung. Rolf Lahmeyer und Sandro Schulz werfen den Kompressor an – und schon kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. „Bevor wir den Schlauch wieder einbauen, testen wir, ob die Schläuche auch die Luft halten“, erläutert Lahmeyer. Mit 18 Jahren ist Sandro Schulz der jüngste im Team. „Wir haben das Thema Flüchtlinge in der Schule durchgenommen. Das hat mich interessiert und ich wollte mich selbst engagieren.“ Über seinen ehemaligen Klassenlehrer Peter Faßbinder sei er zum WiB-Arbeitskreis gekommen. In Syke spiele er außerdem mit Flüchtlingen Basketball.

Während Schulz und Lahmeyer mit den Schläuchen beschäftigt sind, kontrolliert Seltmann ein rotes Damenfahrrad, das an Ketten hängt, die wiederum an der Decke befestigt sind. Seltmann will herausfinden, ob das Licht noch funktioniert. „Scheint ein Masse-Problem zu sein“, vermutet er. Er gibt dem Vorderreifen Anschwung und tatsächlich – es werde Licht! – die Birne fängt doch an zu leuchten.

Bei den meisten Rädern handele es sich um Spenden, lässt Rodenberg wissen. „Zum Teil richtig hochwertige Fahrräder.“ Etwa 40 Stahlrösser finden sich derzeit in der Werkstatt, mal mehr, mal weniger reparaturbedürftig. Die wenigsten seien fahrfähig. Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Motto. „Die Kundschaft soll mitwirken“, sagt Rodenberg. Die Ehrenamtlichen zeigen den Flüchtlingen dann, wie sie zum Beispiel einen kaputten Schlauch flicken können. „Speichen einzustellen, ist da schon schwieriger“, hält Rodenberg fest.

Etwa fünf funktionsfähige Fahrräder haben sie bisher herausgegeben. Die neuen Besitzer bekommen einen Fahrradpass. Dabei handelt es sich um ein grünes eingeschweißtes Kärtchen – die Ehrenamtlichen laminieren selbst –, auf dem Marke, Registrierungsnummer, Spender und der neue Besitzer stehen. Darüber führt die Werkstatt Buch. Zehn Euro nehmen die Ehrenamtlichen pro Rad. Pit Rodenberg und sein Team bitten die Kunden auch, speziellere oder kostspielige Ersatzteile selbst zu kaufen.

Ein bisschen hoffen Rodenberg und seine Mitstreiter, dass sich durch den Kontakt in der Werkstatt auch die Deutschkenntnisse der Asylbewerber verbessern. In der Halle hängt zum Beispiel eine Tafel, auf der ein Fahrrad gezeichnet ist. Die einzelnen Teile sind nummeriert. Daneben steht eine Legende, sodass auch Menschen mit geringen Deutschkenntnissen wissen, was gemeint ist, wenn die Hobby-Zweiradmechaniker von Lenker und Co. sprechen.

„Welches Fahrrad baut man jetzt auseinander, um ein anderes wieder fit zu machen?“, sei eine häufige Frage, schildert Rodenberg den Alltag. Reparieren können alle vier, mehr oder weniger.„Man lernt ja auch“, merkt Rodenberg verschmitzt an.

Er wolle einfach nur seinen Teil dazu beitragen, Migranten etwas Nützliches und Notwendiges zu bieten, erzählt Rodenberg und spricht wohl für alle vier. „Ich kann Technik, also mache ich das hier“, sagt der Maschinenbauingenieur und Berufsschullehrer im Ruhestand. Er selbst lebt gar nicht in der Lindenstadt, sondern in Stocksdorf bei Ehrenburg. „Ich hätte auch nach Sulingen gehen können, aber Bassum liegt mir näher.“

Wer mitarbeiten will, sollte beim Arbeitskreis Willkommen in Bassum vorbeischauen. Der trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat ab 17 Uhr in der Seniorenberatungsstelle, Alte Poststraße.

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