Holzskulpturen

Jedes Objekt hat seine Geschichte

Erwin Hohloch hat einen Blick für Holz. Von überall her bringt er welches mit und schnitzt daraus Skulpturen. Am ehemaligen Bahndamm in Syke sind sie zu bewundern, beim Verschnaufen auf einer Bank.
05.08.2021, 16:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Karsten Bödeker/kbö
Jedes Objekt hat seine Geschichte

Erwin Hohloch schnitzt seit seiner Jugend Skulpturen aus Holz. Seine bunte Schar steht am Weg zwischen den Gärten der Sulinger Straße und dem Baugebiet westlich der Sulinger Straße. Eine blaue Bank lädt zum Verweilen ein.

Karsten Bödeker

Syke. Erwin Hohloch hat als Maschinenschlosser gearbeitet. „In meiner Freizeit war Holz ein schönes Material zum Ausgleich“, schmunzelt er. Technisch versiert und interessiert war er schon immer, umtriebig ist er zudem. Das Resultat ist im heimischen Garten zu sehen – und dahinter am Spazierweg, der früher mal ein Bahndamm war. Überall, wohin das Auge schaut, stehen, hängen und baumeln unzählige Schnitzereien und Holzskulpturen. Hier ein Holzfisch, dort eine Biene oder ein Hase, ein Ast mit einem Gesicht oder nur ein bunter Stucken.

„Ich mag schiefes Holz.“ Zu jedem Objekt könnte Hohloch eine Geschichte erzählen, zumal auch Mitbringsel aus den Campingurlauben dabei sind. „Wenn in Norwegen am Fjord das Wetter schlecht ist, schnitze ich Schafe“, lacht er. Das Interesse am Holz, der Blick, was später aus einem Stück werden kann, führen auch mal zu besonderen Aktionen: „Diesen Ast hier habe ich am Königssee gefunden und auf dem Schiff mitgebracht. Da haben sich einige Leute gewundert.“

Besondere Aufmerksamkeit verdient seine Kunst im öffentlichen Raum. Am Weg zwischen den Gärten der Sulinger Straße und dem Baugebiet westlich der Sulinger Straße stehen hinter seinem Grundstück ein Dutzend seiner bunten großen Holzfiguren, eine blaue Bank lädt zum Verweilen ein. Ein Kleinod, ein Blickfang. „Mir geht es gut, da kann ich doch etwas für die Allgemeinheit tun“, sagt Hohloch.

Da seine Werkstatt direkt hinter dem Sichtschutz liegt und da er nahezu immer werkelt, kommt er oft ins Gespräch mit Menschen, die seine Werke bewundern. Die größte Freude ist ihm aber die Freude der Kinder aus dem nahe gelegenen Kindergarten. Für die hat er jüngst sogar ein Baumtelefon gebaut: Ein Rohr lugt aus dem Busch und der Anrufer muss einfach nur ein paar Schritte um den Busch gehen, schon ist er außer Sicht, dank der „Technik“ aber noch in Hörweite. Außerdem stehen dort die Fernsehmaus, ihr Elefant, eine keck um die Ecke lugende Giraffe, ein buntes Tier, eine Ente, ein goldener Thron. Und das Sammelsurium wächst weiter. Neuerdings klettert eine Eichhörnchenfamilie den Baum hoch. Sie fällt nicht nur wegen der roten Farbe auf.

Während Erwin Hohloch schon seit Jugendtagen schnitzt und werkelt, ist sein Kunstgarten am Verbindungsweg relativ jung. Vor etwa acht Jahren waren Ehefrau Sonja und er mit dem Rad nach Berchtesgaden gefahren, wo Tochter Petra lebt. Rund 1200 Kilometer schafften sie in 17 Tagen. Recht wenig Bänke zum Pausieren habe es gegeben. Umso mehr fiel ihm auf, dass an einer Stelle jemand einen Rastplatz mit zwei Holzfiguren gestaltet hatte. „Das wollte ich dann auch hinter unserem Haus, damit arme Wanderer etwas zum Ausruhen haben“, erinnert er sich lachend. Gesagt, gesägt, geschnitzt und so entstand die erste Figur. Etwa kniehoch ist sie, inzwischen wurde sie restauriert und neu bemalt.

Mit einer Kettensäge arbeitet er vor, ein Carver-Schwert leistet wichtige Dienste, mit einem Beitel geht es an die Feinarbeit. Im Laufe der Zeit fertigte er sich, Maschinenschlosser durch und durch, die Schnitzeisen selbst. Seine erste Figur war ein Hund – dachte Erwin Hohloch zumindest. Doch dann kamen die Kinder aus dem nahen Kindergarten mit ihrem untrüglichem Urteil. Denn der Hund sah, nun ja, einem Schwein doch sehr ähnlich. Die Kinder rätselten lautstark, Schwein oder Hund, bis ein Pöks meinte: „Das ist ein Schweinehund!“ Hohloch konnte darüber lachen, denn die Freude der anderen ist seine größte Freude.

Als Jahre später eine andere Figur fertig war, lud er zur Vernissage: Im Beisein der Vorschulkinder lüftete der Künstler den blickdichten Müllsack. Und es lag nicht an den zur Enthüllung gereichten Süßigkeiten, dass das kritische Publikum diesmal das Werk richtig einordnete: eine holzbraune Giraffe.

Auch Materialmix gehört zu seinem Repertoire. Als Hohloch an der heimischen Heizung den Druckminderer auseinanderbauen musste, wurde der alte zu einem Horn eines hölzernen Nashornes umfunktioniert. Für die Farben der Figuren setzt Hohloch auf ein Joint-Venture. Diese Arbeit überlässt er der Farbexpertin Anna Hammer, die nicht nur die Kabinen im Syker Freibad und den Eisenbahntunnel mit der Jugendgruppe Zebra Orange verschönerte. Praktischerweise ist sie Hohlochs Schwester. Kreativ und Einfallsreichtum liegen also offensichtlich in der Familie. „Als Kinder hatten wir kein Spielzeug, wir mussten uns selbst was bauen. So ging es früh mit Laubsägearbeiten los.“

Auch beruflich war Erwin Hohloch handwerklich eingebunden. Nach der Lehre bei Borgwardt arbeitete er in Bassum bei Kolbus, ehe er mit Anfang fünfzig Hausmeister im Pflegeheim Barrien wurde. Da er sein Material nur ausnahmsweise im Wohnmobil vom norwegischen Fjord oder aus den Südtiroler Bergen importiert, steht er im engen Kontakt mit dem heimischen Förster und wird informiert, wenn bei Fällarbeiten Reste abfallen. Pappel, Eiche, Kiefer, Kirsche – Hohloch kann mit vielen Sorten etwas anfangen. „Ich bin kein Profi, aber ich habe Spaß an der Arbeit.“ Wenn er gelegentlich auf Adventsmärkten ausstellt, geht es ihm nicht ums Finanzielle. Erwin Hohloch geht es ums kreative Werkeln, das kann der natürlich hölzerne Skispringer auf der Garage, das können die Vogelkästen im Garten sein. Tatsächlich wohnte da mal eine Eule drin, „aber die hab ich zufällig erschreckt, die kam dann nicht leider nicht wieder.“

Zur Sache

Stichwort Bahndamm

Die Häuser in der Syker Neustadt wurden in den 1950er Jahren gebaut. Die meisten Grundstücke sind rund 800 Quadratmeter groß und mit 15 bis 20 Metern eher schmal geschnitten. Direkt hinter den Grundstücken der Sulinger Straße führte auf einem bis zu drei Meter hohen Damm die vielbefahrene Bahnlinie von Bremen ins Ruhrgebiet. „Die Bahn gehörte dazu und es war auch für die Kinder klar, dass dort oben kein Spielplatz ist“, erinnert sich eine Anwohnerin. Vor gut 40 Jahren wurde die Bahnlinie für noch schnellere Fahrten begradigt und rund 100 Meter nach Westen verlegt. Es entstand ein Weg, der ab dem Jahr 2000 mit dem Baugebiet westlich der Sulinger Straße an Bedeutung gewann. Hohlochs Skulpturen stehen am Weg, also am ehemaligen Bahndamm und damit auf städtischem Gelände.

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